VonAndreas Steppanschließen
Es war eine Pionier-Leistung: Vor einem Jahr öffnete in Bad Tölz die erste Tagespflege-Einrichtung im südlichen Landkreis. Mittlerweile sind die 18 Plätze gut belegt, die Betreuungsform etabliert sich zunehmend. Den Bedarf sehen die Betreiberinnen aktuell weitgehend gedeckt.
Bad Tölz – „Daheim bin ich allein – da verlernt man das Reden“, sagt Angela Berchtold. Gelegenheit, sich in Konversation zu üben, hat die Seniorin mittlerweile aber wieder ausreichend. Sie war eine der ersten, die einen Platz in der „Tölzer Tagespflege“ buchte. Hier verbringt sie die Tage nun gemeinsam mit anderen Senioren: Man macht Gymnastik, ratscht, vertreibt sich die Zeit mit Spielen, geht spazieren und isst zu Mittag – bis es gegen Abend wieder nach Hause geht. „Es ist nie langweilig“, schwärmt Angela Berchtold. Zwischenzeitliche Überlegungen, in ein Pflegeheim umzuziehen, sind bei ihr mittlerweile vom Tisch.
Die Betreiberinnen der Tölzer Tagespflege Ingrid Krafft-Otto und Birgit Gahler-Scheffler waren Vorreiterinnen im südlichen Landkreis, als sie Anfang 2018 die „Tölzer Tagespflege“ eröffneten. So etwas hatte es bis dato in Isarwinkel und Loisachtal nicht gegeben: eine Einrichtung, in der Senioren den Tag über betreut und gepflegt werden, während die Angehörigen arbeiten gehen, Erledigungen machen oder einfach einmal durchschnaufen. Damals herrschte allgemeine Einigkeit, dass eine große Angebotslücke geschlossen würde und es sich um ein Zukunftsmodell handele.
Zum 1. Februar nun jährte sich die Eröffnung zum ersten Mal. Die Bilanz der Betreiberin Ingrid Krafft-Otto fällt rundum positiv aus. „Wir sind sehr froh, dass wir diesen Schritt gegangen sind“, sagt sie. Den Bedarf für diese Form der Betreuung sieht sie im südlichen Landkreis nun aber auch fürs Erste weitgehend gedeckt. „Wir sind zu rund 85 Prozent ausgebucht“, erklärt sie. „Die Tendenz ist steigend, es geht jetzt bei uns mit kleinen Wartelisten für einzelne Tage los.“ Ungedeckten Bedarf sieht sie aktuell eher für Gruppen mit spezielleren Bedürfnissen und erinnert an einen hirnverletzten Lenggrieser (37), dessen Familie bislang erfolglos einen passenden Tagespflegeplatz für ihn sucht.
Bis zu 18 Personen können an einem Tag in der Einrichtung an der Tölzer Schützenstraße betreut werden. Geöffnet ist montags bis freitags von 7.30 bis 16.30 Uhr. Buchen können die einzelnen Kunden einen bis 22 Tage im Monat. „An manchen Tagen sind wir voll, mal sind auch nur 16 da“, berichtet Krafft-Otto. Mit dabei seien auch relativ junge Besucher ab zirka 60 Jahren aufwärts, die aus verschiedenen Gründen alltagseingeschränkt sind. „Und die älteste Dame, die bei uns ist, wird im Frühling 100.“
Gemeinsam hätten alle, dass sie einen Pflegebedarf hätten. Einige sitzen im Rollstuhl, manche müssen gefüttert und/oder gewindelt werden, andere sind leicht dement. „Wichtig ist uns nur, dass sie nicht weglaufgefährdet sind und auch nicht aggressiv gegenüber den anderen Besuchern.“ Für Demenz-Patienten gibt es die spezialisierte Tagespflege-Einrichtung „L(i)ebenswert“ in Bad Heilbrunn.
Je nach Pflegegrad stehe jedem Pflegebedürftigen ein gewisses Budget für Tagespflege zu, so Krafft-Otto. Darüber hinaus kann man als Selbstzahler zusätzliche Betreuungszeiten buchen.
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Auch wenn sich die Einrichtung mittlerweile gut etabliert hat: „Es war nicht so, dass alle in Tölz darauf gewartet haben, dass endlich so etwas eröffnet“, sagt Krafft-Otto. „Man musste den Menschen erklären, was Tagespflege bedeutet.“ Gerade pflegenden Ehefrauen gelte es zu vermitteln, dass es keineswegs egoistisch sei, ein paar Stunden für sich selbst zu haben, während der Ehemann in der Tagespflege ist. „Wenn derjenige, der pflegt, keine Kraft tanken kann, bricht das ganze Konstrukt zusammen. Und wenn der Partner abends gut gelaunt heimkommt, hat er etwas zu erzählen.“ Niemand bekomme das Gefühl, in die Einrichtung „abgeschoben“ zu werden.
Oft würden ihr Angehörige berichten, dass wieder eine besserer Art der Kommunikation möglich werde, seit der Vater oder Großvater in der Tagespflege „einen ganz anderen Input“ bekomme.
Inklusive der beiden Leiterinnen arbeiten elf Personen in der Einrichtung – Fachkräfte, Pflegehelfer, Betreuungsassistenten und Helfer für Küche und den Shuttle-Service. Ihren ambulanten Pflegedienst, den sie vorher betrieb, hat Ingrid Krafft-Otto zum Jahreswechsel in andere Hände abgegeben. Sie und ihre Geschäftspartnerin haben dafür „noch ein paar Ideen“, wie sie die Zukunft der Pflege in Bad Tölz weiter mitgestalten könnten. „Ich denke und wünsche mir, dass die Tendenz weiter in Richtung von Wohngruppen und betreuten Wohngemeinschaften geht“, sagt Krafft-Otto. Stationäre Pflegeeinrichtungen werde es auch weiterhin geben – zunehmend für diejenigen, die im hohen Alter engmaschigere Pflege benötigen.
Kontakt
Schützenstraße 33, Telefon 0 80 41/7 99 90 90.
