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Was geschah mit UC 71? Das U-Boot sank unter mysteriösen Umständen Ende des Ersten Weltkriegs. Der Lenggrieser Unterwasser-Archäologe Florian Huber hat das Rätsel gelöst.
Lenggries/Kiel – Auf eine faszinierende Reise nimmt Florian Huber (43) seine Leser in seinem neuen Buch mit. Der Unterwasser-Archäologe, der in Lenggries aufgewachsen ist, hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit „UC 71“ auseinandergesetzt – einem U-Boot, das im Ersten Weltkrieg im Ärmelkanal stationiert war und unter mysteriösen Umständen sank. Die Geschichte hatte Huber immer schon interessiert. Das U-Boot sollte nach Kriegsende nach England überführt werden, es kam aber nie an. Dass in einem Schreiben des Kommandanten erwähnt wurde, das U-Boot sei wegen des schlechten Wetters gesunken, sei ihm „komisch vorgekommen“. Deshalb wollte er die Umstände untersuchen.
Bei seinem Tauchgang zum U-Boot-Wrack fühlte er sich wie an einem Tatort. „Wir haben geschaut, was ist hier passiert.“ Und bald gab es Hinweise, dass der Kommandant nicht ganz die Wahrheit berichtet hatte. „Er hatte geschrieben, er habe alle Luken schließen lassen. Wir fanden aber zwei Luken und alle Schotten offen vor.“ Für Huber war somit klar, dass das U-Boot absichtlich versenkt worden war – um es nicht an den Feind ausliefern zu müssen. „Aber der 100-prozentige Beweis fehlte.“
Über seine Forschungsarbeit drehte der Lenggrieser zwei Dokumentationen, die in NDR und ZDF ausgestrahlt wurden. „Zufällig hat ein Mann aus Dresden die Doku gesehen. Er hat mich angeschrieben, dass sein Großonkel der vierte Maschinist auf dem U-Boot gewesen ist“, sagt Huber. Er habe noch Tagebücher von seinem Vorfahren. Der Maschinist beschreibt darin die 18-monatige Reise von UC 71. „Dort waren 23 oder 24 junge Leute. Die mussten sich eine Toilette teilen und abwechselnd in den Kojen schlafen“, berichtet Huber. Man bekomme genau mit, wie es an Bord eines solchen U-Boots zugegangen sei. „Die Schlachten, die Ängste.“ Und tatsächlich verriet der Mann auch, wie es zum Untergang gekommen war. „Der letzte Satz im Tagebuch ist: ,Kein Engländer soll das Boot betreten‘“, sagt Huber. Und damit sei klar, dass das Boot absichtlich versenkt worden war. Menschen waren bei dem Untergang von UC 71 übrigens keine zu Schaden gekommen. Sie retteten sich rechtzeitig auf den Schlepper, der das Boot zog.
„So ein Ergebnis für eine jahrelange Forschung wünscht sich jeder“, sagt Huber. Die menschliche Komponente durch die Tagebücher verleihe der Geschichte etwas Lebhaftes. „Das ist die perfekte Story, fast schon verfilmbar“, sagt er lachend. Jetzt aber ist die Geschichte erst einmal als Buch erschienen. Es ist eine Mischung aus Hubers Forschungserzählungen und Auszügen aus dem Tagebuch des Maschinisten. „Ich habe versucht, alles möglichst spannend zu gestalten“, so Huber. Dazu gibt es zahlreiche Bebilderungen von U-Booten aus dieser Zeit.
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Als nächstes möchte Huber nun eine Ausstellung auf Helgoland organisieren, um die Geschichte von UC 71 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Ein Bauteil des U-Boots wurde bereits geborgen. Weitere Teile oder gar das ganze U-Boot zu heben, sei ziemlich schwierig, da die Konservierung sehr kostspielig ist. Immerhin steht das Wrack dank Hubers Initiative inzwischen unter Denkmalschutz. Der 43-Jährige möchte außerdem noch die Besatzungsliste veröffentlichen – in der Hoffnung, dass sich vielleicht noch ein Nachfahre meldet und weitere Details verraten kann.
Das Buch
„Kein Engländer soll das Boot betreten“ ist im Rowohlt-Verlag erschienen und kostet 24 Euro als Hardcover-Buch und 14,99 Euro als E-Book.
Auch in Russland ist es zu einem Unfall auf einem U-Boot gekommen. 14 Menschen kamen ums Leben.
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