Ausstellung im Kunstturm

Pure Provokation am Volkstrauertag

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Sehen sich selbst als humorvolle Provokateure: Die Münchner Künstler Michael Heininger (li.) und Wolfram P. Kastner.
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Unter dem Titel „Zorn“ stellen die Münchner Künstler Michael Heininger und Wolfram P. Kastner provokante Arbeiten im Kunstturm aus.

Wolfratshausen – Schon der Zeitpunkt der Vernissage war eine gezielte Provokation: Während am Volkstrauertag die Gebirgsschützen mit Gewehren am Schwankl-Eck vorbeimarschierten, eröffneten Michael Heininger und Wolfram P. Kastner im Kunstturm ihre gemeinsame Ausstellung „Zorn“. Kastner sorgte vor acht Jahren in Dietramszell für Aufsehen, als er eigenmächtig die Büste des Reichskanzlers Paul von Hindenburg von der Klostermauer schraubte. Nun protestiert der 75-Jährige unter anderem gegen Monumente, die an die Opfer der beiden Weltkriege erinnern. Dazu gehört der Marienbrunnen in der Altstadt.

Die Aufschrift auf dem Muschelkalksockel der Mariensäule („Sie starben für Vaterland“) missfällt Kastner nicht nur aufgrund des fehlenden Buchstabens „s“. Bürgermeister Klaus Heilinglechner hatte dagegen in seiner Rede am Volkstrauertag ausdrücklich betont, wie wichtig es sei, die Erinnerung wachzuhalten. In Wolfratshausen, am Denkmal für die gefallenen Soldaten, dem Marienbrunnen, als „Ausdruck der Trauer“. Heilinglechner wörtlich: „Nicht als Verherrlichung eines Kriegseinsatzes.“ Aktionskünstler Kastner stößt sich nicht nur am Denkmal in der Altstadt, sondern ihm missfällt zudem das militaristische Auftreten der Gebirgsschützenkompanie am Volkstrauertag – inklusive Böllerschüssen. Als Kontrapunkt hat er im Obergeschoss des Kunstturms ein Wohnzimmer im deutschen Flecktarnmuster gestaltet. Direkten Bezug zur Loisachstadt haben die Porträts von Sophia und Moses Freimark. Der jüdische Viehhändler lebte mit seiner Frau am Obermarkt 16/18, beide wurden am 15. Juli 1942 von den Nationalsozialisten ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. „Es wäre schön, wenn an dem Haus eine Gedenktafel angebracht wird“, regte Kastner an.

Hakenkreuze und Pleitegeier wehen in der Wolfratshauser Altstadt. Michael Heiningers Karikatur provoziert.

Ebenso wie er besuchte auch Heininger kürzlich die Flößerstadt, um sich nach eigenen Worten ein persönliches Bild von den architektonischen und anderen Besonderheiten zu machen. „Mir fielen besonders der Leerstand in einigen Schaufenstern und die vielen Beschilderungen auf“, berichtete Heininger. Entlang der Häuserzeile am Obermarkt entdeckte der Künstler Fahnenhalterungen. Prompt verzierte er eine seiner Karikaturen mit roten Hakenkreuz- und Pleitegeier-Fahnen. Gelb-weiße Fahnen symbolisieren die katholische Kirche. Und weil ihn die Muse in Wolfratshausen offenbar kräftig geküsst hatte, schuf Heininger noch flugs eine weitere Karikatur. Das zentrale Motiv: Die Wolfs-Statue im Innenhof des Rathauses, versehen mit einem Urinstrahl über der Aufschrift „Kein Trinkwasser“.

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„Ich parodiere gerne, man muss die Tristesse humorvoll sehen“, erklärte der 77-Jährige bei der Vernissage im Kunstturm gegenüber unserer Zeitung. Kastner gab ihm recht – auch wenn er wegen seiner in der Regel provozierenden Aktionen schon mehrmals verklagt wurde. „Weil meine Werke keinen Interpretationsspielraum zulassen, hatte ich immer wieder Stress mit dem Gericht“, sagte Kastner.

Daniela Satzinger vom veranstaltenden Kulturverein Isar-Loisach (KIL) freut sich nun auf viele neugierige Besucher der Ausstellung, die vom Bund für Geistesfreiheit und der Giordano-Bruno-Stiftung ermöglicht wurde. Die Bilder, Cartoons, Objekte und Installationen sind noch bis 14. Dezember jeweils Samstag von 15 bis 18 Uhr und Sonntag von 12 bis 18 Uhr sowie nach persönlicher Vereinbarung zu sehen.

Info

Neben der Ausstellung laden der Kulturverein Isar-Loisach und die Künstler zu verschiedenen Vorträgen ein. So referiert Prof. Klaus Weber am 16. November über „Jagdszenen aus Oberbayern“. Wolfram P. Kastner meint am 23. November: „Nicht ich provoziere, sondern die Zustände provozieren mich!“ Michael Heininger vermittelt am 30. November eine „Kleine Geschichte der Karikatur“. Zur Finissage kommt der Musikkabarettist Ecco Meineke mit seinem Programm „Oh Du Zornige-e-he“. Alle Veranstaltungen beginnen um 19 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos.

ph

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