Wird die Tölzer Leonhardifahrt heuer im November stattfinden? Die Verantwortlichen der Stadt schütteln momentan bedenklich die Köpfe, wenn man nachfragt, ob es in Corona-Zeiten eine 165. Auflage der Wallfahrt geben kann.
Bad Tölz – Die Tölzer Leonhardifahrt ist immaterielles Unesco-Kulturerbe und aus dem Leben der Isarstadt seit 1856 nicht mehr wegzudenken. Nur in den Kriegen gab es Jahre ohne Wallfahrt. Aber selbst in diesen schweren Zeiten ritten einige wenige mit ihren Rössern oben am Kalvarienberg um die Kapelle herum, um den Segen des heiligen Leonhard zu erbitten. Auch als in den 1980er-Jahren eine Pferdeseuche im Pfaffenwinkel ausbrach, hat man die Tölzer Wallfahrt durchgeführt, erinnert sich Lader Anton Heufelder. „Man bat halt die Rosserer aus dem Weilheimer Gebiet daheim zu bleiben.“
Aber heuer ist es anders. Die Corona-Pandemie wirft weite Schatten voraus. „Ich kann derzeit keine seriöse Antwort geben, ob es die Wallfahrt geben wird“, sagt der neue Bürgermeister Ingo Mehner. „Ich will es natürlich, aber es hängt an der landesrechtlichen Genehmigungssituation.“ Großveranstaltungen sind derzeit noch bis Ende August verboten. Was danach kommt, ist von den dann aktuellen Pandemie-Zahlen abhängig.
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Das Laden der Wallfahrer sei nicht das Problem, berichtet Heufelder aus der Praxis. Das beginne erst im September. Aber die Leonhardizeichen, ergänzt der zweite Leonhardilader Ludwig Bauer, „müssen wir bereits im Juli/August bestellen. Da geht’s schon los.“
Heufelder wie Bauer sind eher skeptisch, dass die Wallfahrt wie gewohnt abgehalten werden kann. Wie solle man denn tausende Leute entlang der Strecke kontrollieren? Für beide ist es „unvorstellbar“, eine Abstandsregel etwa auf einem Trachtler- oder Jungfrauen-Wagen einzuhalten. Oder gar eine Maskenpflicht. „Ja wirklich nicht“, winkt Heufelder ab. „Das geht gar nicht.“ Zurzeit, glauben die beiden altgedienten Lader übereinstimmend, können sie sich eine Leonhardifahrt 2020 nicht vorstellen.
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Und was wäre mit einer abgespeckten Version, über die Mehner nachdenkt? Als Privatmann, nicht öffentlich, könnte er sich eine wie auch immer geartete religiöse Feier vorstellen. Wie gewohnt, da ist sich der 42-Jährige sicher, wird die Wallfahrt keinesfalls stattfinden. Irgendwelche Schutzmaßnahmen werden wohl nötig sein. „Es wird Abstriche geben.“
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Mit einem Bittgang oder nur einem Wallfahrtsgottesdienst kann sich der erklärte Traditionsbewahrer Heufelder so recht nicht anfreunden: „Ich bin immer dafür, dass es bleibt, wie es ist.“ Und führt auch praktische Gründe ins Feld: Lädt man zu Leonhardi, gleich in welcher Form, ein, kommen viele Menschen. Wie soll man diese Massen beaufsichtigen? „Momentan schaut’s nicht gut aus“, sagt der 67-Jährige und sieht das Ganze auch im Kontext des Kirchenjahrs. Fronleichnamsprozessionen werde es ja wohl auch nicht geben. Wenigstens dafür kann sich der Marktstraßen-Anwohner eine abgespeckte Version vorstellen. „Wir schmücken unsere Häuser trotzdem mit Fronleichnamsfahnen und -tüchern und feiern eine Prozession im Stillen.“ Andere Nachbarn hätten schon eine Teilnahme signalisiert.
Von Christoph Schnitzer