- VonJohanna Janischschließen
Es startet mit starken Kopfschmerzen, das Gehen funktioniert nicht richtig oder das Sprechen fällt schwer. Auch wenn diese Symptome wieder verschwinden sind, können sie ein Anzeichen für ein schwerwiegenderes Problem sein: ein Schlaganfall. Wohin soll man sich dann wenden? Am besten an der nächstgelegenen Stroke-Unit.
Berchtesgadener Land/Landkreis Traunstein – Die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe gibt an, dass es in Deutschland jährlich zu 270.000 Fällen kommt. Diese Zahl wird bis 2040 um 30 Prozent steigen. Meist sind ältere Menschen gefährdet, einen Schlaganfall zu erleiden, aber nicht nur, je nach Lebensstil sind auch junge Menschen nicht davor gefeit. Dabei sind unter anderem fünf Faktoren wichtig, die einen „gesunden Lebensstil“ widerspiegeln: Kein Zigarettenkonsum, mind. 30 Minuten moderate körperliche Bewegung am Tag, eine ausgewogene Ernährung, ein Body Mass Index (BMI) unter 25 sowie kein oder nur moderater Alkoholkonsum.
Woran sich ein Schlaganfall erkennen lässt
Ein beginnender Schlaganfall kann sich mit unterschiedlichen Symptomen äußern. Lähmungen in den Extremitäten, Sprachstörungen, Sehprobleme und starke Kopfschmerzen können mögliche Anzeichen dafür sein. In diesem Zusammenhang wichtig ist der sogenannte FAST-Test: FAST steht für Face (Gesicht), Arms (Arme), Speech (Sprache) und Time (Zeit). Damit erkennt man schnell einen Schlaganfall.
FAST-Test – So erkennen Sie einen Schlaganfall:
• Face – Hängt ein Mundwinkel schief?
• Arms – Können beide Arme gehoben werden?
• Speech – Ist die Sprache verwaschen oder unverständlich?
• Time – Keine Zeit verlieren! Sofort 112 wählen!
Was ist zu tun, wenn der Verdacht auf einen Schlaganfall besteht? Wenn Anzeichen auf einen Schlaganfall hindeuten, ist das Wichtigste, sofort den Notruf 112 oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst 116 117 zu wählen. Thorleif Etgen, Chefarzt der Neurologie am Klinikum Traunstein, erklärt warum: „In jeder Minute nach einem Schlaganfall sterben durchschnittlich 1,9 Mio. Nervenzellen ab, denn das Gehirn toleriert Sauerstoff- und Zuckermangel nur für sehr kurze Zeit. Deshalb ist der plötzliche Verschluss einer hirnversorgenden Arterie ein Notfall, der einer raschen und erfahrenen Diagnostik und Therapie bedarf. Jede Verzögerung birgt das Risiko anhaltender gesundheitlicher Schäden, wie bleibende Lähmungen oder Sprachstörungen.“
Wer behandelt einen Schlaganfall?
Je schneller die Patientin oder der Patient in der Klinik eintrifft, desto höher ist die Chance, einen Schlaganfall gut zu behandeln. Im Berchtesgadener Land und im Landkreis Traunstein übernimmt das Klinikum Traunstein die Versorgung. Je nach Entfernung können im Berchtesgadener Land auch die Salzburger Landeskliniken die schnellste Option sein. Und „Zeit ist Brain“, „Zeit ist Gehirn“ lautet das Motto bei einem Schlaganfall. Wo der Patient hinkommt, wird nach Einlangen des Notrufes entschieden. In der Salzburger Landesklinik sind laut Pressesprecher Wolfgang Fürweger rund 15 Prozent der Patienten aus Deutschland, die akut mit einem Schlaganfall behandelt werden. Die Klinik befindet sich jedoch in enger Abstimmung mit dem Klinikum in Traunstein und Bad Reichenhall, denn sobald sich die Patienten stabilisieren, werden sie in die Kreisklinik Bad Reichenhall überlegt. „Die Grenze spielt bei der Versorgung von medizinischen Notfällen eine untergeordnete Rolle. Faktum ist, dass wir regelmäßig Akut-Patientinnen und -Patienten aus dem grenznahen Deutschland auf unserer Stroke-Unit versorgen“, so Fürweger.
Rasche Behandlung ist wichtig
Besonders im Fall von Verschlüssen großer, hirnversorgender Gefäße durch große Gerinnsel ist die mechanische Entfernung der medikamentösen Auflösung überlegen, denn dadurch kann die Entstehung eines großen Hirninfarkts verhindert werden. Dies wiederum kommt besonders Patienten mit schweren Schlaganfällen zugute, die sonst zu Behinderung, Pflegebedürftigkeit oder zum Tod führen können. In spezialisierten Schlaganfallzentren (Stroke Units), wie dem am Klinikum Traunstein, ist dieses Verfahren schon acht Jahre fest etabliert. Etgen ist überzeugt, dass nicht nur die Schnelligkeit in der Versorgung, sondern auch die Expertise der Ärzte Leben rettet: „Als Thrombektomie-Standort haben wir in Traunstein sowohl erfahrene Neurologen als auch, mit dem Team um den leitenden Arzt Andreas Mangold, Neuroradiologen vor Ort, die die anspruchsvolle Methodik der Schlaganfall-Therapie beherrschen. In unserer Stroke-Unit sind Schlaganfall-Patienten in den ersten Stunden und Tagen einfach am besten aufgehoben, denn dort werden sie rund um die Uhr engmaschig betreut.“
Das Gerinnsel wird minimalinvasiv entfernt
Wie wichtig das ist, zeigt die Patientengeschichte des 64-jährigen Josef H. aus Trostberg. Ein Schlaganfall aus heiterem Himmel hätte sein Leben fast beendet: Wäre da nicht das beherzte Eingreifen seiner Begleitung gewesen. Josef H. ganz kurz vor der Rente saß mit seiner Frau Angela und einem befreundeten Ehepaar in einem Restaurant in Seeon. Fischessen, gute Gespräche, ein Bier. „Plötzlich fing er an, wirr zu sprechen und er lallte“, erinnert sich seine Ehefrau Angela H. „Ich fragte mich noch: Hat er vielleicht zu viel getrunken?“ Doch die Freundin winkt ab – ein einziges Bier. Dann kippt Josef zur Seite, langsam, aber unaufhaltsam. Angela H. reagiert instinktiv: „Ich wusste, er darf nicht umkippen. Ich habe ihn gehalten, beruhigt, versucht, dass er gerade sitzt. Ich wusste sofort: jetzt pressiert es, das sieht aus wie ein Schlaganfall.“
Was Josef H. selbst davon noch weiß? „Ich war irgendwie benommen. Ich dachte mir noch: Was redet die da? Mir geht’s doch gut.“ Was folgt, ist die perfekte Rettungskette: Die Freundin setzt sofort den Notruf 112 ab, mit der Information, dass es sich wahrscheinlich um einen Schlaganfall handelt, der Rettungswagen trifft nur wenige Minuten später ein. Um 15:45 Uhr beginnt für den 64-jährigen der Kampf gegen die Zeit, um 16:11 Uhr erreichte der Rettungswagen die Klinik. Josef H. erinnert sich nur noch an Sekunden-Bruchstücke: „Blaulicht, ein Rollstuhl, die Notärztin, ein Schild mit dem Namen ‚Schwester Anna‘ – wie meine Tochter. Eine unwirkliche Situation.“
Der 64-Jährige hatte einen sogenannten Tandemverschluss, also ein Verschluss der Halsschlagader und der mittleren hirnversorgenden Arterie. Seine rechte Gehirnhälfte war nahezu komplett von der Blutversorgung abgeschnitten. Das sind die großen, schlimmen Schlaganfälle. Mit jeder Minute ohne Behandlung sterben etwa zwei Millionen Nervenzellen ab. Zwar können manche Gefäße auch bis zu 24 Stunden später noch minimalinvasiv geöffnet werden, doch die Gefahr bleibender Schäden steigt stark. Pro Stunde Verzögerung sinkt die Chance auf eine selbstständige Genesung um rund 20 Prozent, so die Auskunft der Experten am Klinikum Traunstein. Bereits während der CT-Untersuchung erhält der Patient eine sogenannte Lysetherapie: Ein Medikament soll das Blutgerinnsel im Gehirn zumindest teilweise auflösen. Direkt im Anschluss folgt der nächste entscheidende Schritt – die minimalinvasive, mechanische Entfernung des Gerinnsels. Eine solche Operation erfordert Präzision und die enge Zusammenarbeit mehrerer Abteilungen . Sechs Tage bleibt Josef H. in der Klinik – einen Tag auf der Intensivstation, vier auf derStroke Unit und einen auf der Normalstation. Der Trostberger hatte Glück, für ihn endete der Vorfall ohne Einschränkungen. (jj)