VonPatricia Huberschließen
Die Strompreise steigen. Während manch einer diese Kosten noch kompensieren kann, so trifft es manche hingegen besonders. So auch Bürgergeld-Empfänger, deren Kosten für Strom genau kalkuliert sind. Welche Folgen das hat und wie die Situation in Rosenheim ist.
Rosenheim – 563 Euro pro Monat. So viel erhalten Bürgergeld-Empfänger seit dem 1. Januar 2024. Das sind 61 Euro mehr als noch im vergangenen Jahr. Mit diesem Geld müssen unter anderem Einkäufe, Tickets für Bus und Bahn und auch die Stromkosten für die eigene Wohnung bezahlen. Wie viel von den 563 Euro wofür vorgesehen ist, ist dabei ganz genau berechnet. So sind pro Monat rund 42,58 Euro für den Bereich „Wohnen, Energie, Wohninstandhaltung“ vorgesehen. Doch das reicht in vielen Fällen nicht mehr aus. Denn die Strompreise steigen voraussichtlich weiter, alleine schon, wegen der Abschaffung der Subventionierung der Netznutzungsentgelte.
Bürgergeld: Strom im Schnitt 130 Euro teurer als im Regelsatz vorgesehen
Bei einem Jahresverbrauch von 1500 Kilowattstunden Strom zahlt der deutsche Durchschnittsverbraucher laut dem Vergleichsportal „Check24“ insgesamt 641 Euro. Zum Vergleich: Der jährliche Bürgergeld-Betrag für Energie liegt bei 511 Euro. Somit kostet Strom im Schnitt 130 Euro mehr, als im Regelsatz vorgesehen. „Die Betroffenen stehen finanziell mit dem Rücken zur Wand. Stromschulden und Stromsperren sind die Folge. Aber ohne Strom gibt es kein Licht und kein warmes Essen, können Lebensmittel nicht gekühlt und Hausaufgaben nicht erledigt werden. Strom ist unverzichtbar; er gehört zum Existenzminimum“, heißt es in einem Antrag der Linken an die Bundesregierung zu diesem Thema.
Die steigenden Kosten in allen Bereichen – auch beim Strom – ziehen Folgen nach sich. „Das wird wieder Leute zu uns treiben“, erwartet Peter Kaiser von der Leibspeise Rosenheim. Zu ihm kommen überwiegend Menschen, die Bürgergeld beziehen. Aber auch Rentnerinnen und Rentner, die von ihren Bezügen kaum leben können, holen sich bei der Leibspeise Lebensmittel. „Die Leute werden künftig mehr zu uns strömen“, erwartet er auch in Hinblick auf die steigenden Stromkosten. „Wenn sie den Mut haben.“ Viele Menschen würden sich schämen, doch das sei Kaiser zufolge absolut nicht nötig. „Wir nehmen die Leute sehr ernst.“
Welche psychologischen Folgen das „Bürgergeld“-Label mit sich bringt
Doch das Thema Scham spielt psychologisch gesehen eine große Rolle, wenn es um das Thema Finanzen geht. „Der Begriff Bürgergeld, früher Hartz IV, weckt gewisse Assoziationen. Das ist kein Label, welches man im sozialen Umfeld haben möchte“, erklärt Florian Becker, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Technischen Hochschule in Rosenheim. Hinzu käme dann noch der psychologische Effekt der „selbsterfüllenden Prophezeiung“. Bedeutet: Wenn Menschen eine gewisse Erwartung an eine Person haben, so ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass es auch so wird. „Das hört sich erstmal ein bisschen esoterisch und verrückt an, wurde aber in Untersuchungen bestätigt“, sagt Becker im OVB-Interview.
Hinzu kommt, dass der ständige Gedanke und die Sorgen um Geld einen eher negativen Einfluss auf das Verhalten von Personen haben. „Man hat beispielsweise festgestellt, dass Menschen, wenn sie vorher mit dem Thema Geld konfrontiert waren, anschließend weniger bereit sind, anderen zu helfen“, erklärt der Diplompsychologe. Außerdem essen Menschen, die viel an Geld denken, mehr. Denn: „Aus verschiedenen Untersuchungen weiß man, dass das Denken an Geld gieriger macht.“ Die finanzielle Not, die die steigenden Energiepreise mit sich bringt, hat also auch einen enormen Einfluss auf die Psyche der Betroffenen.
Stromkosten-Problematik auch in Rosenheim? Das sagen die Jobcenter
In Rosenheim scheint die Lage nach Angaben der Jobcenter in Stadt und Landkreis allerdings noch recht entspannt, was das Thema Stromkosten im Bürgergeld-Bezug angeht. „Beiden Jobcentern sind nur wenige Klagen von Bürgergeld-Beziehenden über hohe Stromkosten bekannt“, erklärt eine Sprecherin auf OVB-Anfrage. Wer seine Rechnungen nicht mehr bezahlen kann und bereits Schulden beim Stromanbieter angehäuft hat, kann bei seinem Jobcenter einen Antrag auf ein Darlehen gestellt werden.
„Die Zahlen zu Darlehen bei Energieschulden ist in beiden Jobcentern gering und dürfte sich auf das Jahr gesehen jeweils im niedrigen zweistelligen Bereich halten“, sagt die Sprecherin der Rosenheimer Arbeitsagentur. Genaue Zahlen kann sie hier allerdings nicht nennen, es handle sich lediglich um Schätzungen der beiden Jobcenter von Stadt und Landkreis.
Bürgergeld und Stromkosten: Mehr ein Großstadt-Problem
Auch der Sozialverband VdK in Rosenheim vermeldet hier keinen gesteigerten Beratungsbedarf. „Tendenziell haben wir weniger Anfragen zum Bürgergeld. Das sieht in Großstädten vermutlich anders aus“, erklärt Vdk-Kreisgeschäftsführer Dietrich Mehl. Tatsächlich sind die Stromkosten außerhalb Rosenheims wohl für viele Bürgergeld-Beziehende ein Problem.
„Monatlich fließt circa die Hälfte unserer Soliausgaben an Haushalte, die ihre Stromnachzahlungen nicht stemmen können oder bereits mit Stromsperren konfrontiert werden“, erklärt Helena Steinhaus, Gründerin des Vereins Sanktionsfrei. Der Verein setzt sich für die Rechte von Bürgergeld-Empfängern ein und unterstützt sie bei Auseinandersetzungen mit dem Jobcenter. „Insgesamt wird die Schuldenlast unter Bürgergeld-Empfängern aber einfach größer: Neben Darlehen für die Nachzahlung müssen ja auch gestiegene monatliche Abschläge gezahlt werden“, erklärt Steinhaus auf OVB-Anfrage.
Die Linke fordert Stromkosten raus aus dem Regelsatz
Steinhaus weiß auch, dass es oftmals zu lange dauert, ein Darlehen bei Stromschulden zu beantragen. „Viele Menschen schicken uns bereits eine Sperrankündigung.“ Gerade wenn bereits Darlehen bei Jobcentern bestehen, würden Stromdarlehen oft nicht mehr genehmigt. Die Folge ist im schlimmsten Fall eine Stromsperre. Bedeutet: Die Betroffenen sitzen wortwörtlich im Dunkeln.
Um die angespannte Situation für viele Bürgergeld-Beziehende zu lösen, fordert die Linke, im Bürgergeld die Stromkosten in voller, tatsächlicher Höhe zu übernehmen – also genauso wie es bei den Heizkosten der Fall ist. Auch Steinhaus befürwortet das: „Mit 563 Euro im Monat lassen sich die gestiegenen Abschläge und Nachzahlungen nicht stemmen.“
