Themenabend des Staatlichen Bauamts

Umfahrung Weilheim: Viele Fragen an Gutachter Kurzak

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Gefragter Mann: Verkehrsgutachter Harald Kurzak aus München (stehend) am Dienstag im Staatlichen Bauamt beim dritten Themenabend zur „Umfahrung Weilheim“.
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Wie treffsicher sind seine Prognosen? Und wie steht er zur „Verkehrswende“? Beim dritten Themenabend zur „Umfahrung Weilheim“ war Gutachter Kurzak gefragt.

Weilheim – Nachdem bei den ersten beiden Runden mit geladenen Gästen aus der Lokalpolitik, Bürgerinitiativen (BI) und Verbänden die fünf konkreten Umfahrungsvarianten diskutiert wurden (wir berichteten), ging es beim dritten Themenabend am Dienstag im Staatlichen Bauamt drei Stunden lang um „Mobilität und Verkehr“. Dabei stand Ingenieur Harald Kurzak (78), dessen „Verkehrsuntersuchung Entlastung Weilheim“ von 2017 Basis der Umfahrungsdiskussion ist, Rede und Antwort. Er stellte die Methodik seiner Datenermittlung und -berechnung dar, zu der Verkehrszählungen und Befragungen gehören („Ich mache das seit 45 Jahren auf diese Art“), und kam dann von sich aus auf den Anteil des Durchgangsverkehrs in Weilheim zu sprechen – die oft zitierten zwölf Prozent (gegenüber 37 Prozent Binnenverkehr von Weilheimern innerhalb Weilheims und 51 Prozent Quell- und Zielverkehr, der in Weilheim beginnt oder sein Ziel hat).

Umfahrung Weilheim: „Prozentrechnerei bringt nicht weiter“

Zwölf Prozent sei „keine so große Zahl“, sagte der Gutachter. Weil diese Autos aber die ganze Stadt durchqueren, machten sie „20 Prozent der Fahrleistung“ aus, „konzentriert auf drei große Straßen“. Es sei „notwendig, dass man diesen Durchgangsverkehr aus der Stadt rausbringt“, so Kurzak, „dann können Sie als Weilheimer diese Straßen auch wieder besser benutzen“. Einheimische müssten dann nicht mehr auf Nebenstraßen ausweichen, und spürbar werde vor allem sein, „dass zwei Drittel der Lkws weg sind“.

Den Vorsitzenden der „Bund Naturschutz“-Ortsgruppe überzeugte das nicht. Wenn eine Umfahrung die Stadt –wie Kurzak vorrechnete – um 15 bis 20 Prozent des Autoverkehrs entlaste, komme ihm der Aufwand dafür zu groß vor, sagte Thomas Vijverberg: „Es ist schon die Frage, ob wir unsere Kraft nicht anders einsetzen sollten.“ Dagegen setzte Bauamts-Leiter Uwe Fritsch: „Die Prozentrechnerei bringt überhaupt nicht weiter. Merken Sie, wenn Sie an einer Straße stehen, ob diese um 20 oder 30 Prozent entlastet ist? Also, ich merke das nicht.“

Gutachter Kurzak: Prognosen sind eher „vorsichtig“

Seine Prognosen, so Kurzak auf mehrere Nachfragen, seien prinzipiell eher „vorsichtig“, und er sei damit rückblickend meist richtig gelegen. Große Veränderungen im Sinne einer Verkehrswende erwartet der Gutachter in den nächsten Jahren nicht. Zwar könne es „nicht so weitergehen“, und er rechne ab 2030 mit einer leichten Abnahme von Autoverkehr in der Region. „Doch es gibt keine Wende, es gibt nur eine Entwicklung“, so Kurzak: „Und nach allen Erfahrungen, die ich habe, entwickeln sich diese Dinge leider sehr langsam.“

Brigitte Holeczek, BfW-Fraktionssprecherin im Weilheimer Stadtrat, glaubt, dass eine Umfahrung der Stadt „unglaublichen Gestaltungsspielraum“ für Radwege, „Tempo 30“ oder Straßenverengungen gäbe. Nach Ansicht von Karin Knöthig (BI „Heimat 2030“) hingegen würde eine Umgehungsstraße nur Verkehr verlagern – und sogar „neue, zusätzliche Belastungen schaffen“.

Kurztunnel: Zahlen von Gutachter Kurzak

Knöthig brachte erneut einen Kurztunnel unter der B2 ins Gespräch. Kurzak überraschte mit der Aussage, dass er dessen Wirkung untersucht habe: Demnach würde der Kurztunnel deutlich besser genutzt werden als etwa der Zentrum-Tunnel unter Römer- und Krottenkopfstraße; doch dem südlichen Teil der Alpenstraße würde er noch mehr Verkehr bescheren, und vor allem wären die nötigen Nebenfahrbahnen an der Ein- und Ausfahrt „Riesenbauwerke mitten in der Stadt“. Die Zahlen zum Kurztunnel will das Staatliche Bauamt auf Bitten der BI-Vertreterin im Internet veröffentlichen (www.stbawm.bayern.de). „Aber wir werden diese Variante trotzdem nicht weiter verfolgen“, beschied Behörden-Chef Fritsch.

Streit um Auswirkungen für Marnbach/Deutenhausen

Zahlen hatte Kurzak auch im Einführungsvortrag präsentiert. So habe die seit 2003 bestehende Südspange Wirkung gezeigt: Der Durchgangsverkehr, der über die Pollinger Straße und Waisenhausstraße fließt, sei dadurch von 4900 auf 3700 Autos pro Tag gesunken, jener an der Alpenstraße aber umso mehr gestiegen. Auch zur Frage, ob eine Weilheimer Ostumfahrung für Deutenhausen, Marnbach und Seeshaupt mehr Durchgangsverkehr bedeuten würde, äußerte sich der Gutachter – und verneinte dies. Eine Befragung habe ergeben, dass 1997 knapp 300 Weilheimer täglich über Seeshaupt zur Autobahn fuhren und 2017 nur noch 190. Der künftige Tunnel in Starnberg werde dafür sorgen, dass noch weniger Autofahrer die längere Strecke über Marnbach und Seeshaupt zur Autobahn wählen, so Kurzak.

Klaus Gast (CSU), Ortsreferent des Weilheimer Stadtrats für Marnbach, betonte jedoch, dass der Durchgangsverkehr in Deutenhausen und Marnbach insgesamt zugenommen habe. Dem widersprach Kurzak („dieser Eindruck ist falsch“) mit „offiziellen Zahlen“. Offenbar kursieren aber unterschiedliche Verkehrszahlen; sie sollen beim Staatlichen Bauamt nun zusammengeführt werden.

Kurzak wirbt für ortsnahe Ostumfahrung

Dass Kurzak klar für eine ortsnahe Ostumfahrung Weilheims plädierte („das ist die richtige Variante“, sie habe die stärkste Entlastungswirkung und bediene auch „Pendler, die in Weilheims Osten zuziehen“), ärgerte Gast. Er zitierte genüsslich aus einem Gutachten von 1997, in dem Kurzak schrieb, dass eine Westumfahrung Weilheim wesentlich entlasten könne. Doch damals hätten „ganz andere Voraussetzungen geherrscht“, nahm Bauamts-Vertreter Andreas Lenker den Gutachter in Schutz. Kurzak selbst sagte, er habe damals nur eine Westumgehung untersuchen sollen: „Hätte ich damals auch in den Osten denken dürfen, dann wäre die Ostumfahrung besser weggekommen.“

Ostumgehung als Komplett-Tunnel „völlig undenkbar“

Derzeit laufe wohl „alles auf die ortsnahe Ostumfahrung hinaus“, sagte Saika Gebauer-Merx. Doch dann sollte diese komplett als Tunnel geplant werden, so die FDP-Stadträtin weiter – was mit rund 130 Millionen Euro immer noch billiger wäre als der bergmännische Zentrum-Tunnel. Doch solche Vergleiche „bringen nichts“, antwortete Bauamts-Chef Fritsch: „Der Bund geht von der billigsten Variante aus“ und frage, warum er mehr investieren solle. Einen „Tunnel um Weilheim herum“, also eine Ostumgehung als Komplett-Tunnel, halte er „für völlig undenkbar“, so Fritsch.

Zugleich betonte der Behörden-Leiter, dass man von bisherigen Äußerungen noch keine Vorfestlegung ableiten dürfe. Bisher sei es in den Gesprächen vor allem um die verkehrlichen Belange gegangen, die zwar „wichtig, aber nur ein Belang von vielen“ seien: „Mindestens genauso wichtig ist die Wirtschaftlichkeit, und auch der Naturschutz und die Anforderungen der Stadt sind wichtig.“ Eine Meinung dazu hat sich bereits Weilheims 2. Bürgermeister Horst Martin (SPD) gebildet. „Wenn ich alles betrachte“, sagte er am Dienstagabend: „Der Preis ist mir zu hoch, unsere Naherholungsgebiete –egal ob in Ost oder West – zu durchschneiden.“

mr

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