VonChristiane Mühlbauerschließen
Deutschlands höchster Salesianer, Provinzial Pater Reinhard Gesing, spricht in unserem großen Interview über die Zukunft des Klosters Benediktbeuern.
Benediktbeuern – Die Entwicklung der Klöster im Tölzer Land ist derzeit ein wichtiges Thema. Seit einem Jahr ist Pater Reinhard Gesing, ehemaliger Direktor des Klosters Benediktbeuern, Provinzial der Ordensgemeinschaft – sprich, der oberste Salesianer in Deutschland. Wie hat sich der 56-Jährige in diese Aufgabe eingelebt? Welche Rolle spielt das Kloster Benediktbeuern im Gesamtblick der Ordensgemeinschaft? Was sind die Herausforderungen der Zukunft? Der Tölzer Kurier hat bei Pater Gesing nachgefragt.
-Pater Gesing, wie geht es Ihnen in Ihrem Amt?
Mir geht es sehr gut. Die neuen Aufgaben sind für mich sehr erfüllend. Ich lerne jeden Tag viel Neues, was mich auch persönlich sehr bereichert. Und ich hoffe vor allem, mit den Gaben, die Gott mir gegeben hat, zur Weiterentwicklung unserer Ordensprovinz im Dienst an den jungen Menschen beitragen zu können.
-Sie haben in den vergangenen Monaten viele Einrichtungen und Niederlassungen der Salesianer Don Boscos in Deutschland besucht. Welchen Eindruck haben Sie dabei gewonnen?
Ja, ich habe inzwischen fast alle Häuser mindestens zweimal besucht – auch unsere Einrichtungen in Beromünster in der Schweiz und in Istanbul in der Türkei, die auch zur deutschen Ordensprovinz gehören. Dabei hatte ich sehr viele schöne Begegnungen mit Mitbrüdern, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und vor allem auch mit den Jugendlichen. Mein Eindruck ist, dass in unseren Häusern sehr viel Gutes für junge Menschen geschieht, nicht zuletzt für die benachteiligten unter ihnen. In verschiedenen Projekten arbeiten wir zum Beispiel mit sogenannten entkoppelten Jugendlichen, die durch alle sozialen Netze gefallen sind. Im Sinne von Papst Franziskus sind wir hier ganz besonders für die jungen Menschen am Rande da. Wir wollen und können ihnen neue Perspektiven für ihre Zukunft eröffnen, müssen aber auch sehr kämpfen, dass diese Projekte sich finanziell tragen und gut weitergehen können.
-Welchen Stellenwert hat bei diesem Gesamt-Bild eigentlich Benediktbeuern?
Das Kloster Benediktbeuern ist zweifelsohne unsere bekannteste Niederlassung in Deutschland. Es hält als „Kloster für die Jugend“ mit seiner barocken Klosteranlage und seiner landschaftlichen Einbettung ganz eigene Bildungsangebote bereit, die wir so nirgends sonst haben. Ich denke, dass es auch unter den kirchlichen Einrichtungen seinesgleichen sucht. Als „Juwel“ ist uns das Kloster Benediktbeuern eine Gabe, aber zugleich auch die Aufgabe, es für die jungen Menschen von heute und unsere Gäste gut weiterzuentwickeln und immer mehr zukunftsfähig zu machen.
-Wie viele Salesianer gibt es denn derzeit in Deutschland? Wie viele jüngere Männer haben sich in den vergangenen Jahren dazu entschlossen, in den Orden einzutreten? Wie beurteilen Sie die Entwicklung?
Es gibt zurzeit zirka 240 Salesianer in Deutschland. Die Zahl nimmt leider kontinuierlich ab. Das sehe ich natürlich mit Sorge. Denn angesichts so vieler Benachteiligter bei uns und weltweit bin ich überzeugt, dass das Charisma Don Boscos für die Jugend sehr aktuell ist. Ich glaube auch, dass wir als Ordensleute, als Salesianer und Don-Bosco-Schwestern, gebraucht werden, damit es lebendig bleibt und konkrete Gesichter damit verbunden werden. Das wünschen sich auch unsere zahlreichen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter. Wir sind daher dankbar dafür, dass sich in den letzten Jahren immer wieder junge Männer entschlossen haben, unsere Ordensberufung zu teilen. Am 1. Juli wurde für die deutsche Provinz ein Kandidat zum Salesianerpriester geweiht, am 8. September werden zwei junge Männer ins Noviziat eintreten und ein weiterer ins Postulat. Es gibt also nach wie vor junge Menschen, die sich für ein Leben als Ordenschrist, aber auch für pastorale und soziale Berufe interessieren. Natürlich müssen diese jungen Leute sehr gut begleitet werden, damit sie ihren Weg finden können. Gerade auch das Kloster Benediktbeuern ist nach meiner Erfahrung ein „Biotop“, wo tatsächlich kirchliche Berufungen in ihrer Vielfalt wachsen. Nicht nur, aber auch darum muss es als „Kloster für die Jugend“ erhalten und weiterentwickelt werden.
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- Können Sie bitte kurz skizzieren, wie es europa- und weltweit mit der Entwicklung der Salesianer Don Boscos aussieht?
In allen westeuropäischen Ländern gibt es ähnlich wie in Deutschland meist sehr wenige Berufungen. Die Interessenten haben dabei nicht selten schon einen längeren Weg der Suche hinter sich. Auch in den meisten mittel- und osteuropäischen Ländern ist die Berufungskrise mehr und mehr zu spüren. Nur einige südeuropäische Ordensprovinzen bilden hier eine Ausnahme. Der Geburtenrückgang und der Prozess der zunehmenden Säkularisierung machen sich aber in ganz Europa bemerkbar. Sehr viele Berufungen erlebt unsere Ordensgemeinschaft dagegen vor allem in Asien und in Afrika, wo die Kirche jung ist.
- Kommen wir noch mal zurück nach Benediktbeuern: Wie wichtig ist es dem Orden, hier in der Region zu bleiben? Welche Voraussetzungen müssen dabei aus Ihrer Sicht erfüllt werden?
Wie schon gesagt, ist das Kloster Benediktbeuern mit seinen vielfältigen Angeboten für uns ein zentraler Ort unseres Wirkens. Entscheidend wird es für uns sein, dass wir Schritt um Schritt die Aufgaben der Weiterentwicklung umsetzen, die wir uns selbst im Masterplan gegeben haben. Dabei sind wir auch in Zukunft – und vielleicht mehr denn je – auf die Hilfe unserer Freunde und Wohltäter, unserer Kooperationspartner, der Diözesen und der öffentlichen Hand angewiesen. Hier dürfen wir für vielfältige Unterstützung dankbar sein.
-Im April hat die Fraunhofer-Gesellschaft die Planungen für den Bau eines Tagungshauses am Kloster Benediktbeuern eingestellt. Sowohl Fraunhofer als auch die Ordensgemeinschaft betonten damals, „im Dialog miteinander zu bleiben“. Wie sieht es derzeit konkret damit aus?
Die Kontakte zum Fraunhofer-Institut laufen auf zwei Ebenen: Zum einen gibt es das „Fraunhofer-Zentrum Benediktbeuern“ für energetische Altbausanierung und Denkmalpflege in den Räumen der ehemaligen Schäfflerei. In den kommenden Jahren werden dort verstärkt Kurse und Fachtagungen durchgeführt werden, was sehr erfreulich ist. Für mich ein sehr gelungenes Projekt! Die andere Ebene betrifft die Kooperation mit der Zentrale der Fraunhofer-Gesellschaft in München. Hier gab es erste Absprachen mit dem Ziel, dass verstärkt Tagungen und Veranstaltungen der Fraunhofer-Gesellschaft im Kloster Benediktbeuern stattfinden sollen. Fraunhofer ist für uns in jedem Fall ein renommierter Partner, der von seiner Ausrichtung her gut mit den Zielsetzungen des Klosters in Einklang zu bringen ist und durch seinen Namensgeber auch geschichtlich mit Benediktbeuern sehr verbunden ist.
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-Ihr Büro ist in München. Haben Sie noch gelegentlich Zeit, nach Benediktbeuern zu kommen?
Ja, das Kloster Benediktbeuern ist ein Ort, wo sich viel Bedeutsames in unserer Ordensprovinz abspielt, immer wieder gibt es hier Treffen und Begegnungen, zu denen ich sehr gern ins Oberland komme.
-Was werden Ihre wichtigsten Aufgaben in den kommenden Monaten sein?
Die wohl wichtigste Aufgabe der nächsten Monate, in der sich vieles andere bündelt, wird die Vorbereitung unseres Provinzkapitels im nächsten Jahr sein. Mit Blick auf das Generalkapitel 2020 wird es sich mit der Frage beschäftigen: „Welche Salesianer braucht es für die Jugendlichen von heute?“ Hierzu wollen wir, ähnlich wie es uns Papst Franziskus mit der Jugendsynode vormacht, nicht nur untereinander sprechen, sondern auch unsere Mitarbeiter und vor allem die Jugendlichen selbst hören. Darauf bin ich schon sehr gespannt.

