Über Entwicklungen in Bad Tölz, aber auch in der Bundespolitik, sprach nun der ehemalige Bundesfinanzminister Theo Waigel in der Franzmühle.
Bad Tölz – Wer Finanzminister ist, ist nicht der erklärte Liebling der Nation. Diese nachvollziehbare Erkenntnis hat Theo Waigel im Vorwort seines Buchs „Ehrlichkeit ist eine Währung“ festgehalten. Über Anerkennung und Anfeindung, Weggefährten und Stolpersteine, Vergangenheit und Zukunft sprach Waigel jetzt auf Einladung des Kreisbildungswerks im Tölzer Pfarrsaal Franzmühle, moderiert von Kurier-Redakteur Christoph Schnitzer.
Für den ehemaligen Bundesfinanzminister, der im April seinen 80. Geburtstag feierte, ist Bad Tölz sowohl privat als auch in politischer Hinsicht keine unbekannte Stadt: Zum einen stammte seine erste Frau von hier und seine Tochter ist mit ihrer Familie hier zu Hause, zum anderen fanden hier schon in den 1970er-Jahren wichtige Grundsatz-Seminare der CSU statt. Und nicht zuletzt stand Waigel kraft seines Amtes auch an vorderster Front bei den Verhandlungen um das Kasernen-Karree auf der Flinthöhe, das Stadt und Landkreis nach dem Abzug der Amerikaner 1991 gemeinsam vom Bund zu kaufen beabsichtigten.
Während die Tölzer damals den geforderten Preis als viel zu hoch kritisierten, schilderte Waigel nun rückblickend den seinerzeitigen „Deal“ als Sonderfall. Die Preisvorstellungen der beiden Seiten hätten weit auseinander gelegen, ein Kompromiss sei nicht einfach gewesen. Letztlich sei man der Stadt größtmöglich entgegengekommen, habe eigens gewisse Richtlinien geändert und die Anlage für 50 Prozent des Verkehrswertes abgegeben. „Wir haben Tölz und anderen betroffenen Standorten eine Jahrhundert-Entwicklungschance eröffnet.“
Wobei, wie Schnitzer nachhakte, Tölz anschließend noch sehr viel Geld ausgeben musste für die Entseuchung der Flintkaserne – damit habe der Bund nichts mehr zu tun haben wollen.
Waigels Amt in der großen Politik war ebenso schwierig wie bedeutungsvoll, wie der deutlich jünger wirkende CSU-Ehrenvorsitzende anhand einiger Passagen aus seinem Buch unterstrich. Die Wiedervereinigung und die Einführung des Euro waren Meilensteine in der Polit-Karriere des gebürtigen Bauernbuben mit den markanten buschigen Augenbrauen aus Oberrohr nahe dem schwäbischen Krumbach.
„Gorbatschow war damals ein Glück für uns“, blickte Waigel auf die dramatischen Tage des Mauerfalls zurück. „Gorbatschow hat gegen den Willen Erich Honeckers den Mut gehabt, dieser Wiedervereinigung zuzustimmen.“ Russland habe seinerzeit dringend Geld gebraucht – für 12 Milliarden D-Mark habe man erreicht, dass die gesamte sowjetische Armee mit einer Million bewaffneter Soldaten samt Panzern und Ausrüstung von deutschem Boden abgezogen wurde. „Ich wünschte, wir hätten heute noch diese freundschaftliche Verbindung.“
Ob der Euro der Preis für die Wiedervereinigung gewesen sei? Diese Meinung sei öfters zu hören, sagte Waigel, wies diese Mutmaßung aber zurück: Die ersten Planungen zur Einführung einer gemeinsamen Währung hätten schon weit früher stattgefunden. Zur Benennung des neuen Geldes habe man letztlich seinen Vorschlag angenommen – auch wenn Jean-Claude Juncker die Bezeichnung „Euro“ damals für „wenig erotisch“ hielt.
Nicht außen vor lassen wollte Schnitzer zudem das zerrüttete Verhältnis zwischen Waigel und Edmund Stoiber. Dass ausgerechnet im Verlauf der Kandidatenkür um das Amt des Ministerpräsidenten seine Beziehung zu Skirennläuferin Irene Epple – seiner jetzigen Frau – öffentlich gemacht wurde, dafür sieht Waigel seinen seinerzeitigen Konkurrenten Stoiber als „Strippenzieher“.
Relativ spärlich fiel der Einblick in persönliche Erlebnisse aus, dafür aber umso nachhaltiger: Briefe seines 1944 gefallenen Bruders Gustl, in denen Hoffnung und Verzweiflung zugleich zum Ausdruck kamen, schienen auch das Publikum zutiefst zu berühren.
Von der AfD sei die Echtheit dieser Briefe angezweifelt worden, so Waigel zornig. „Gegen diese Leute werde ich kämpfen, solange es mein Herz und mein Verstand zulassen.“ Dafür gab es von den Zuhörern Extra-Applaus.
(Rosi Bauer)
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