VonVeronika Ahn-Tauchnitzschließen
Sie verlangt Hingabe, Liebe, Verzicht und ständige Aufmerksamkeit: die häusliche Pflege von Familienmitgliedern. Und sie ist manchmal eine Herausforderung, die nur schwer zu bewältigen ist. Dies ist die Geschichte von drei Frauen aus dem Isarwinkel, die zu Hause pflegen.
Bad Tölz-Wolfratshausen – Es gibt diese Momente, da kann Ilse Müller (alle Namen geändert) einfach nicht mehr. „Jetzt stell dich doch nicht so an“, schreit sie dann ihren Mann an. Es sind Momente, in denen er es nicht rechtzeitig auf die Toilette geschafft oder sich wieder einmal im Hausflur ausgezogen hat. Meistens meint sie mit diesen Worten aber eher sich selbst, denn sie weiß, dass der Mann, den sie vor 55 Jahren geheiratet hat, nichts dafür kann, dass er heute so ist wie er ist. „Deshalb tut es mir auch sofort wieder leid, wenn ich ihn angeschrien habe. Aber manchmal ist es mir einfach zu viel“, sagt die 78-Jährige, die im Isarwinkel lebt.
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Die Demenz begann schleichend. „Ich habe immer einen gescheiten und tüchtigen Mann gehabt, der alles konnte und alles gemacht hat“, erzählt Müller. Dann fing es an. Am Anfang habe er nur mal das eine oder andere vergessen, dann erinnerte er sich plötzlich nicht mehr daran, was für ein Tag war. Als er versuchte, sich mit Zahnpasta zu rasieren, wusste die 78-Jährige das irgendetwas ganz und gar nicht mehr stimmte. Und es wurde schlimmer. „Er ist heute ein anderer Mensch als der, den ich geheiratet habe.“ Aber er sei immer lieb, nie gebe es ein ärgerliches Wort. „Er sagt mir immer: ,Wo Du bist, ist die Sonne“, sagt Ilse Müller.
„Richtig entspannt ist man nie.“
Anders war das bei Anna Schwer. Sie pflegt seit Jahren ihre demente Mutter, die noch dazu an Leukämie erkrankt ist. Die erste Pflegekraft, die im Haushalt der Eltern half, kam auf Bitten des Vaters nicht mehr, „weil meine Mutter ausfallend geworden ist, und das meinem Vater peinlich war“, sagt Anna Schwer. Seitdem ist sie alleine für die Pflege der 79-Jährigen zuständig. Wo es geht, hilft ihr Vater zwar mit, trotzdem verlangt ihr die Situation alles ab: Ihre Mutter geht schon mal mit den Fäusten auf die Tochter los und beschimpft sie, weil sie nicht mehr versteht, was in ihrem Leben vorgeht, weil ihr alles entgleitet. „Meine Mutter war eigentlich immer eine Powerfrau, ist arbeiten gegangen und hat die Kinder großgezogen.“ Sie selbst hatte allerdings immer ein distanziertes Verhältnis zu ihr. „Sie war eher eine harte Frau, umarmt wurde ich nie. Heute habe ich meinen Frieden mit meiner Mama geschlossen, sagt die 58-Jährige. „Ich trage ihr nichts mehr nach.“
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Oft aber hat Anna Schwer das Gefühl, dass ihr einfach alles zu viel ist. Dann, wenn die Mutter wieder einmal den Wandschrank mit der Toilette verwechselt oder die Windel samt Inhalt in tausend winzige Fetzen zerpflückt hat. „Aber dann sagt sie Sachen wie: ,Man kann Gott danken, wenn man eine Tochter hat‘. Das gibt einem auch wieder viel.“ Und sie könne ja auch nichts dafür. Wenn sie inmitten der schmutzigen Fetzen sitze, „sagt sie oft: ,Das schaut nicht schön aus‘.“
Anna Schwer wohnt fünf Kilometer weg von den Eltern. Das ist der Abstand, den sie braucht. Manchmal sitzt sie einfach nur auf der Terrasse und schaut ins Grüne, um abzuschalten, um wieder zu Kraft zu kommen für die Herausforderungen. „Richtig entspannt ist man nie. Immer, wenn das Telefon klingelt, denke ich, es ist wieder was Schlimmes passiert. Manchmal will mein Vater aber auch nur reden.“
Wo Worte nicht mehr ankommen, hilft manchmal Musik
„Nur reden zu können“ – das ist eine der Sachen, die Ilse Müller am meisten vermisst. Dass man sich mal über das eine oder andere Thema am Frühstückstisch austauschen kann, über das Wetter, die neuesten Nachrichten, den Klatsch im Dorf – „über irgendeinen Schmarrn“, sagt sie. Stattdessen herrscht heute Stille. „Man sagt einfach nichts mehr.“
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Wo Worte nicht mehr ankommen, hilft manchmal Musik. Vor allem Kinderlieder und Volksweisen wie „Die klappernde Mühle am rauschenden Bach“ mag die Mutter von Maria Wels besonders gerne. „Kinderlieder sind das Größte“, sagt die 48-Jährige. Früher hat sie in einem medizinischen Beruf gearbeitet, heute kümmert sie sich in erster Linie um ihre Mutter. Wenn die Demenz beginnt, „will man das lange nicht wahrhaben“. Aber als die Mama immer mehr vergaß, selbst die Lieblingskochrezepte, musste sie sich irgendwann der Wahrheit stellen. „Heute übernehme ich die Mutterrolle. Sie sagt auch manchmal Mama zu mir“, schildert Wels.
Um immer sofort helfen zu können, teilte sich die 48-Jährige mit ihrer Mutter lange das Ehebett. Über Jahre hat sie nachts nicht richtig geschlafen, „weil meine Mutter nicht weiß, welche Tageszeit ist und sieben Mal in der Nacht aufsteht.“ Die große Nähe im gemeinsamen Bett machte Maria Wels zu schaffen. „Manchmal musste ich nachts auf den Balkon gehen, weil ich das Gefühl hatte, ich bekomm’ keine Luft mehr.“ Schließlich kaufte sie ein Pflegebett. „Das hat mehr Raum geschaffen.“
Wie Wels hat auch Anna Schwer ihren Beruf aufgegeben. Doch sie träumt davon, irgendwo zumindest wieder einen Minijob annehmen zu können. Irgendetwas, wo man in Kontakt mit Menschen sei. Sie hat ein Vorstellungsgespräch vereinbart. Sie wird auch hingehen, obwohl sie eigentlich weiß, dass dafür kein Raum in ihrem Leben ist.
Jede kleine Auszeit ist hart erkämpft
Jede kleine Auszeit ist hart erkämpft. Dass sie ein paar Tage nach Italien fahren wird, wird sie ihrem Vater erst im letzten Moment sagen. „Das letzte Mal hat er mich am Abend vor der Reise gefragt, ob ich es nicht absagen kann“, erinnert sie sich. Aber sie müsse diese Zeit einfach für sich haben, um einmal loslassen zu können. Großes Programm braucht sie nicht in dieser Auszeit. „Ich will einfach nur am Meer spazieren gehen.“
Darum, dass für ihre Mutter gesorgt ist, hat sie sich gekümmert. Ihre Schwester, die einige 100 Kilometer entfernt wohnt, wird sie vertreten. „Aber das schlechte Gewissen bleibt immer.“ Schwer hatte zuvor versucht, einen Kurzzeitpflegeplatz zu bekommen. „Der nächste wäre in Rosenheim gewesen. Das kann ich meinem Vater nicht antun“ – und auch nicht ihrer Mutter. „Alleine hat sie Angst.“
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Um für sich selbst etwas mehr Raum zu gewinnen, hat die 58-Jährige überlegt, ihre Mama in eine Tagespflege zu geben. Das aber sei aussichtslos. Der Grund: Wie viele Demenzkranke läuft die 79-Jährige einfach los – bis sie jemand aufhält oder bis sie nicht mehr kann. „In der Tagespflege hat man mir gesagt, sie nehmen niemanden, der weglaufgefährdet ist“, sagt Schwer.
Ilse Müller hat es zumindest hier leichter. Ihr Mann besucht an verschiedenen Tagen eine Tagespflegeeinrichtung. „Beim ersten Mal ist es mir schwergefallen, ihn hinzubringen. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich dachte, dass ich ihn abgeschoben habe“, sagt sie. In den Urlaub nimmt sie ihren Mann mit. „Aber ich muss ihn natürlich immer im Blick haben. Das ist schon manchmal aufreibend“, sagt Müller.
Wer zu Hause pflegt, muss oft seinen Beruf aufgeben
Auch die Mutter von Maria Wels besucht eine Tagespflege. „Mittlerweile kommt sie dort gut zurecht.“ Wichtig sei, dass sie dort gefördert werde. „Das kann ich zu Hause so nicht.“ Dabei schaue sie schon, dass ihre Mutter auch daheim kleine Aufgaben erledigt. „Sie will ja gebraucht werden.“ Deshalb hilft ihre Mama aus dem Rollstuhl heraus beim Zusammenlegen der Wäsche oder trocknet ab. Tupperschüsseln, nichts Zerbrechliches. „Dafür braucht sie zwar eine halbe Stunde, aber das macht nichts“, sagt Maria Wels und lächelt.
Wer zu Hause pflegt, kann meist kaum noch nebenbei arbeiten. Entsprechend eng ist es oft finanziell. „Wenn wir das Pflegegeld nicht hätten, wäre ich verratzt. Ich verdiene ja nichts mehr – und meine Mutter hat null Rente“, sagt Wels. Ähnlich ist es bei Anna Schwer. Gut 700 Euro Pflegegeld im Monat bekomme sie für ihre Mutter. Davon muss sie weite Teile des eigenen Lebensunterhalts bestreiten. Außerdem gibt es Geld für Sachleistungen. „Beispielsweise werden Windeln bezahlt – allerdings nur zwei Packerl im Monat. Meine Mutter braucht aber eines in der Woche“, sagt Wels.
Obwohl alle drei Frauen manchmal an der Grenze der Belastbarkeit stehen, kommt ein Umzug des Angehörigen in ein Heim für sie nicht in Frage. „Lieber würde ich noch jemanden einstellen, der mir hilft“, sagt Ilse Müller. Sie wisse aber auch, dass sie in der glücklichen Lage sei, sich das leisten zu können, fügt sie hinzu. Natürlich hadere sie manchmal mit ihrem Schicksal und fragt sich, warum es ausgerechnet ihre Familie treffen musste. Oft findet sie dann Halt im Glauben. Morgens beten sie und ihr Mann zusammen. „Dann bitten wir die Muttergottes, dass sie auf uns aufpasst und wir den Tag gut rumbringen.“
Informationen
für pflegende Angehörige hat der Landkreis auf www.seniorenkompass.net zusammengefasst. Zudem gibt es zwei Fachstellen für pflegende Angehörige: Die Tölzer Caritas-Kontaktstelle Alt & Selbständig ist unter der Telefonnummer 0 80 41/ 79 31 61 01 oder Mail Kontaktstelle@caritas-toelz.de erreichbar; die BRK-Fachstelle in Geretsried unter Telefon 0 81 71/93 45 10 oder Mail an fachstelle@kvbad-toelz.brk.de
