Rechnungs-Chaos bei den Stadtwerken

„Geht ja tausenden anderen Kunden genauso“: Münchner weiß nicht, welcher Strom-Hammer auf ihn zukommt

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    Willi Kohler wartet auf seine Stromrechnung.   
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  • Sascha Karowski
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Der Ärger um die Abschläge geht weiter. Weil die Stadtwerke München (SWM) immer noch nicht allen Kunden mitgeteilt haben, wie hoch die Stromrechnungen ausfallen werden, zählen auch Rathaus-Politiker das Unternehmen an.

München - Seit drei Monaten steht Willi Kohler (80) unter Strom. „Ich habe den Stadtwerken meinen Stromzählerstand am 8. April übermittelt – seitdem warte ich auf meine Rechnung.“ Vier Mal hat der Münchner schon bei dem Versorger angerufen. Mal sei er vertröstet worden, mal habe es geheißen, es gebe eine Rechnungs-Sperre wegen der Strompreisbremse und komplizierter Berechnungen. „Die Dame am Telefon hat gesagt, ich soll mich beruhigen, es gehe ja Tausenden anderen Kunden genauso.“ Doch Kohler hat keine Ruhe, er ist in Rage: „Ich weiß ja gar nicht, welche Kosten jetzt auf mich zukommen!“

Politiker kritisieren SWM - CSU-Chef: „Die Menschen in der Stadt werden überfordert sein“

Auch Politiker sind zornig. „Es ist unverständlich, dass es einem der größten kommunalen Energieversorger Deutschlands nicht gelingt, den Kunden mitzuteilen, wie hoch ihre Abschlagszahlungen und Stromrechnungen sein werden“, schimpft etwa CSU-Chef Manuel Pretzl. Seine Fraktion hat am Freitag mehrere Anträge zu dem Thema gestellt, es geht um mehr Transparenz und eine bessere Kommunikation mit den Kunden. „Die Menschen in der Stadt werden überfordert sein, hohe Nachzahlungen zu leisten, weil sie nicht die Möglichkeit hatten, Rücklagen anzulegen.“

Eine ähnliche Stoßrichtung verfolgen auch die Grünen, in einem Antrag der Fraktion wird der städtische Energieversorger zu Kulanz aufgefordert. „Vielen Haushalten droht das Risiko, plötzlich mit einer hohen Forderung der SWM konfrontiert zu werden“, sagt Fraktions-Chef Dominik Krause. „Für Haushalte mit geringerem Einkommen könnte sich das zu einer ernsten Situation entwickeln.“ Die Stadt solle daher darauf achten, dass niemand wegen dieser Situation in existenzielle Nöte gerät. „Ein städtisches Tochterunternehmen muss sozial verantwortlich handeln und denjenigen, die es brauchen, kulant entgegenkommen.“

SWM sollen Lösungen finden - Eine Sprecherin: „Über 65 Prozent der Nachzahlungen liegen unter 100 Euro“

OB Dieter Reiter (SPD) sagte auf Anfrage unserer Zeitung, als Aufsichtsratsvorsitzender der SWM habe er bereits darum gebeten, die Kunden rechtzeitig über die Entwicklung der Preise zu informieren und bei möglichen Zahlungsschwierigkeiten auch individuelle Lösungen zu finden. „Die SWM haben versichert, dass dies selbstverständlich auch bei den aktuellen Fällen vorgesehen ist.“

Laut Unternehmens-Sprecherin Bettina Hess liefe die Abrechnung seit Mitte Juni wieder im normalen Turnus, in Einzelfällen und bei bestimmten Verträgen könne es noch zu Verzögerungen kommen. „Bislang stellen wir aber keine Häufung von hohen Nachzahlungen fest, über 65 Prozent der Nachzahlungen liegen unter 100 Euro.“ Wer Zahlungsschwierigkeiten habe, solle sich mit dem Unternehmen in Verbindung setzen. „Wir haben schon immer mit Kunden individuelle Lösungen bei Zahlungsschwierigkeiten vereinbart. Dies entspricht der Unternehmenshaltung.“

Münchner Wirte befürchten hohe Nachzahlungen - Silja Steinberg: „Das kostet mich richtig viel Geld“ 

Jedes Mal, wenn Silja Steinberg den Briefkasten öffnet und wieder keine Post von den Stadtwerken drin ist, wird sie wütend. Wie Tausende andere wartet sie noch immer auf ihre Stromrechnung. Als Wirtin Hofbräukellers quält sie die Unsicherheit. „Ich habe ja keine Ahnung, wo ich finanziell gerade stehe. Ich weiß nur: Sechs Monate Nachzahlung - das kostet mich richtig viel Geld …“ Denn die ganze Küche im Inneren des Traditionslokals läuft über Strom, nur der Biergarten über Gas. Sie könne derzeit gar nicht richtig kalkulieren. „Ich weiß nicht, wieviel ich zurücklegen soll.“ Für die Stadtwerke hat sie in diesem Fall kein Verständnis mehr. „Das kann doch wirklich nicht sein. Wenn das Finanzamt sechs Monate auf mich warten müsste, ginge das doch auch nicht.“

Auch Christian Schottenhamel, Wirt und Kreisvorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbandes, wartet auf die Stromrechnung für seinen Betrieb am Nockherberg. Er ärgert sich: „Erst kürzlich habe ich wieder mit den Stadtwerken telefoniert - man kriegt keine Antworten.“ Es sei ein flächendeckendes Problem für Wirte, Clubbetreiber und Beherbergungsbetriebe: „Als Kreisvorsitzender der Dehoga habe ich unheimlich viele Anfragen von Gaststätten und Hotels, die seit Monaten keine Rechnungen bekommen.“ Bei ihm selbst sei es eine Riesensumme, die da zusammenkommen könnte, schätzt er. Er habe Rücklagen gebildet, das werden jedoch nicht alle getan haben. „Viele werden es nicht schaffen, so viel auf einmal zu zahlen und im schlimmsten Falle insolvent gehen.“ Schottenhamel findet: „Das sind desaströse Zustände bei den Stadtwerken.“

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