VonLudwig Hutterschließen
Ein Dorf in Ohnmacht: Am 16. Mai soll die Premiere der berühmten Passionsspiele in Oberammgau stattfinden. Doch steht der Termin wegen der Corona-Krise unter starkem Vorbehalt. Die Proben sind ausgesetzt.
Update vom 19. März, 16.01 Uhr: Die Passionsspiele in Oberammergau wurden abgesagt. Unter dem Link lesen Sie den ausführlichen Bericht zum Thema. Es gibt einen neuen Termin.
+++ Update 18. März, 17.30 Uhr:
Oberammergau – Am Freitag wäre Arno Nunn für drei Wochen nach Südafrika geflogen. Resturlaub abbauen, erholen, langsam auf die Zeit nach dem Bürgermeisteramt vorbereiten. Doch die aktuellen Ereignisse haben den Oberammergauer Gemeindechef eingeholt, an Relaxen ist nicht mehr zu denken. Seit Corona. Krisenmanagement ist das Gebot der Stunde. Dreimal in der Woche trifft sich der Gemeinderat nicht-öffentlich zu Sitzungen – Montag, Mittwoch, Freitag –, um jedes Mal aufs Neue die aktuelle Situation zu beraten und „alle möglichen Szenarien abzuklopfen“, wie es Nunn formuliert.
Passionsspiele und der Corona-Virus: „Die Situation spitzt sich zu“
Neben Maßnahmen in Verwaltung und bei den Betrieben, „um die Gemeinde am Laufen zu halten“, geht es natürlich zu allererst um den Passion und die Fragen, ob und wie das Spiel, das auf ein Gelübde von 1633 nach einer Pest-Plage zurückgeht, noch gehalten werden kann. „Der Druck wird immer größer, die Situation spitzt sich zu“, beschreibt der Bürgermeister die Lage dramatisch. Am Montagabend hat der Gemeinderat schon mal beschlossen, die Produktion für den Bildband sowie die Proben für die CD-Aufnahmen auszusetzen. Am Mittwochabend die nächste Sitzung: Was wurde da beschlossen? Eine Absage? Eine Verschiebung? Es wird immer unwahrscheinlicher, dass die Premiere (16. Mai) noch zu halten ist.
Passionsspiele in Oberammergau: „Komplette Streichung wird es nicht geben“
In einem Interview mit dem Bayerischen Fernsehen am Sonntagabend kündigte Landrat Anton Speer an, „dass es nicht mehr lange dauern wird“. Eine schwere Entscheidung sei es, die getroffen werden müsse. Auch Bürgermeister Arno Nunn gibt sich keiner Illusion mehr hin: „Es gibt ein Einreisestopp in ganz Europa, es dürfen keine touristischen Übernachtungen mehr angenommen werden, wer soll da noch zu uns nach Oberammergau kommen?“ Nunn erklärt, dass man in einem engen Austausch mit dem Landratsamt und dem Gesundheitsamt stehe. Eines macht das Gemeindeoberhaupt aber klar: „Eine völlig ersatzlose Absage der Passionsspiele, sprich eine komplette Streichung ohne ,Nachholtermin’, wird es nicht geben.“
„Viele Fragen, keine Antworten“: Auf diesen Nenner bringt Pressesprecher und Jesus-Darsteller Frederik Mayet die Situation: „Es wird mit jedem Tag schwieriger, den Premieren-Termin zu halten. Wir unterhalten uns auch darüber, ob man um ein, zwei Monate oder ein, zwei Jahre verschieben kann.“ Wenn schon, so Mayet, die Fußball-Europameisterschaft verschoben werde, „so halten auch wir den Druck irgendwann nicht mehr aus“. Spielleiter Christian Stückl hat erklärt, dass er noch vier Wochen benötige, um fertig zu proben. Ob ihm diese Zeit tatsächlich bleibt?
Jesus-Darsteller Mayet geht fest davon aus: Irgendwann kommt die Passion zur Aufführung
Felsenfest geht Frederik Mayet davon aus, „dass die fertige Produktion irgendwann zur Aufführung kommen wird“. Der Sprecher verdeutlicht, dass die Entscheidung auf einer rechtlichen Grundlage stehen müsse, dann man habe mit verschiedenen Partnern gültige Verträge, die nicht so ohne weiteres außer Kraft gesetzt werden könnten. Es sei eine große Ohnmacht spürbar: „Man kann nichts mehr steuern, nur noch reagieren.“ Klar ist Mayet im Übrigen auch: „Ganz egal, welcher Beschluss am Ende gefasst wird, er hat für Oberammergau weitreichende, drastische Folgen.“
Optimismus auszustrahlen in Zusammenhang mit Passion und Corona, das fällt den Verantwortlichen immer schwerer. Es fehlt eigentlich nur noch der finale Akt. Was für eine bittere Stunde für die vielen Mitwirkenden, Bürger und Partner.
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Ursprüngliche Meldung:
Oberammergau - Seit Monaten pauken die Darsteller ihre Texte - und Jesus hat erste Kreuzigungsproben bestanden: Mit Mütze statt Dornenkrone, denn am Kreuz war es im Freilufttheater von Oberammergau kalt. Seit Dezember fast jeden Tag haben die Hauptdarsteller für die Passion geprobt. Am Dienstag nun hat Spielleiter Christian Stückl die Proben wegen des Coronavirus bis 29. März ausgesetzt. Der Premierentermin steht aber noch. „Stand heute gehen wir davon aus, dass die Premiere am 16. Mai 2020 stattfinden kann“, heißt es auf der Homepage.
Jesus-Darsteller der Passionsspiele: „Wir lernen weiter unsere Texte“
Fast die Hälfte der gut 5000 Einwohner von Oberammergau soll auf der Bühne stehen, um der Tradition folgend das jahrhundertealte Schauspiel vom Leiden, Sterben und der Auferstehung Jesu zu zeigen. Die Volksproben mit vielen Menschen auf der Bühne waren eh schon ausgesetzt. Aber die Hauptdarsteller üben weiter. Sie haben auch zu Hause genug zu tun: „Wir lernen weiter unsere Texte“, sagt Jesusdarsteller Frederik Mayet, zugleich Sprecher der Passion.
Passionsspiele Oberammergau: Verschieben auf 2021 oder 2022 wird geprüft
Seit 2018 und teils noch länger laufen die Vorbereitungen für die Passion. 95 Prozent der Tickets für die rund 100 Vorstellungen sind verkauft, Stornierungen gibt es bisher nur wenige. Wenn es geht, soll das Stück nun auch auf die Bühne kommen. Die Spielleitung entwickelt vorsorglich aber auch ein Ausweichszenario. Es werde geprüft, ob „wir im Juni oder Juli Premiere haben oder ob wir um ein oder zwei Jahre verschieben könnten“, sagt Mayet.
Es wäre nicht das erste Mal, dass die Passion verschoben wird. 1920 wurde sie wegen der Folgen des Ersten Weltkriegs ausgesetzt und erst 1922 aufgeführt. 1870 musste das Spiel wegen des Krieges gegen Frankreich unterbrochen werden, es ging erst 1871 weiter.
dpa/lby
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