VonNora Linnerudschließen
Christiane Mühlbauerschließen
Die Bau-Branche hat seit Monaten volle Auftragsbücher. Nicht nur Privatleute, auch Kommunen stehen deshalb vor Problemen.
Bad Tölz-Wolfratshausen – Bei der Sichtung von Angeboten vor der Vergabe von Bau-Aufträgen kommt es derzeit in Städten und Gemeinden im Landkreis häufig zu langen Gesichtern: Immer wieder liegen die Kosten über dem Rahmen, den man sich eigentlich vorgestellt hatte – teilweise sogar erheblich. Drei Beispiele: In Geretsried kostet der Rohbau des neuen Eisstadions eine Million Euro mehr als geplant. In Benediktbeuern wollte man im Frühjahr eigentlich den Gemeindepark modernisieren – doch das einzige Angebot einer Firma lag 70 Prozent über dem Schätzpreis. In Münsing muss die Gemeinde für den Rohbau des Heizwerks 40 Prozent mehr ausgeben als veranschlagt.
„Auf dem Markt gibt es gerade einen Mangel an Baufirmen und Fachkräften“, sagt Münsings Bürgermeister Michael Grasl. Für das Heizkraftwerk habe die Verwaltung elf Firmen kontaktiert, aber nur eine Firma aus Wolfratshausen habe ein Angebot abgegeben. Grasl bereitet die Lage Sorge: „Wir können ja nicht einfach aufhören zu bauen.“
Weil die Zinsen niedrig sind, wird derzeit viel investiert, vor allem in Immobilien. Die Bayerische Bauindustrie begründet die hohen Preise mit höheren Arbeitskosten und gestiegenen Materialpreisen, vor allem bei Betonstahl, Baustahlmatten und Bitumen. Zudem gebe es von staatlicher Seite immer mehr Regulierungen und Vorschriften. Weil Lagerplatz auf Deponien fehle, hätten sich Entsorgungskosten in den vergangenen fünf Jahren fast verdoppelt.
„Eventuell basieren Kostenschätzungen auf einer veralteten Datenbasis oder berücksichtigen nicht alle Aspekte, die zur Ausführung der Leistung erforderlich sind“, sagt Veronika Brand, Unternehmenssprecherin der Baufirma Krämmel. Ein weiterer Grund könne darin liegen, dass Kostenschätzungen häufig auf Basis abgewickelter Projekte erstellt und aktuelle Entwicklungen im Bereich Material- und Personalkosten nicht berücksichtigt werden.
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Die angespannte Lage auf dem Markt wirkt aber auch auf die Firmen wie ein Ping-Pong-Ball. Die Tiefbaufirma von Kilian Willibald aus Schlegldorf verlor vor Kurzem drei Aufträge – „weil es nicht reicht, wenn wir nur die Rohre verlegen“, berichtet der Chef. Denn finde sich niemand für zum Beispiel Beton- und Holzarbeiten, „dann scheitert gleich das ganze Projekt“.
In Lenggries hatte die Gemeinde laut Bürgermeister Werner Weindl „bisher großes Glück“. Große Projekte schreibe man im Winter aus, wenn die Firmen das Auftragsjahr planen. Es bleibt spannend: In der Kommune laufen derzeit die Ausschreibungen für die Neugestaltung des ehemaligen Gasthofs Post. Anfang April sollen weitere Aufträge vergeben werden.
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In der Stadt Bad Tölz gab es bislang nur selten das Problem, dass keine Angebote eingingen, berichtet Pressesprecherin Birte Otterbach. „Allerdings ist die Zahl der eingehenden Angebote höchst unterschiedlich“, sagt Otterbach. Es sei abhängig vom Gewerk, der Ausschreibungsart und der Größe des Auftrags. „In letzter Zeit kommt es jedoch vermehrt vor, dass nur sehr wenige Angebote zu einer Ausschreibung eingehen, und diese sind dann mitunter deutlich teurer als die Schätzung.“
Es sei nicht abzusehen, wie sich der Markt weiter entwickeln werde, sagt Thomas Loibl, Pressesprecher der Stadt Geretsried. „Das bereitet unserem Bauamt wirklich Kopfzerbrechen.“ Es gebe nahezu keinen Wettbewerb zwischen den Firmen.
Bisweilen sei es möglich, nachzuverhandeln. „Aber wenn es dann immer noch zu viel kostet, ist es manchmal an der Zeit, ein Projekt zu hinterfragen“, sagt Loibl. Eigentlich versuche Geretsried, lokale Firmen zu fördern. „Aber die Lage am Markt führt dazu, dass wir eben auch Firmen aus Ostdeutschland oder Südtirol beauftragen.“

