Ehrliches Geständnis

Tölzer Asylhelfer am Limit

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Zogen eine ehrliche Bilanz: (v.li.) Rita Knollmann, Ludwig und Karin Retzer, Inge Mair sowie (v. re.) Andrea Grundhuber, Hannelore Hein und Anneliese Erhardt. Mit am Tisch: Petra Gössl-Kubin, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des BRK-Kreisverbands.
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Der Helferkreis Asyl stößt an seine Grenzen. Vor allem die Situation in der Gemeinschaftunterkunft an der Peter-Freisl-Straße in Bad Tölz überfordert die Ehrenamtlichen.

Bad Tölz – Vor Kurzem sprang ein Asylbewerber aus einem Fenster der Gemeinschaftsunterkunft (GU) an der Peter-Freisl-Straße in Bad Tölz. Ob er seinem Leben wirklich ein Ende setzten oder nur seine Freundin beeindrucken wollte – Rita Knollmann weiß es nicht. „Es gibt mehrere Varianten“, sagt die Fachbereichsleiterin im BRK-Mehrgenerationenhaus. Der junge Mann habe sich nicht lebensgefährlich verletzt. Nach dem Sprung sei aber „alles ein wenig nach oben gekocht“. Das Gerücht kam auf, es fehle ein Helferkreis. Stimmt nicht, sagt Knollmann. Bei der GU nahe des Sportplatzes aber stoßen die Ehrenamtlichen an ihre Grenzen.

68 traumatisierte Männer aus Schwarzafrika ohne Zukunftsperspektive

Ehrliche Worte für ein Pressegespräch zu einem so brisanten Thema. Der Helferkreis selbst hatte die Idee dazu, Knollmann lud am Freitag ins Mehrgenerationenhaus ein. Sie betreut die rund 160 Ehrenamtlichen bei ihren vielfältigen Aktivitäten. Anders als in anderen Städten und Gemeinden sei die Bereitschaft, sich zu engagieren, nach wie vor ungebrochen. Doch 68 traumatisierte Männer aus Schwarzafrika ohne Zukunftsperspektive aufzufangen, das könne kein ehrenamtlicher Helfer leisten, sagt Knollmann.

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Aktuell leben knapp 700 Asylbewerber in Bad Tölz, 86 von ihnen an der Peter-Freisl-Straße. 80 Prozent davon sind alleinstehende junge Männer ohne Arbeitserlaubnis. Den meisten droht die Abschiebung. Eine fatale Mischung aus Verzweiflung und Langeweile. Selbst die wenigen Familien, die in der Unterkunft leben, beschweren sich laut Ludwig Retzer vom Helferkreis über die jungen Männer. „Sie brauchen professionelle Hilfe, die wir nicht leisten können“, sagt Inge Mair, die wie Retzer ehrenamtlich Deutsch-Kurse gibt.

Bekommen werden sie sie wohl nicht. Der Staat sei nicht daran interessiert, sagt Stadträtin und Integrationsbeauftragte Andrea Grundhuber. „Ziel dieser Gemeinschaftsunterkünfte ist die Abschreckung.“ Dem Helferkreis selbst wäre es am liebsten, wenn die Asylbewerber erst gar keine Psychologen bräuchten. „Es wird immer Fälle geben, die professionelle Hilfe benötigen“, sagt Knollmann. Die Mehrheit aber hätte die Kraft, ihr Leben allein in den Griff zu bekommen und sich gesellschaftlich einzugliedern – wenn man sie lassen würde.

Helferkreis angesichts Gewalt machtlos

Könnte der Helferkreis entscheiden, er würde als erstes die Gemeinschaftsunterkünfte abschaffen. Die Asylverfahren müssten schneller und besser werden. „Und die Menschen brauchen von Anfang an Alltagsstrukturen“, fordert Grundhuber. Sprich: Arbeit. Stattdessen gibt es aktuell viel Frust und Konflikte, vor allem in der GU an der Peter-Freisl-Straße. Der Helferkreis ist machtlos. „Wir können das nicht leisten, dass es in den Gemeinschaftsunterkünften keine Gewalt gibt“, sagt Knollmann. „Wir können nur helfen, diese Menschen ins Leben zu führen.“

Dafür investieren die Ehrenamtlichen sehr viel Zeit. Die meisten von ihnen sind Rentner. Sie übernehmen Familienpatenschaften, organisieren Arztbesuche und haben eine Hausaufgabenbetreuung für Grund- und Mittelschüler auf die Beine gestellt. Oft sind sie einfach nur da. „Wenn jemand weint, nehme ich ihn in den Arm“, sagt Familienbegleiterin Hannelore Hein.

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Von der Hausaufgabenbetreuung profitieren laut Knollmann übrigens nicht nur die Kinder von Asylbewerbern, sondern alle Schüler, die Hilfe brauchen. So will der Helferkreis Skeptikern den Wind aus den Segeln nehmen. Anfeindungen gibt es trotzdem: „Für mich ist das ein bisschen beunruhigend“, sagt Hausaufgabenbetreuerin Anneliese Erhardt. Immerhin sei es nicht schlimmer geworden mit der Angst vor Überfremdung. „Aber auch nicht besser.“

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