Seit er vor Jahren die Diagnose Arthrose im großen Zeh bekam, geht Wolfgang Geist nur noch barfuß durchs Leben. Im Sommer ebenso wie im Winter. Der Sindelsdorfer hat damit nicht nur seinem Zeh geholfen, sondern auch sich selbst, wie er findet.
Sindelsdorf – Für einen so leidenschaftlichen Tango-Tänzer wie Wolfgang Geist war die Diagnose niederschmetternd: Arthrose im Grundgelenk der großen Zehe. Vor etwa acht Jahren hat er sie erhalten „Ich habe mein Hobby nur noch mit Schmerzmitteln ausüben können“, erinnert sich der heute 66-Jährige. Geist konsultierte verschiedene Orthopäden, aber alle sagten das Gleiche: Der Zeh muss operiert werden, doch auch eine Operation würde nur vorübergehende Linderung bringen.
Eine OP, die keine Aussicht auf dauerhafte Heilung bringt, lehnte Geist ab. Also machte er sich auf die Suche, um sich selbst zu helfen. Dabei stieß er auf sogenannte Barfußschuhe, die durch extrem dünne Sohlen dem Fuß eine maximale Bewegungsfreiheit und intensiveren Bodenkontakt bieten. „Die taten mir gut“, erinnert sich Geist, der als freiberuflicher Einzelhändler in der Computerbranche den ganzen Tag auf den Beinen ist.
Auch im tiefsten Winter ohne Schuhe
Recht schnell kam bei Geist der Gedanke: Wenn Barfußschuhe guttun, dann tut Barfußlaufen ja vielleicht noch viel besser? Also verzichtete er während der warmen Monate ganz auf festes Schuhwerk und trug im Winter die Barfußschuhe. Nach zwei Jahren, in denen sich seine Fußsohlen immer mehr an das Laufen ohne Schuhe gewöhnen konnten, ließ er die Schuhe dann ganz weg. Auch im tiefsten Winter.
„Heute gehe ich bis minus 20 Grad draußen barfuß“, erzählt Geist. Eine halbe Stunde etwa sei das gut machbar. In dieser Zeit könne er einkaufen, mit dem Hund eine Runde drehen oder Schnee schaufeln. Ein verfrorener Mensch sei er eh nie gewesen. Und krank geworden sei er durchs Barfußlaufen auch nie. Dafür seien durch den Verzicht auf Schuhe seine Fußbeschwerden viel geringer geworden. Seit Jahren nehme er keine Schmerztabletten mehr. Die Kontrollbesuche beim Arzt zeigten: Die Arthrose stagniert. Und auch er selbst habe sich verändert. „Ich gehe viel achtsamer. Dadurch registriere ich meine Umgebung ganz anders.“
Mittlerweile kennt ihn jeder
Durch das bewusstere Gehen habe sich Geists ganzes Leben nach und nach entschleunigt und auch die verschiedenen altersbedingten Zipperlein an seinem Körper – etwa seine Schulterschmerzen – hätten durch die beständige Fußreflexzonenmassage deutlich nachgelassen.
Mittlerweile kennt jeder im Ort den Mann, der nur barfuß herumläuft, sei es bei Vereinsversammlungen, im Gasthaus, bei Kundenterminen oder auf Reisen. Da geht es ihm wie den Penzberger Barfußläufer Lorenz Kerscher, der vor knapp 20 Jahren den Barfußpfad auf Gut Hub schuf, „Ich habe sogar einen besseren Halt als mit Schuhen“, sagt Geist. Nur, wenn er Flaschen zum Glascontainer bringt, ziehe er Barfußschuhe an. Und, wenn er mit seiner Frau ins Theater geht – aus Respekt den anderen Besuchern gegenüber.
Unterschiedliche Reaktionen auf die nackten Füße
Geists Mitmenschen würden ganz unterschiedlich auf ihn und seine nackten Füße reagieren. Viele seien neugierig oder beneideten ihn gar um seinen Mut, öffentlich ohne Schuhe herumzulaufen. Andere stempelten ihn schon mal als Alt-Hippie ab. „Aber ich werde nie blöd angequatscht.“ In der Tangoszene seien er und seine Füße mittlerweile ebenfalls gut bekannt. Auch an Tango-Festivals im In- und Ausland nehme er seit Jahren barfuß teil – ohne Blasen oder verstauchten Knöchel. Seine Tanzschuhe habe er verschenkt.
Das Barfußgehen hat Geistselbstbewusster gemacht, sagt er. „Es ist mir nicht mehr wichtig, was andere Menschen sagen.“ Wichtig sei für ihn, dass es seinem Zeh und seinem gesamten Körper besser gehe als noch vor acht Jahren. Diesen Weg will er weiter gehen – barfuß.
VON FRANZISKA SELIGER
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