Historische Führungen

Tag des offenen Denkmals: Als der Lenggrieser Pfarrer mit der Flinte die Tiroler Truppen vertrieb

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Claus Janßen führte am Sonntag durch die Tölzer Leonhardikapelle auf dem Tölzer Kalvarienberg.

Zum Tag des offenen Denkmals öffneten viele Kleinode am Sonntag ihre Türen. Unter anderem stand die Tölzer Leonhardikapelle im Mittelpunkt. Die Besucher erfuhren unter anderem, warum eine Eisenkette um die Kapelle gespannt ist und hörten von weiteren Geschichten, die die Historie hautnah vermittelten.

Bad Tölz/Lenggries – Vor genau 300 Jahren wurde die kettenumgürtete Tölzer Kapelle hoch über der Isar eingeweiht. Claus Janßen, Vorsitzender des Historischen Vereins, stellte sie am Sonntag zum tag des offenen Denkmals bei zwei Führungen in allen Details vor. Jeweils über 50 Interessierte kamen, um sich erklären zu lassen, warum das der Schmerzhaften Muttergottes geweihte Gebäude auf dem früher „Hechenberg“ genannten Hügel nur als „Leonhardikapelle“ bekannt ist. In knapp 60 Minuten sorgte Janßen dabei mit historischen Unterlagen und viel Detailwissen für Aufklärung und spannte den Bogen vom Spanischen Erbfolgekrieg bis zur Aufnahme in das Deutsche Kulturerbe-Verzeichnis.

Allen Tölzern ist die Geschichte der Sendlinger Mordweihnacht von 1705 ein Begriff – ein gescheiterter Feldzug der Oberländler gegen die Kaiserliche Besatzung, nach dem die damaligen Tölzer Zimmerleute beschlossen, als Dank für die glückliche Heimkehr eine Kapelle an markanter Stelle zu errichten. Janßen belegte dabei anhand historischer Dokumente, wie man Geld, Genehmigung und Baumaterial beschaffte, um dann die Kapelle 1718 weitgehend in Eigenleistung zu bauen.

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Rief man damals noch bei Tierseuchen und sonstigen Problemen im Stall die Muttergottes zu Hilfe, so entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten der als Gefangenenpatron verehrte heilige Leonhard als Helfer in Tiernot, wie heute noch in der Kapelle vorhandene Votivtafeln belegen. Daraus entwickelte sich ein ungeordneter Vorläufer der heutigen Leonhardifahrt, die erst durch Pfarrer Pfaffenberger 1856 geregelt wurde. Früher wurde bis zu dreimal der Segen erfleht, heute wird am 6. November meist zweimal um die Kapelle gefahren: „Denn doppelt genäht hält halt besser“, sagte Janßen.

Wichtig ist auch die Eisenkette, die um die Kapelle gespannt ist. Diese soll von einem Landwirt 1750 gestiftet worden sein, dessen Gespann beim Umfahren in den Abgrund gestürzt sei. Belege dafür ließen sich aber nicht finden. Janßen beendete seine Ausführungen mit dem Besuch der nahegelegenen Kerkerkapelle.

Der Tag des offenen Denkmals ging auf dem Lengrieser Kalvarienberg mit Volksmusik im Freien zu Ende, der zahlreiche Einheimischen und Gäste lauschten.

Noch älter als der Tölzer Kalvarienberg ist der in Lenggries, wenn auch nicht ganz so markant gelegen. Er besteht aus einer steinernen Treppe, zwei Kapellen und dem Benefiziatenhaus und wurde 1694 von Graf Ferdinand Joseph von Herwarth, dem Schlossherrn auf Hohenburg, erbaut und ist der älteste Kalvarienberg im Isartal. Mesner Johannes Janßen, der Bruder von Claus Janßen, führte durch die mehrteilige Anlage. Dort sei viel geboten, sagte Johannes Janßen. Einmal im Monat wird jeweils sonntags zu einer musikalischen Darbietung geladen, zudem finden Messen und Bittgänge statt. Das Patrozinium wird am Freitag, 14. September, gefeiert.

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Der Lenggrieser Kalvarienberg umfasst 14 Kreuzwegstationen, zwei Kapellen, eine aus Kupferblech getriebene Kreuzigungsgruppe im Freien und das sogenannte Benefiziatenhaus, das der Mesner mit seiner Familie bewohnt. Janßen hob besonders das Kriegsende 1945 hervor, als sich die letzten SS-Einheiten von Bad Tölz aus in die Berge zurückzogen und rund 200 Lenggrieser am Kalvarienberg Schutz suchten. Sie und das Dorf wurden von einer Bombardierung verschont, weil die Flugzeuge wegen des dichten Schneefalls nicht starten konnten.

Aber auch schon über 100 Jahre vorher wurden am Kalvarienberg wichtige Weichen gestellt, als Tiroler Truppen das nahegelegene Schloss Hohenburg plündern wollten. Damals nahm sogar der Lenggries Pfarrer die Flinte in die Hand und verjagte zusammen mit tapferen Lenggriesern die ungebetenen Eindringling aus dem Süden.

Karl Bock

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