VonSilke Schederschließen
„Irgendwie geht’s immer – und das muss es auch.“ So lautet das Lebensmotto von Ursula Rochlitz aus Lenggries, und zwar seit 100 Jahren.
Lenggries – Ihre drei Kinder bezeichnen sie liebevoll als „Grande Dame“, als „große Dame“. Denn auch im hohen Alter legt Ursula Rochlitz großen Wert auf ihre Kleidung und ihre Frisur. Kommenden Sonntag feiert die Lenggrieserin ihren 100. Geburtstag. Dass sie so alt geworden ist, verdankt sie unter anderem ihrem guten Instinkt.
Einen speziellen Wunsch hat Ursula Rochlitz zu ihrem Ehrentag nicht. Über eine Rose würde sich die Jubilarin freuen. „Oder über ein bisschen Sekt und Rotwein.“ Ansonsten ist Ursula Rochlitz einfach glücklich, dass ihr zu Ehren die Familie im Arzbacher Hof zusammenkommt. Für die Heimatvertriebene keine Selbstverständlichkeit.
Gebürtig stammt Ursula Rochlitz aus Danzig. An den Tag, an dem die Polen sie und ihre acht Monate alte Tochter vertrieben, kann sich die alte Dame noch genau erinnern. „Das war am 20. Juli 1945.“ Fast 26 Jahre alt war Ursula Rochlitz damals. Die Erlebnisse waren so schlimm, dass sie nie wieder in ihre Geburtsstadt zurückkehren wollte. Trotzdem spricht Ursula Rochlitz von „Glück“. Glück, weil sie sich ein paar Monate zuvor geweigert hatte, die „Wilhelm Gustloff“ zu betreten – jenes Schiff, das ihr die Flucht hätte ermöglichen sollen. Stattdessen sank der Dampfer Ende Januar 1945 vor der Küste Pommerns und riss mehr als 9000 Menschen mit in den Tod. Ursula Rochlitz hatte den richtigen Instinkt.
Nach der Vertreibung: Lenggries wurde zur neuen Heimat
Und Glück, weil es sie am Ende ihrer Flucht nach Lenggries verschlug, das für sie und ihre Familie zur neuen Heimat werden sollte.
Nach dem Krieg fand ihr Mann sie mit Hilfe des Roten Kreuzes wieder. Hans Rochlitz bekam eine Anstellung in der Lenggrieser Kaserne, wurde später General-Vertreter einer großen Versicherung. Seine Frau arbeitete unter anderem beim Bauunternehmen Schwarzenberger, kümmerte sich aber hauptsächlich um die drei Kinder. Die Sommer verbrachte die Familie am See, die Winter am Berg.
„Sie hat viel für uns gemacht“, erzählt Tochter Christine Rochlitz. Sie lebt im Nachbarhaus und sieht jeden Tag bei ihrer Mutter nach dem Rechten. Besonders imponiert der 70-Jährigen, dass ihre Mutter sich nicht beklagt, auch wenn die Augen schlechter und die körperlichen Beschwerden größer werden. Das Lebensmotto von Ursula Rochlitz lautet: „Irgendwie geht’s immer – und das muss es auch.“
VHS-Kassetten, Schallplatten und Flachbildschirm
Ihre Tage verbringt Ursula Rochlitz am Telefon – täglich spricht sie mit einer guten Freundin. Oder sie sieht sich im Fernsehen Berichte über Hitler und den Zweiten Weltkrieg an. Die Thematik interessiert sie. „Wir haben damals ja nichts erfahren“, sagt Ursula Rochlitz. Auch bei Quizsendungen schaltet die alte Dame gerne ihren Flachbildschirm an, der ganz in der Nähe von VHS-Kassetten und alten Schallplatten steht. „Sie ist noch ganz klar im Kopf und rät mit“, verrät Christine Rochlitz.
Dass sie einmal so alt werden würde, hätte Ursula Rochlitz nicht gedacht. Die Gebrechen nimmt sie mit stoischem Gleichmut. „Irgendwie geht’s immer – und das muss es auch.“
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