VonMagnus Reitingerschließen
Das Staatliche Bauamt verbreite auf seiner Projektseite im Internet falsche Zahlen zur Verkehrsentlastung durch eine Umfahrung Weilheim. Diesen Vorwurf erhebt die Bürgerinitiative „Heimat 2030“ in einem offenen Brief an Weilheims Stadtrat – und fordert, die laufende Bürgerbefragung zu stoppen.
Weilheim – Mit den Unterlagen für die Bürgerbefragung zur Umgehungsstraße verschickt die Stadt Weilheim bekanntlich auch ein Info-Faltblatt des Staatlichen Bauamts, das für die Planung der „B2 Ortsumgehung Weilheim“ zuständig ist. Darin wird zur weiteren Information mehrfach auf die Projektseite des Staatlichen Bauamts im Internet verwiesen; ein QR-Code führt Smartphone-Nutzer direkt zu dieser Website. Doch dort finden sich an zentraler Stelle fragliche Zahlen zur erwarteten Entlastung durch eine Umgehungsstraße. Unter der Überschrift „Entlastung in Weilheim gegenüber Verkehrszahlen 2017“ sind für vier Straßen Prozentwerte angegeben: „Alpenstraße 46 %, Olympiastraße 29 %, Narbonner Ring 29 %, Deutenhausener Straße 22 %“.
Diese Werte „sind schlicht falsch“, moniert nun die Bürgerinitiative (BI) „Heimat 2030“, die gegen eine Umfahrung kämpft. Man habe versucht, die Zahlen aus den Daten des zu Grunde liegenden Verkehrsgutachtens nachzuvollziehen, das Prof. Harald Kurzak im Auftrag des Bauamtes erstellt hat („Verkehrsuntersuchung Entlastung Weilheim 2017“). „Dabei“, so Sprecherin Karin Knöthig, „sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass diese Werte zu hoch, dass sie falsch sind.“
BI: „Das übertrifft die Fehler im Flyer aus dem Jahr 2020“
Deshalb wandte sich die BI am Dienstagabend in einem offenen Brief an Weilheims Bürgermeister Markus Loth (BfW) und den Stadtrat. Die aktuelle „Falschinformation“, heißt es darin, „übertrifft bei weitem die Fehler im Flyer des Staatlichen Bauamts aus dem Jahr 2020, wo es sich um veraltete Karten gehandelt hat.“ Auf dieser Basis – und auch wegen des „fragwürdigen Befragungsdesigns“ – sei „eine sinnvolle Entscheidung nicht möglich, ein verwertbares Meinungsbild der Bürger ist so nicht zu erhalten“. Deshalb fordert die Bürgerinitiative, „die Befragung unverzüglich zu stoppen“. Hintergrund: Im Februar 2020 gab es bereits einen ersten Versuch einer Bürgerbefragung in Sachen „Umfahrung Weilheim“. Wegen der Fehler im damaligen Faltblatt wurde die Befragung seinerzeit abgebrochen und eingestampft.
Weilheims Bürgermeister sieht „keinen Handlungsbedarf“
Auf die neuerliche Forderung nach einem Abbruch reagierte Bürgermeister Loth am Mittwoch gelassen. Er nehme den offenen Brief „zur Kenntnis“ und habe ihn dem Staatlichen Bauamt weitergeleitet, sagte er zwischen zwei Sitzungen auf Tagblatt-Anfrage, sehe aber „keinen Handlungsbedarf“. Verantwortlich für die Zahlen sei die Staatsbehörde, so der Rathaus-Chef, er selbst könne „nicht ganz nachvollziehen, was die Bürgerinitiative da für Rechnungen aufmacht“. Loth weiter: „Ich habe den Eindruck, mit aller Gewalt muss das jetzt boykottiert werden.“
Ich habe den Eindruck, mit aller Gewalt muss das jetzt boykottiert werden.
„Heimat 2030“ untermauert die Vorwürfe indes mit Zahlen. Für alle vier genannten und auch für weitere Straßen haben sich die BI-Vertreter Karin Knöthig und Stefan Schwaller die Daten des Kurzak-Gutachtens angesehen. Ergebnis: Die vom Bauamt angegebenen Entlastungszahlen gegenüber 2017 seien „durchweg höher, als aus dem Verkehrsgutachten ableitbar ist“ (siehe unten). Zudem verschweige die Behörde, „dass Straßen nicht auf ganzer Länge gleichmäßig entlastet werden können, dass es besonders in Ost-West-Richtung mit einer Umfahrung auch zu Mehrbelastungen kommt und dass die angeführten Werte nicht repräsentativ für alle Straßen sind“.
Das Staatliche Bauamt bezieht seine Entlastungszahlen nicht auf heute
Andreas Lenker, beim Staatlichen Bauamt für die „B2 Ortsumgehung Weilheim“ zuständig, beteuert dagegen, „nur Werte aus dem Gutachten“ übernommen zu haben. Allerdings: Die prognostizierten Entlastungen, die das Bauamt verwendet, beziehen sich – anders als auf der Homepage angegeben – nicht auf 2017, sondern auf einen „Prognose-Nullfall“ für 2035, also eine dann höher vermutete Verkehrsbelastung ohne zusätzliche Straße. So ergeben sich rechnerisch höhere Entlastungswerte. Zudem sind an dieser Stelle Maximalwerte genannt, die jeweils nicht für den gesamten Straßenverlauf und nicht für alle Umfahrungsvarianten gelten.
Letzteres hätte man „deutlicher drüber schreiben müssen“, räumt Lenker gegenüber unserer Zeitung ein. Er betont aber, dass die genannten Größenordnungen „jeweils irgendwo existieren“, die Zahlen also nicht falsch seien, und dass der „Prognose-Nullfall“ 2035 die einzig richtige Vergleichsbasis sei – denn der Autoverkehr nehme zu. Lenker unterstreicht auch, dass diese Zahlen bereits seit 2018 auf der Homepage stünden „und bisher noch keinen gestört haben“. Auch finde sich auf der Website die komplette Verkehrsuntersuchung.
„Mein Vertrauen in das Staatliche Bauamt ist völlig erschüttert“
Für BI-Sprecherin Knöthig schwächt das den Vorwurf nicht ab. Die Angaben seien fehlerhaft, der „Prognose-Nullfall“ 2035 ein fiktives „Schreckensszenario“ für den Fall, dass es keinerlei Verkehrsberuhigung durch andere Maßnahmen gebe. „Mein Vertrauen in das Staatliche Bauamt ist völlig erschüttert“, resümiert Knöthig: „Ich kann nicht nachvollziehen, wie man auf einer solchen Grundlage die Befragung fortführen kann.“
Prognostizierte Entlastungen und Belastungen
Welche Verkehrsveränderungen ergäben sich auf Weilheimer Durchgangsstraßen durch eine Umfahrung? Das hat die BI „Heimat 2030“ anhand der Daten aus der Kurzak-Verkehrsuntersuchung errechnet (siehe www.heimat2030.de). Deren Prognosen für 2035 hat die BI den Verkehrszahlen von 2017 gegenübergestellt – für verschiedene Straßenabschnitte und Umgehungsvarianten. Demnach ergäben sich auf der Alpenstraße je nach Abschnitt Entlastungen von maximal 9 bis 41 % – und nirgends 46 %, wie vom Staatlichen Bauamt genannt. Für Letzteres ist die Vergleichsbasis jedoch nicht 2017, sondern eine Prognose für 2035 ohne neue Straße oder andere Maßnahmen.
Gegenüber heute brächte eine Umfahrung Weilheim laut Kurzaks Zahlen auf der Olympiastraße eine Entlastung zwischen 14 und 24 %. Für den Narbonner Ring errechnete die BI aus dem Gutachten Werte zwischen 12 % Verkehrsabnahme und 25 % Zunahme – je nach Abschnitt und Umfahrungsvariante (West oder Ost). Für Deutenhausener Straße und Obere Stadt ergäben sich demnach bis zu 11 % Entlastung und bis zu 21 % Zunahme, auf der Wessobrunner Straße bis zu 22 % Entlastung und bis zu 23 % Zunahme. Resümee der BI: „Es gibt keine Variante, die das ganze Stadtgebiet vom Verkehr entlasten könnte.“ Auch mit dem Verschwinden von Staus sei nicht zu rechnen.
