Künstlersäulenhalle an der Ammer

Pollings „begehbarer Weltatlas“: Die Stoa 169 gibt‘s jetzt auch als Buch

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„Als wäre sie vom Himmel gefallen“: Die Künstlersäulenhalle „Stoa 169“ bei Polling.
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Die „Stoa 169“ gibt es jetzt auch als Buch. Der frisch erschienene Bildband ist selbst ein gewichtiges Werk – mit tollen Fotos der Künstlersäulenhalle nahe der Ammer und aufschlussreichen Texten.

Polling – Sie war und ist in jeder Hinsicht eine kühne Idee, die „Stoa 169“ an der Ammer bei Polling. Dass sie Wirklichkeit geworden ist, diese offene Halle mit Säulen von über 100 Künstlern aller Kontinente, darüber staune er auch anderthalb Jahre nach Fertigstellung noch jeden Tag aufs Neue, gibt Initiator Bernd Zimmer zu.

Katalog ist selbst ein Kunstwerk

Welch’ Weltkunst auf dieser Wiese entstanden ist, die man auf die letzten paar hundert Meter nur zu Fuß oder per Rad erreicht, das demonstriert nun auch ein Buch: „STOA169. Die Künstlersäulenhalle“, herausgegeben von der „Stoa 169 Stiftung“ selbst und erschienen im renommierten Münchner Hirmer Verlag, hat die Funktion eines Katalogs und ist in seiner Opulenz und wertigen Machart doch selbst ein Kunstwerk. Stolze 1,6 Kilogramm wiegt dieser Band, der weder mit fantastischen Fotografien noch mit mächtigen Worten geizt. Nach einer eindrucksvollen Dokumentation der Entstehung wird jede einzelne der bis heute installierten 113 Säulen mit einem großen Bild, einem Zitat des jeweiligen Schöpfers und Informationen zur Person vorgestellt. Es folgen mehr oder weniger kurze Texte, die mal arg akademisch aufgeplustert (die Gedanken des Münchner „Haus der Kunst“-Kurators Damian Lentini „Über Öffentlichkeit und zeitgenössische Kunst“), meist aber wirklich erhellend sind – und die loben, was zu loben ist.

„Die Stoa 169 ist eine künstlerische Quadratur des Kreises“

Mit dieser Säulenhalle, schreibt der Musikkritiker Helmut Mauró, pflanzten die aus über 50 Ländern stammenden Künstler „nicht nur Bäume des Friedens und der Versöhnung der Völker, sondern sie teilen diesen Frieden mit jedem, der sich diesem Ort schieren Menschseins nähert“. Der Schriftsteller Tilman Spengler schwärmt von einem „begehbaren Weltatlas in Polling“. Gerald Meier, bei der „Stoa 169 Stiftung“ für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, verweist auf die Zahlen-Allegorie der quadratischen Anlage mit elf mal elf Säulen: „Darin steckt die Symbolik der Primzahl. Die sich nur durch 1 oder sich selbst teilen lässt und somit eine geschlossene Einheit bildet, die, wie ein Kreis, immer wieder auf sich verweist. In diesem Sinne ist die Stoa 169 eine künstlerische Quadratur des Kreises.“

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Von den Anfängen und seinen Absichten, vom philosophischen Hintergrund, von ganz praktischen Dingen und auch von Schwierigkeiten berichtet Bernd Zimmer in einem Gespräch mit Corinna Thierolf, der langjährigen Hauptkonservatorin in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Der Initiator erklärt, wie die Künstler ausgewählt wurden, warum die Halle nicht ebenerdig in die Wiese gesetzt werden konnte und weshalb er letztlich froh ist, dass dieses Projekt aus eigener Kraft und nicht vom Staat realisiert wurde. Sonst wären Zäune und Begrenzungsmauern unvermeidlich gewesen, und die Stoa „hätte eine ganz andere Aura“, meint Zimmer: „Jetzt wirkt die Halle, finde ich, ganz selbstverständlich und gleichzeitig überraschend, so als wäre sie vom Himmel gefallen.“

Die Säule von Jonathan Meese war nicht realisierbar

Interessant ist, warum einige bekannte Künstler nicht in der „Stoa 169“ vertreten sind: Manche hätten aus Altersgründen abgesagt, erläutert der Initiator, „anderen fiel es schwer, sich mit dem Thema der Säule im Kontext ihres künstlerischen Schaffens zu beschäftigen. Mit Gerhard Richter waren wir zum Beispiel lange im Gespräch, leider konnte er sich bis zum Schluss zu keiner Arbeit entscheiden.“ Und der Plan von Jonathan Meese war schlicht nicht umsetzbar: Er wollte eine schräg stehende Säule, die keine statische Funktion hätte übernehmen können.

Positionierung der Säulen war eine Herausforderung

„Diffizile Herausforderungen“ waren teilweise auch die Positionierungen der Säulen im Raum. Zu Fragen der Stabilität und Wetterfestigkeit kamen inhaltliche Überlegungen. So schaue der indisch-europäische Stier von Enzo Cucchi „in Richtung Westen, indirekt nach Amerika“, sagt Zimmer, die Giraffen der kenianischen Künstlergruppe „Ocean Sole“ stehen „in Richtung ihrer Heimat“, und „das auf dem Kopf stehende arabische Wort Freiheit, erdacht vom syrischen Künstler Tammam Azzam, blickt in Richtung Mekka“.

Gedacht sei die Säulenhalle – in der die Stiftung täglich nach dem Rechten schaue – „in die Zukunft und die Ewigkeit“, so Zimmer. Der Beton bekomme bald Schlieren und Verfärbungen, könne aber „100 Jahre unbeschadet altern“. Und selbst wenn sie „in einer fernen Zukunft“ doch zur Ruine werde, fügt Thierolf an, „verliert sie nicht ihre Bedeutung, denn sie ist ein erstaunliches Abbild unserer Zeit geworden, auch in diesem endlosen Dilemma, positive Impulse zu setzen und dabei letzten Endes der Natur doch etwas wegzunehmen.“

Das Buch

„STOA169. Die Künstlersäulenhalle“ ist erschienen im Hirmer Verlag: 276 Seiten, 132 Abbildungen in Farbe, 23 x 28,7 cm, gebunden, 45 Euro. Info: stoa169.com.

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