Serie - Ein Jahr Krieg in der Ukraine

Ukrainer wollen arbeiten, aber Kinderbetreuung ist das größte Problem

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Es wäre deutlich einfach, die ukrainischen Kriegsflüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren, wenn die Kinderbetreuung gewährleistet wäre.
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Fast über Nacht erhöhten sich die Kundenzahlen des Jobcenters im Landkreis Weilheim-Schongau im Juni 2022 um 30 Prozent. Seitdem sind die Mitarbeiter dort auch für die Kriegsgeflüchteten aus der Ukraine zuständig.

Landkreis – „Zeit für den nächsten Schritt“ – Jan Riediger, Geschäftsführer des Jobcenters Weilheim-Schongau, lässt nicht locker. Die ersten Monate nach dem „Rechtskreiswechsel“ im Sommer, als die Ukrainer in die Zuständigkeit des Jobcenters wechselten, waren für seine Mitarbeiter und ihn stressig.

„Da ging es vor allem darum, die Grundbedürfnisse der Kunden zu befriedigen“, sagt Riediger. Die Leute brauchten ein Dach über dem Kopf, der Bezug der Geldleistungen musste abgesichert sein, Sprachkurse als Basis vermittelt werden.

„Kaum ein Betrieb, vor dem nicht ein Schild steht, dass Mitarbeiter gesucht werden“

Jetzt stehe bei vielen Ukrainern, die schon etwas länger im Landkreis sind und die Sprache erlernt haben, Beratung und Integration in den Arbeitsmarkt im Fokus, so der Geschäftsführer weiter. Die Voraussetzungen sind gut: „Man muss nur mal durch die Stadt laufen – kaum ein Laden, kaum ein Betrieb, vor dem nicht ein Schild steht, dass Mitarbeiter gesucht werden.“

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Die Ukrainer, für die das Jobcenter zuständig ist, würden in der Regel über ein gutes Bildungs- und Ausbildungsniveau verfügen. Das bedeute aber nicht, dass sie einfach gleich wieder in ihrem erlernten Beruf arbeiten könnten. „Die Abschlüsse und Ausbildungen sind oft nicht vergleichbar“, so Riediger. Und die Anerkennung ukrainischer Abschlüsse, die dauere schon eine Weile. Wie lange, das könne man noch nicht genau sagen, aber unter drei Monaten gehe kaum etwas.

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Seit knapp einem Jahr tobt der blutige Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Im Rahmen einer Serie untersucht die Heimatzeitung die Auswirkungen des Ukraine-Krieges auf das Leben im Landkreis. Heute geht es um die zusätzlichen Belastungen des Jobcenters.

Der Umgang mit den ukrainischen Kunden sei für die Mitarbeiter des Jobcenters in der Regel sehr angenehm: „Aufgaben werden vorbildlich und fristgerecht erledigt, es gibt eine hohe Termintreue, die Menschen sind gewillt und motiviert.“ Dass alles so reibungslos ablaufe, liege auch daran, dass das Jobcenter für ein Jahr einen Ukrainer, der schon lange in Deutschland lebt, als Dolmetscher einstellen konnte.

Jan Riediger ist Geschäftsführer des Jobcenters im Landkreis Weilheim-Schongau.

„Der Mann ist Gold wert, gefühlt überall gleichzeitig im Einsatz: am Empfang, bei den Beratungsgesprächen, am Telefon“, schwärmt sein Chef. Aber dennoch reiche ein Dolmetscher nicht aus – schon rein praktisch ist es nun mal nicht möglich, gleichzeitig in Weilheim und in Schongau vor Ort zu sein. Deswegen wurden zusätzlich noch drei Übersetzungsgeräte angeschafft, die 76 Sprachen beherrschen und laut Riediger „erstaunlich gut funktionieren“.

Etwa die Hälfte der ukrainischen Jobcenter-Kunden hat bereits eigene Wohnung gefunden

Gut funktioniert auch die Wohnungs- und Jobsuche der Ukrainer, sagt er weiter. Etwa die Hälfte der Kriegsgeflüchteten, für die das Jobcenter zuständig ist, würde mittlerweile in eigenen Wohnungen leben. Insgesamt rund 1000 Ukrainer hat das Jobcenter Weilheim-Schongau im System, 600 davon im arbeitsfähigen Alter. Rund 20 Personen seien bislang pro Monat durchschnittlich aus dem Leistungsbezug gefallen. Zehn, weil sie einen Job gefunden haben und nicht mehr auf Leistungen angewiesen sind, zehn, weil sie zurück in die Ukraine gegangen seien.

Das größte Problem beim Versuch, die Ukrainer dem Arbeitsmarkt zuzuführen, sei nach wie vor die Kinderbetreuung, macht Riediger klar. Es seien halt besonders viele Frauen mit Kindern nach Deutschland geflüchtet. Und diese könnten nur eine Beschäftigung aufnehmen, wenn die Betreuung der Kinder gewährleistet sei. Das sei eine der wichtigsten Aufgaben für die Politik in nächster Zeit, so der Geschäftsführer weiter im Gespräch.

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