VonSilke Schederschließen
So ein Jubiläum gibt es nicht alle Jahre: Der Manghof aus Ellbach ist heuer zum 80. Mal bei der Tölzer Leonhardifahrt vertreten. Um die Tradition aufrecht zu erhalten, nimmt Anton Mayer einiges in Kauf.
Bad Tölz – Es geschieht bei der Einfahrt in die Tölzer Marktstraße: Die vielen hundert Menschen zu beiden Seiten der Fußgängerzone, der Klang der Pferdehufe auf dem Kopfsteinpflaster, die wochenlangen Vorbereitungen – all’ das tritt in diesem Moment in den Hintergrund. Für Anton Mayer aus Ellbach gibt es nur noch seine vier Haflinger. Und Gott. Leonhardi hat begonnen.
Mayer reitet heuer zum 45. Mal bei der Wallfahrt mit. Sein Manghof ist bereits zum 80. Mal vertreten. Deshalb darf sein Wagen in diesem Jahr ganz vorne fahren, gleich hinter der Geistlichkeit, dem Stadtrat, den Ministranten und der Kapelle. Als CSU-Mandatsträger könnte er auch in Wagen 2 mitfahren. Doch das will der „Mang“ gar nicht. Er fühlt sich der Tradition seines Aussiedlerhofs verpflichtet. Sie zu erhalten: „Das ist das A und O.“
Um dieses Ziel zu erreichen, nehmen Mayer und seine Frau Annelies einiges auf sich. Seit Anfang September spannt der Landwirt und Züchter fast täglich vier seiner elf Haflinger ein und fährt mit ihnen zum Teil bis nach Bad Tölz. Eine Stute reitet heuer zum ersten Mal bei „Lehards“ mit. „Sie muss sich ans Geschirr gewöhnen.“ Und an den Straßenverkehr.
Um 2.30 Uhr führt der erste Weg in den Stall
Am Tag der Leonhardifahrt klingelt der Wecker um 2.30 Uhr. Der erste Weg führt Mayer in den Pferdestall. Die Tiere müssen gefüttert und der Mist entfernt werden. Gut dreieinhalb Stunden früher wird er genau das Gleiche tun. „Damit sich die Tiere über Nacht nicht dreckig machen“, erklärt Mayer. Am Tag vor der Wallfahrt nämlich werden alle vier Haflinger gewaschen – mit viel Shampoo und noch mehr Sorgfalt.
Das Ehepaar selbst macht sich fertig, wenn auch die 50 Kühe gemolken sind. Gegen 5.30 Uhr gibt es ein Weißwurstfrühstück, um 6.15 Uhr legt Mayer den Pferden das Geschirr an. Dann flicht seine Frau den Schweif der Tiere und schmückt sie mit Blumen, wie sie es von ihrer Schwiegermutter gelernt hat.
„Leonhardi ist fast wie ein Fieber“, sagt Annelies Mayer. „Wenn wir nicht dabei wären, würde etwas abgehen.“ Sie selbst fährt nicht auf dem Wagen des Manghofs mit, der ist den Jungfrauen aus Ellbach vorbehalten. Annelies Mayer sitzt heuer auf Wagen 27, zusammen mit den anderen Schalkfrauen aus Kirchbichl und Ellbach.
Nach dem Vaterunser geht es los
Um 8.45 Uhr müssen alle 77 Wagen zur Aufstellung im Badeteil sein. Das heißt für Anton Mayer: Gegen 7.30 Uhr muss er aufbrechen. Zuvor spricht er das „Vaterunser“, zusammen mit den Miedermädchen. Zwölf von ihnen passen in den zwei Jahre alten Truhenwagen. Mayer hat ihn zu seinem 60. Geburtstag anfertigen lassen – nach dem Vorbild des Originals.
Der ursprüngliche Wagen hatte Mayers Urgroßvater Johann Sappl gehört. Der damalige Herr über den Manghof nahm Anfang des 20. Jahrhunderts zum ersten Mal an der Leonhardifahrt teil. In der Teilnehmerstatistik in Christoph Schnitzers Buch „Die Tölzer Leonhardifahrt“ taucht der Hausname Mang erstmals 1934 auf. Danach gab es immer wieder Pausen. Kriegsbedingt. Aber auch, weil ab 1960 keine Pferde mehr auf dem Manghof lebten. Pferdenarr Anton Mayer änderte das mit Unterstützung seines Vaters – und nahm ab 1976 wieder an Lehards teil. Seitdem hat er keine Wallfahrt verpasst.
Passiert sei Gott sei Dank nie etwas, sagt Mayer und klopft auf die Holzplatte seines Küchentisches. Eine gewisse Anspannung begleitet den Rosserer dennoch jedes Mal. Vor allem, wenn er seine Tiere den steilen Maierbräugasteig hochdirigiert. „Das ist eine Herausforderung für jeden Fuhrmann.“
Auch das Wetter ist oft eine Herausforderung für die Teilnehmer. Im Laufe der Jahre hat Anton Mayer Wärme und Kälte erlebt, 1986 sogar beides. Zu Beginn der Wallfahrt waren die Temperaturen noch angenehm. Plötzlich kam ein Schneesturm auf. Die Miedermädchen froren entsetzlich. Anstatt mit der Kutsche zurück nach Ellbach zu fahren, wurden sie in Autos nach Hause gebracht, erzählt Mayer. Ein andermal regnete es so ausgiebig, dass nach der Fahrt Wasser in seinen Stiefeln stand. „Aber das nimmt man in Kauf“, sagt Mayer. Warum? Anton Mayer überlegt, ringt um die richtigen Worte. „Ist vielleicht angeboren.“
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