Helfer gesucht

Kriseninterventionsteam sucht Verstärkung in Schongau

+
Helfer gesucht: Martin Krenner, Gertrud Rößle und Martin Schleier (v.l.) wünschen sich aus dem Raum Schongau Verstärkung für das Kriseninterventionsteam des BRK.
  • schließen

Wenn ein Mensch unerwartet stirbt, stehen die Mitarbeiter des BRK-Kriseninterventionsteams den Hinterbliebenen bei. Doch im Altlandkreis Schongau gibt es nur wenige Helfer.

Schongau – Es ist dieser Moment, wenn das Leben aus den Fugen gerät, wenn plötzlich nichts mehr ist wie zuvor. Zig Male hat Martin Schleier diese Situation erlebt, hat Vätern und Müttern mitteilen müssen, dass ihr Sohn oder ihre Tochter nicht mehr zurückkehren wird. Gestorben bei einem Unfall, mitten aus dem Leben gerissen. Wenn Menschen plötzlich und unerwartet einen Angehörigen verlieren, dann schlägt die Stunde des 72-jährigen Schongauers und seiner Helfer. Die Mitarbeiter des BRK-Kriseninterventionsteams sind da, wenn den Hinterbliebenen sprichwörtlich der Boden unter den Füßen weggezogen wird.

Seit 2007 gibt es das Kriseninterventionsteam im Landkreis Weilheim-Schongau, das mittlerweile unter dem Oberbegriff „Psychosoziale Notfallversorgung“ läuft. Genau so lange ist Schleier ein Teil von ihm. Rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr stehen die Ehrenamtlichen parat, um zu helfen, wenn Menschen plötzlich ihre Liebsten verlieren – sei es durch Unfälle, Suizid oder Herzinfarkt. Über 100 Mal im Jahr werden sie von der Integrierten Leitstelle oder der Polizei alarmiert.

Gerade für letztere ist die Arbeit der speziell ausgebildeten Helfer eine Entlastung. „Die Beamten sind froh, wenn wir dabei sind. Dann müssen sie nicht aushalten, was die Todesnachricht bei den Angehörigen auslöst“, sagt Schleier.

Kriseninterventionsteam sucht Verstärkung in Schongau: In extremen Situationen reagiert jeder Mensch anders

In solchen extremen Situationen reagiert jeder Mensch anders. Da ist die Mutter, die ihr Auto putzt, als das Team eintrifft und auch nicht damit aufhört, als sie erfährt, dass ihre Tochter gerade tödlich verunglückt sei.

Andere fangen an zu schreien oder sitzen schweigsam da. Doch wie hilft man in solchen Situationen, in denen alles aussichtslos scheint? „Das Wichtigste ist, dass wir da sind und zuhören“, sagt Schleier.

Oft passiert es, dass die Hinterbliebenen die Wahrheit nicht wahrhaben wollen. „Man glaubt nur, was man sieht.“ In solchen Fällen helfe es, wenn die Betroffenen Abschied von dem Verstorbenen nehmen können. „Wir begleiten sie dann ins Krankenhaus oder in die Leichenhalle.“

Ziel sei es, die Menschen wieder handlungsfähig zu machen, sie aus der Schockstarre zu befreien und das soziale Netz aus Freunden und Verwandten zu aktivieren, sagt Gertrud Rößle. Die 56-jährige Hohenpeißenbergerin gehört wie der Wessobrunner Martin Krenner (45) seit 2012 zum Kriseninterventionsteam. Beide unterstützen Schleier in der Leitung des Fachdienstes. Ein Aufruf in der Heimatzeitung bewegte sie damals zum Mitmachen. Als Betriebshelferin hatte die Hauswirtschaftsmeisterin bereits Familien in Notlagen unterstützt. In Krenners Fall ermutigte ihn seine Frau, sich zu bewerben. „Sie meinte, ich habe dafür das richtige Gemüt“, erzählt der Verwaltungsmitarbeiter der Gemeinde Wessobrunn. „Sie hatte recht.“

Kriseninterventionsteam sucht Verstärkung in Schongau: Nicht jeder ist für die fordernde Arbeit geeignet

Nicht jeder ist für die fordernde Arbeit geeignet, die die Ehrenamtlichen leisten. „Man muss psychisch gefestigt sein“, sagt Schleier. „Wir haben auch immer wieder Leute, die nach ein paar Mal sagen, das packe ich nicht.“ Die Distanz zum menschlichen Leid zu wahren, es nicht an sich selbst heranzulassen, fällt nicht jedem leicht. „Jeder hat seine eigene Strategie, wie er das für sich auffängt.“ Doch immer wieder gibt es Situationen, die auch Männer wie Schleier, der auf über 40 Jahre aktiven Dienst bei der Feuerwehr zurückblickt, an Grenzen bringt. Die Explosion des Wohnhauses in Rettenbach, bei der vor kurzem ein Familienvater und seine Tochter starben, sei so ein Fall, sagt der 72-Jährige, der gemeinsam mit Krenner die Hinterbliebenen vor Ort betreute. „Da knabbert man länger dran.“

Einmal im Monat treffen sich daher die Helfer, um die erlebten Geschehnisse in der Gruppe aufzuarbeiten, sich auszutauschen, zu verarbeiten. Und sich vor Augen zu führen, dass man in solch Situationen den Betroffenen geholfen hat. „Wir sind keine Lebensretter, aber es gibt das gleiche gute Gefühl“, sagt Schleier.

Kriseninterventionsteam sucht Verstärkung in Schongau: „Man lernt dadurch sein eigenes Leben zu schätzen“

Der Grenzbereich zum Tod, mit dem die Helfer konfrontiert werden, offenbart auch eine neue Sicht aufs Leben. „Es zeigt uns tagtäglich, wie schnell es gehen kann“, sagt Krenner. „Man lernt dadurch sein eigenes Leben zu schätzen.“

Doch wie lange hält man es durch, die dauernde Begegnung mit dem Tod und der Trauer? „Irgendjemand hat mal gesagt, dass man das fünf Jahre machen kann“, sagt Schleier. „Aber wir haben viele Mitglieder, die seit den Anfängen dabei sind.“ Derzeit zählt das BRK-Kriseninterventionsteam 30 Helfer. Der große Teil allerdings kommt aus dem Raum Penzberg, Weilheim und Peißenberg. „Im Bereich Schongau sind wir leider nicht so stark aufgestellt“, bedauert Schleier. Um neue Ehrenamtliche zu werben, planen er und seine Mitstreiter deshalb im Oktober einen Info-Abend in der Lechstadt. „Auf vielen Schultern verteilt sich die Arbeit leichter.“

Kriseninterventionsteam sucht Verstärkung in Schongau: So läuft die Ausbildung ab

Wer als Ehrenamtlicher für das BRK-Kriseninterventionsteam arbeiten will, muss bestimmte Voraussetzungen erfüllen. „In Frage kommen nur Leute, die über 23 Jahre und psychisch stabil sind“, sagt Leiter Martin Schleier, der deshalb immer erst einmal das persönliche Gespräch mit den Bewerbern sucht. Anschließend beginnt die Ausbildung. 

An mehreren Wochenenden werden die Bewerber mit den Anforderungen des Dienstes vertraut gemacht. „Die Ausbildung erfolgt praxisnah mit vielen Rollenspielen“, sagt Martin Krenner. Ein wichtiger Punkt sei, dass die Kandidaten einschätzen lernen, wann die eigene Grenze erreicht sei. Auch der Umgang mit Weltreligionen ist ein Thema, denn schließlich kommen die Ehrenamtlichen bei ihren Einsätzen nicht nur mit Menschen christlichen Glaubens in Berührung. 

Binnen eines Jahres lasse sich die Ausbildung abschließen, sagt Schleier. Anschließend werden die Ehrenamtlichen an den normalen Dienst herangeführt. „Wir sind immer mindestens zu zweit unterwegs.“ Damit der ganze Tag abgedeckt werden kann, arbeiten die Ehrenamtlichen im Drei-Schicht-System. 

Ein Online-Dienstplan regelt, wer wann Bereitschaft hat. Für die Betreuten ist das Angebot der Ehrenamtlichen kostenlos. Wer an einer Mitarbeit interessiert ist, kann sich jederzeit beim BRK in Weilheim unter der Telefonnummer 0881/92900 melden.

Lesen Sie auch: Bergwacht rettet verirrten Wanderer und eilt schwer verletztem Mountainbiker zu Hilfe

Außerdem interessant: 340 Bulldogs, 38 Autos und 54 Mopeds: Oldtimertreffen feiert Teilnehmer-Rekord

Und hier gibt es weitere Nachrichten aus Schongau und Umgebung.

Kommentare