Vierte Anlage ihrer Art in Bayern

„Schießkino“ soll Landkreis-Jäger fit für die Wildschwein-Jagd machen

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„Da glaubst, du stehst im Walde“: Auf die sechs Meter breite und rund drei Meter hohe Leinwand des Schießkinos können aktuell rund 60 Szenen projiziert werden. Für die perfekte Illusion zwitschern Vögel und grunzen Wildschweine aus den Lautsprechern. Wer mag, kann seine Schießleistungen sogar vom Computer beklatschen lassen. Aber Vorsicht: Wer nicht trifft, wird ausgebuht.
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Auf Gut Waltersteig eröffnet Anfang Dezember ein sogenanntes „Schießkino“. In der modernen Video-Simulationsanlage sollen Jäger unter anderem lernen, wie sie Wildschweine richtig bejagen. Fachmänner beobachten ihre Ausbreitung mit Sorge.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Sie sind intelligent und schnell: Wildschweine. Entsprechend anspruchsvoll ist ihre Jagd. Der Schuss muss so gekonnt platziert werden, dass die Tiere quasi in die Kugel hineinlaufen. Ausgeschlossen, diese Technik in der freien Wildbahn zu erlernen. Die Gefahr, dass ungeübte Schützen die Tiere nur verletzen statt zu töten, ist zu groß. Abhilfe schaffen soll ein „Schießkino“, das demnächst auf Gut Waltersteig in Betrieb geht.

Solche modernen Video-Simulationssysteme gibt es bislang nur wenige in Bayern. Die in Eurasburg ist die vierte Anlage ihrer Art im Freistaat, sagt Betreiber und Kreisjagdberater Vollrad von Poschinger. Der Computer wertet jede Bewegung des Schützen aus, zeigt auf, was er falsch und was er richtig gemacht hat. Ein Kameraaufsatz am Übungsgewehr liefert die Daten zu. Zwei Beamer übertragen die Filmsequenzen auf zwei Leinwände. Eine davon ist im 45-Grad-Winkel geneigt. „Um das Schießen auf Flugwild zu üben“, sagt von Poschinger. Vor allem aber können die Jäger trainieren, auf „bewegte Ziele“ zu schießen, so der Fachausdruck.

Vollrad von Poschinger

Die Jäger in der Region praktizieren derzeit meist das Gegenteil: Vom Hochsitz aus schießen sie auf langsam vorbeiziehende oder stehende Rehe und Hirsche. Der wachsenden Wildschwein-Population in der Region sei mit dieser Art des Jagens nicht beizukommen, sagt von Poschinger. Effektiver sei es, die Tiere mit Hilfe von Hunden und Treibern in ihren Einständen aufzuschrecken und sie dann auf der Flucht zu töten. Drückjagd nennt sich diese Vorgehensweise. Klingt brutal. Für die Tiere sei es aber ein deutlich stressfreieres Ende als etwa die Fahrt von Hausschweinen zum Schlachthof. Eine Wahl hätten die Jäger nicht. „Allein aus gesundheitlichen Gründen“, sagt von Poschinger mit Blick auf die afrikanische Schweinepest. Die Seuche hat Deutschland zwar noch nicht erreicht, sei den Landesgrenzen durch Fälle in Tschechien und Belgien aber bereits gefährlich nahe gekommen. Vorsichtshalber sollen die Bestände möglichst klein gehalten werden.

Außerdem verursachen die Wildschweine im Landkreis laut von Poschinger enorme Schäden. Auf der Suche nach Engerlingen und Pflanzenwurzeln graben sie ganze Wiesen um. Oder durchpflügen frisch eingesäte Felder, weil sie an die Maiskörner wollen. Kommt der Bauer zum Mähen, hat er nicht nur Erde in seinem Viehfutter. „Durch die Hinterlassenschaften der Wildschweine schimmelt das Gras auch schnell.“

2017 gab es nach Angaben der Unteren Jagdbehörde 83 Abschüsse, im Jahr zuvor waren es 64. Die Zahlen werden von Poschinger zufolge weiter steigen: „Die Wildschweine vermehren sich sehr schnell.“ Vor fünf bis sechs Jahren gab es im Oberland noch gar kein Schwarzwild. Inzwischen streifen geschätzt 300 bis 500 Tiere durch den Landkreis. Viele von ihnen leben in den Kochelsee-Mooren und Schilf-Flächen entlang der Loisach. Aber auch im Osten, in Reichersbeuern, Gaißach und in der Jachenau beispielsweise, gibt es zahlreiche Wildschweine. „Und es werden immer mehr.“

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Kreisjadvorsitzender Wolfgang Morlang verfolgt die „aufziehende Schwarzwildproblematik“ ebenfalls mit Sorge. Deshalb zeigt er sich sehr froh über das neue Angebot auf Gut Waltersteig. Übungsmöglichkeiten in Form von Schießständen gibt es ihm zufolge wegen der hohen Auflagen nämlich nur noch wenige. Doch die Praxis ist wichtig. „Die Tiere sollen nicht leiden, es sind auch Kreaturen Gottes“, sagt Morlang. Deshalb müsse jeder Schuss sitzen und möglichst schnell zum Tod führen. „Da hilft nur üben“, betont Morlang. Das gelte nicht nur für Jungjäger in der Ausbildung, sondern für alle. „Dafür ist das Schießkino ideal.“

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Die Technik eignet sich laut Betreiber vom Anfänger bis zum Profi. Der Schwierigkeitsgrad kann individuell angepasst werden. „Das Schöne ist, dass jeder schießen kann“, sagt von Poschinger. „Man braucht keinen Waffen- oder Jagdschein.“ Auch Nicht-Jäger können sich also ausprobieren und auf Dosen oder Ballons schießen. „Das ist dann wie bei einer Schießbude auf dem Oktoberfest.“

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Weitere Informationen

Unter www.gut-waltersteig.de finden Interessierte in Kürze einen Online-Belegungsplan. Alternativ sind unter 08179/1011 telefonische Reservierungen möglich. Eine Stunde im Schießkino kostet 85 Euro – egal, wie viele Personen teilnehmen. Optimal sind laut Betreiber Gruppen zwischen sechs und acht Leuten.

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