Spanische Grippe

Ohne Antibiotikum waren Ärzte machtlos

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Patienten, die an der Spanischen Grippe erkrankt sind, liegen in Betten eines Notfallkrankenhauses im Camp Funston der Militärbasis Fort Riley in Kansas (USA). Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1918.

Vor zirka 100 Jahren wütete schon einmal eine Seuche im Landkreis. Sie forderte einige Todesopfer. Offizielle Sterbezahlen sind nicht bekannt.

Bad Tölz/Kochel – Sie war lange vor Corona die wohl verheerendste Seuche des 20. Jahrhunderts: die „Spanische Grippe“, die laut Wikipedia zwischen 1918 und 1920 weltweit weit mehr als 25 Millionen Opfer forderte. Ihren Namen hatte die Influenza übrigens nicht vom Ursprungsland, wie man vermuten könnte. Spanien war im Ersten Weltkrieg neutral und besaß eine freie Presse, die über das erschreckende Ausmaß der Epidemie offen berichtete. So wurde aus dem Überbringer der Botschaft der vermeintliche Verursacher.

1918 wurde Spanische Grippe in Bad Tölz bemerkt

Auch im Landkreis hat die Spanische Grippe gewütet. Am 30. Mai 1918 erwähnt der Tölzer Kurier erstmals die „mysteriöse Krankheit aus Madrid“ und beschreibt sie zunächst so: „Die Krankheit ist gefahrlos, nur ist sie sehr ansteckend und leicht übertragbar.“ Anfang Juli werden die ersten Grippekranken im Bezirk Tölz registriert. Das sogenannte „Tölzer Regiment“, das 1917 in der Kurstadt aufgestellt wurde, meldet am 1. Juli 100 an der Grippe schwer Erkrankte, die an die Lazarette überwiesen wurden. Das Militär ist ohnehin deutlich stärker betroffen als die Zivilbevölkerung.

Bekannt wird, dass der Schuhmacher Georg Feile aus Tölz kurz vor seinem heiß ersehnten Urlaub in einem Kölner Lazarett an der Spanischen Grippe stirbt. Immerhin darf die Leiche nach Tölz überführt werden, eine seltene Vergünstigung für tote Soldaten in jener Zeit. Im Penzberger Bergwerk sowie im Gefangenenlager in Benediktbeuern, wo viele Russen leben, treten ebenso zahlreiche Fälle auf. Das belegt ein altes Sterbematrikelbuch von Benediktbeuern. Demnach sind aus Benediktbeuern und Bichl im Zeitraum vom 1. Juli 1918 bis zum 30. Juni 1919 insgesamt 47 Personen (inklusive der Kriegstoten) verstorben, davon 17 und somit mehr als jeder dritte an Grippe und Lungenentzündung.

Offizielle Sterbezahlen wurden nicht veröffentlicht

In der Tölzer Stadtchronik wird bei der ersten Welle der Spanischen Grippe aber von einem „in der Regel gutartigen Verlauf“ gesprochen. Ganz anders wird die zweite Welle der Spanischen Grippe beurteilt, die im Herbst 1918 heranrollt. Der Kochler Verfasser der Kriegschronik, Otto Freiherr von Aufseß, berichtet, dass sich in Kochel „fast in jedem Haus ein Kranker befand. Die Schule musste geschlossen werden, da von 83 Kindern 46 erkrankt waren.“ Der Krankheitsverlauf ist ernster als zuvor. Zu Fieber, Katarrh und Husten gesellen sich starkes Nasenbluten und Bluthusten sowie mitunter Lungenentzündung. In einer Zeit, da es noch kein Antibiotikum gab, waren die Ärzte vielfach machtlos. Offizielle Sterbezahlen wurden nicht veröffentlicht.

Nachrufen ist zu entnehmen, dass auch der Tölzer Kurier betroffen war. So starb die damalige Verlegerswitwe Babette Böck an der Spanischen Grippe. Genannt werden als Opfer namentlich zudem Michael Poschenrieder aus Rothenrain, Johann Strauß aus Kochel, Rudolf Fleidl aus Piesenkam, Christoph Fuchs aus Arzbach und Pater Laurentius Scheidl aus Königsdorf. 

(Christoph Schnitzer und Rainer Bannier)

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