VonMagnus Reitingerschließen
Die kirchlichen Wohlfahrtsverbände im Landkreis sind besorgt wegen der Überlastung einiger „Tafeln“ vor Ort. Zum einen leisten Caritas und Diakonie Herzogsägmühle konkrete Hilfe, zum anderen richten sie dringende Appelle an die Politik.
Landkreis – Wartelisten bei der Tafel in Schongau, gar ein Aufnahmestopp bei der Tafel in Weilheim: „Wo bleibt die öffentliche Entrüstung über diesen Missstand?“, wunderte sich Bernhard Kerscher, ehemaliger Direktor des Gymnasiums Penzberg, in einem Leserbrief, nachdem unsere Zeitung über den starken Anstieg der Bedürftigen und die teilweise Überlastung der Helfer berichtet hatte. Und er fügte seinen viel beachteten Zeilen auch diese Frage an: „Wo ist der Aufschrei der Kirchen und Sozialverbände?“
Lesen Sie auch: Trauer um Mitgründer der Caritas im Landkreis
Diese Frage ließ den Spitzen der kirchlichen Wohlfahrtsverbände vor Ort keine Ruhe. Und mehr noch lässt ihnen die beschriebene Situation selbst keine Ruhe. Vertreter der katholischen Caritas und der evangelischen Diakonie Herzogsägmühle baten die Heimatzeitung deshalb zu einem Gespräch über ihre Einschätzung der sozialen Lage im Landkreis. Und dabei wurde deutlich: Sie sehen die Politik dringend gefordert.
„Politik müsste darauf hinarbeiten, dass wir Tafeln gar nicht brauchen“
„Seit 20 Jahren verlässt sich Papa Staat darauf, dass es Ehrenamtliche und Träger gibt, die die Not sehen und auffangen“, sagt Thomas Koterba, Geschäftsführer der Caritas im Landkreis, mit Blick auf die rund 1000 Tafel-Organisationen in Deutschland. 60 000 Helfer verteilen dort zumeist gespendete Lebensmittel an etwa zwei Millionen Menschen. Und das dürfte in einem Sozialstaat wie der Bundesrepublik eigentlich nicht nötig sein, betont Koterba: „Die Politik müsste darauf hinarbeiten, dass wir Tafeln gar nicht brauchen.“
Die kirchlichen Verbände im Landkreis helfen zunächst einmal ganz praktisch mit, die Not der Betroffenen zu lindern. Die Caritas hat vor vielen Jahren den Gabentisch Peißenberg und die Penzberger Tafel mitgegründet und betreibt diese mit den Kirchengemeinden vor Ort. Die Diakonie Herzogsägmühle ist bei der Tafel Schongau im Boot und arbeitet derzeit an der Gründung einer Tafel in Peiting, gemeinsam mit der Marktgemeinde. Die Weilheimer Tafel wird vom örtlichen Verein für Evangelische Gemeindediakonie getragen. Zusammen versorgen die derzeit vier Einrichtungen im Kreis Woche für Woche gut 1700 Bedürftige. Darunter sind zuletzt verstärkt Geflüchtete und Menschen mit Migrationshintergrund, aber auch viele Einheimische: etwa Alleinerziehende und Menschen, die von Bürgergeld oder kleinen Renten leben müssen.
Sozialverbände fordern Erhöhung der Regelsätze zur Grundsicherung
Es mache ihr Sorgen, „dass immer weniger Rentner von ihrer Rente leben können“, sagt Birgit Gutzeit, die als Teilbereichsleiterin bei Herzogsägmühle unter anderem für die Tafeln zuständig ist. Auch viele, die noch im Erwerbsleben stehen, könnten von ihrem Einkommen schlicht nicht leben, weiß Gutzeit: „Das ist ein Armutszeugnis für unseren Staat.“
Seit langem fordern die Sozialverbände deshalb, die Regelsätze der Grundsicherung zu erhöhen, ergänzt Caritas-Mitarbeiter Marinus Riedl, der auch dem Leitungsteam des Peißenberger Gabentischs angehört.
Mindestens 725 Euro, so hat die Paritätische Forschungsstelle kürzlich errechnet, bräuchte ein alleinstehender Erwachsener monatlich, um über die Runden zu kommen. Tatsächlich bekommt er derzeit 502 Euro. Nicht mal 17 Euro pro Tag, mit denen alles zu bestreiten ist, was ein Mensch braucht, von Lebensmittel über Bekleidung und Wohnnebenkosten bis zu Fortbewegung und Freizeit: „Das soll mal jemand sagen, wie das funktionieren soll“, sagt Riedl, „und das vor dem Hintergrund der eklatanten Preissteigerungen“. Die Teuerungen, die zurzeit alle beklagen, „betreffen unsere Kunden noch viel mehr“, weiß Gutzeit.
Bürger sollten bei Wahlen überprüfen: „Welche Parteien haben auch sozial Schwächere im Blick?“
Koterba wendet sich in diesem Zusammenhang vehement gegen den Vorwurf, unter den Hilfeempfängern seien viele „Schmarotzer“. Tatsächlich sei es nur ein sehr niedriger Prozentsatz, der sich nicht kümmere, das bestätige auch das Jobcenter. „Alle anderen wollen gern raus aus dem Leistungsbezug, keiner ist gern arbeitslos und will der Allgemeinheit auf der Tasche liegen. Das ist für viele auch mit Scham verbunden.“ Deshalb ein deutlicher Appell des Caritas-Chefs in Richtung Politik: „Bitte endlich mit dem widerlichen Reflex aufhören, das Ganze immer in die Schmarotzer-Ecke zu drängen! Das macht mit den Menschen ja auch was, das ist für viele eine echte Belastung.“
Die Vertreter der Wohlfahrtsverbände sehen auch dringenden Handlungsbedarf bei Bundes- und Landespolitik: Es brauche „armutsfeste Regelsätze“ bei der Grundsicherung und Regulierungen, dass Energieversorger „ihre Preise nicht ins Unendliche steigern dürfen“. Und es müssten schnell mehr Sozialwohnungen geschaffen – und nicht, wie in den letzten Jahren, abgebaut – werden. Dass dies der Markt selber regle, sei ein Irrglaube, erklärt Koterba, der auch ausgebildeter Betriebswirt ist: „Der Markt regelt es ausschließlich zugunsten des Produktionsfaktors Kapital.“ Bei Wahlen, so sind sich die Vertreter von Caritas und Diakonie einig, sollten Bürger auch auf diese Themen achten – und prüfen: „Welche Parteien haben auch sozial Schwächere im Blick?“
(Unser Weilheim-Penzberg-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus Ihrer Region. Melden Sie sich hier an.)
Die Tafeln werden freilich auf längere Sicht unverzichtbar bleiben. Und sie sind mehr denn je auf Spenden angewiesen. Auf Spenden von Geld, um dringend benötigte Lebensmittel zukaufen zu können. Aber auch auf Zeit-Spenden. Es gehe nicht nur um Linderung materieller Not, betonen Gutzeit, Koterba und Riedl: „Es geht auch um Zuwendung, um Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.“
