Die Versorgungslage mit Allgemeinmedizinern

Hilfe bei Schmerzen oder Infekten: Reichen die Hausärzte in der Region aus? Wo Probleme drohen

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In der Region ist die Anzahl der Hausärzte (Symbolbild) in fast allen Bereichen noch gut - allerdings gibt es auch Gemeinden mit Sorgen und ein Problem für die kommenden Jahre.
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  • Sophia Huber
  • Julian Baumeister
    Julian Baumeister

Bei medizinischen Problemen führt der erste Weg meist zum Hausarzt. Die Allgemeinmediziner kümmern sich um Erstdiagnosen, behandeln Krankheiten von A bis Z oder überweisen zum Spezialisten. Doch was passiert, wenn es zu wenige gibt? Wie die Region versorgt ist – und in welchen Orten Probleme drohen.

Rosenheim – Es ist meist die erste Hilfe, wenn es irgendwo zwickt. Wer Schmerzen, Fieber, eine Infektion oder eine andere Erkrankung hat, ist oft erstmal auf einen Hausarzt angewiesen. Noch besser ist es dann, wenn der Allgemeinmediziner seine Praxis direkt vor der Haustür hat oder die Wege zumindest kurz sind und man sich krank nicht in den nächst größeren Ort schleppen muss. Die Versorgungslage mit Hausärzten ist allerdings von Region zu Region unterschiedlich.

Bayerns Süden zum Teil gut mit Hausärzten versorgt

In der Region vom Mangfalltal über Rosenheim und Mühldorf bis ins Berchtesgadener Land schaut es gut aus – allerdings nicht überall. Das lässt ein Blick in den „Versorgungsatlas“ der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) vermuten. Darin veröffentlicht die Vereinigung die Anzahl der Ärzte pro Landkreis, die Altersstruktur und den Versorgungsgrad – das Verhältnis der benötigten Anzahl an Ärzten gemessen an der Einwohnerzahl. Wenn dieses bei 100 Prozent liegt, ist die Region ausreichend versorgt, bei 110 Prozent zählt der Bereich sogar als überversorgt.

Genau über dieser Marke liegt der Landkreis Rosenheim. Die KVB teilt die Rosenheimer Region in drei – gewöhnungsbedürftige – Bereiche. Die „beste“ Versorgung mit Hausärzten hat die Gegend um die Stadt Rosenheim, zu der Kolbermoor und Stephanskirchen gezählt werden. Dort liegt der Versorgungsgrad mit 73 Medizinern bei rund 113 Prozent. Mit 57 Ärzten haben sich die meisten Allgemeinmediziner direkt in Rosenheim niedergelassen. Das Durchschnittsalter dieser liegt bei rund 54 Jahren, den größten Teil machen die über 60-Jährigen aus.

Rund ein Drittel der Allgemeinmediziner über 60 Jahre alt

Ein wenig älter sind die Hausärzte rund um den Chiemsee, zu dem Bereich gehören bei der KVB unter anderen auch die Gemeinden Großkarolinenfeld, Schechen oder Riedering und Prutting. Über 32 Prozent der 59 Allgemeinmediziner dort sind älter 60 Jahre – und stehen kurz vor der wohlverdienten Rente. Jünger als 45 Jahre sind nur rund 15 Prozent. Heißt: Der momentane Versorgungsgrad von 112,7 Prozent könnte sich in den kommenden Jahren verschlechtern. Derzeit gibt es in Bad Endorf mit 14 Medizinern die höchste Dichte an Hausärzten in dem Teil der Region.

Bei medizinischen Problemen führt der erste Weg meist zum Hausarzt.

Im Inntal liegt Oberaudorf mit acht Allgemeinmedizinern an der Spitze. Insgesamt haben sich in diesem dritten Bereich des Rosenheimer Landkreises 44 Hausärzte niedergelassen – das ergibt einen Versorgungsgrad von rund 111 Prozent. Noch, muss man sagen. 15 Ärzte und damit über 34 Prozent der Inntaler Allgemeinmediziner sind über 60 Jahre, fast 70 Prozent sind älter als 50 Jahre. In der jüngeren Altersklasse befinden sich nur rund 14 Prozent. Anders gesagt: Es fehlt am Nachwuchs.

Überversorgung im Mangfalltal und Wasserburg

Ähnliche Sorgen gibt es im Mangfalltal. Fast die Hälfte der 48 Allgemeinmediziner hat das 60. Lebensjahr überschritten. Allerdings sind die unter 45-Jährigen mit 20 Prozent die zweitgrößte Gruppe. Viele der Hausärzte haben ihre Praxis in Bad Aibling (19) oder in Bruckmühl (zwölf). So kommt das Mangfalltal auf einen Versorgungsgrad von rund 110,3 Prozent – und zählt damit wie Rosenheim als überversorgt.

Eine gute Versorgung kann auch der Altlandkreis Wasserburg aufweisen. Gemeinsam mit den Gemeinden Schnaitsee und Obing kommt die Region auf insgesamt 63 Allgemeinmediziner. Die Versorgungsrate liegt bei 110,59 Prozent. Dabei sind die Praxen über die gesamte Region verteilt. Wasserburg ist Spitzenreiter mit insgesamt 13 Kassensitzen für Hausärzte, auch Haag ist mit sieben Sitzen gut versorgt. Leer ausgehen müssen allerdings alle kleinen Gemeinden des Altlandkreises, wie Unterreit, Rechtmehring, Ramerberg, Schonstett, Kirchdorf und Reichertsheim.

Generationswechsel die größte Herausforderung

Auch die Altersstruktur im Wasserburger Land ist vergleichsweise gut. Mit 27,9 Prozent machen die Hausärzte über 60 Jahren zwar den höchsten Anteil aus, sind allerdings gefolgt von den Ärzten unter 45 Jahren mit einem Prozentsatz von 25,6. Das Durchschnittsalter liegt bei 53,8 Jahren und liegt damit unter dem bayerischen Mittelwert von 55,1 Jahren.

Der bevorstehende Generationenwechsel ist auch im Landkreis Traunstein die größte Herausforderung, denn mit 34,3 Prozent ist auch hier über ein Drittel der Ärzte 60 Jahre oder älter. Ein bemerkenswertes Merkmal: das perfekt ausbalancierte Geschlechterverhältnis – 50/50 – der Traunsteiner Hausärzte, das aber extreme regionale Unterschiede verschleiert. So ist der städtisch geprägte Bereich um Traunstein mit 65 Prozent Frauenanteil stark weiblich dominiert, während im alpinen Bereich bei Ruhpolding die Männer mit 67 Prozent klar in der Mehrheit sind.

Mehr Ärzte in den Städten niedergelassen

Die Versorgungslage im Traunsteiner Landkreis gilt mit einem Versorgungsgrad von durchweg über 110 Prozent offiziell als sehr gut versorgt. Bei einem genaueren Blick auf die 140 Hausärzte zeigt jedoch eine komplexe Versorgungslandschaft mit eigenen strukturellen Besonderheiten. Die ärztliche Versorgung stützt sich vor allem auf zwei Zentren: die Kreisstadt Traunstein (27 Ärzte) und den Wirtschaftsraum Trostberg/Traunreut (zusammen 33 Ärzte). 

Auffällig ist zudem die hohe Ärztedichte in touristisch geprägten Gemeinden des Achentals, die eine wichtige Rolle für die flächendeckende Versorgung spielen. Dennoch gibt es auch hier ländliche Orte wie Schleching oder Vachendorf, die mit nur einer einzigen Praxis auskommen müssen.

Geringste Versorgung im Landkreis Mühldorf

Auch im Landkreis Mühldorf finden Patienten in einigen Gemeinden nur wenige Hausarztpraxen, in einigen Orten sogar gar keine. Das bedeutet für die Menschen nicht nur längere Wege, sondern auch einen schlechteren Versorgungsgrad als in den anderen Teilen der Region. Dieser liegt in Mühldorf bei 82,60 Prozent – der niedrigste Wert in der Region. Eine Ausnahme davon bildet die Waldkraiburger Gegend. Die 25 Hausärzte dort ergeben einen Versorgungsgrad von 104 Prozent.

Da zudem ein großer Teil der Mühldorfer Hausärzte über 60 Jahre alt ist, droht vor allem rund um Mühldorf und im nördlichen Teil des Landkreises eine Unterversorgung. Und das, obwohl in der Stadt Mühldorf 17 der insgesamt 42 Hausärzte ihre Praxis haben.

Einige Orte ganz ohne Hausarztpraxen

Nebenan – im Landkreis Altötting – stehen ebenfalls zahlreiche altersbedingte Praxisaufgaben bevor. Von aktuell 74 tätigen Hausärzten – 37 im Bezirk Burghausen und 37 im Bezirk Neu-/Altötting – werden nach Angaben des Ärztlichen Kreisverbands rund 29 innerhalb der nächsten zehn Jahre in den Ruhestand gehen. Gleichzeitig stieg die Zahl der pro Quartal betreuten Patienten von 900 im Jahr 2000 auf bis zu 2.500. Neue Patienten können deswegen vielerorts nicht mehr aufgenommen werden.

Die Verteilung der Hausärzte in der Region anhand der Landkreisgrenzen.

Dementsprechend liegt der Versorgungsgrad im Bereich Neu/Altötting bei 98,6 Prozent. Rund um Burghausen sind es knapp 111 Prozent. Die Hausärzte sind auch nicht gleichmäßig im Landkreis verteilt: In einigen kleinen Gemeinden gibt es keinen einzigen Hausarzt mehr, während in größeren Orten mehrere Praxen zu finden sind. In Burghausen gibt es 17 Ärzte, in Altötting elf und in Neuötting sieben. In Mehring, Tüßling, Unterneukirchen und Kastl ist dagegen nur ein Hausarzt.

Stadt-Land-Gefälle erkennbar

Unterschiede gibt es genauso im Berchtesgadener Land. Rein oberflächlich ist die hausärztliche Versorgung dort exzellent. In allen der drei Bereichen, in welche die Region aufgeteilt wurde, liegt der Versorgungsgrad über 110 Prozent. Die insgesamt 94 praktizierenden Hausärzte konzentrieren sich dabei allerdings stark auf die drei größeren Zentren Bad Reichenhall (17 Ärzte), Berchtesgaden (13) und Freilassing (13). Dort arbeitet fast die Hälfte aller Hausärzte. Dem stehen ländlichere Gemeinden wie Ramsau gegenüber, das von nur einem einzigen Hausarzt versorgt wird, was ein klares Stadt-Land-Gefälle offenbart.

Noch aussagekräftiger ist die demografische Zusammensetzung der Ärzteschaft. Über ein Drittel der Hausärzte - 36,2 Prozent - ist 60 Jahre oder älter. Zudem ist der Berufsstand im Landkreis mit 60 Prozent Männern deutlich männlich dominiert. Interessanterweise zeigt sich hier ein Nord-Süd-Gefälle: Während die Bereiche Bad Reichenhall und Berchtesgaden mit 73 Prozent klar männerdominiert sind, weist Freilassing mit 54 Prozent Frauenanteil ein gegenteiliges Bild auf.

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