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Der BCF Wolfratshausen will seine Sporthalle wieder und plant eine Protestaktion. Im Zentrum der Kritik: Landrat Josef Niedermaier. Der äußert sich nun.
Wolfratshausen – Eine Demonstration polarisiert naturgemäß. Im Fall des für Freitag geplanten Protestzugs durch den Stadtteil Farchet schafften es die Initiatoren bereits jetzt, zum Gesprächsthema zu werden: Der BCF Wolfratshausen möchte ein Zeichen für den Vereinssport setzen und fordert die Räumung der Asyl-Notunterkunft in der Farcheter Mehrzweckhalle. Es gibt Unterstützung für den Ball-Club – aber der Verein erntet auch Kritik.
Vor Demo gegen Flüchtlingsunterbringung: Sportverein erfährt Solidarität - und deutliche Kritik
Geplant sind eine Kundgebung und ein Protestmarsch. Grünen-Stadtrat Dr. Hans Schmidt kritisiert in einer E-Mail an unsere Zeitung die Initiatoren, allen voran den BCF-Vorsitzenden Dr. Manfred Fleischer, direkt und wirft ihm falsche Priorisierung vor. Schmidt: „Die Flüchtlingskinder aus der Ukraine und anderen Kriegsgebieten fürchteten um ihr Leben und nicht nur um den Ausfall ihrer wöchentlichen Freizeitsportstunden.“ Die Menschen, die in der Sporthalle untergebracht seien, „haben auch nicht ihr Land verlassen, weil sie keinen Sport mehr treiben konnten, sondern aus Angst vor Verfolgung und Tod“. Schmidt betont: „Diesen riesigen Unterschied zwischen der Situation der Flüchtlinge und der Situation der Freizeitsportler sollten alle sehen, die auf die Demo am Freitag gehen wollen.“
„Wollen unsere Halle zurück“: BCF Wolfratshausen plant Protestzug in Wolfratshausen
Rathauschef Klaus Heilinglechner reagierte am Mittwochabend deutlich auf das Thema. Er wurde in der Sitzung des Bauausschusses des Stadtrats vom Fraktionssprecher der Bürgervereinigung, Josef Praller, mit der Hallensperrung konfrontiert: „Die Turnhalle wird seit geraumer Zeit nicht so genutzt, wie sie sollte.“ Der Status quo „ist nicht zufriedenstellend.“ Praller forderte ein Zeichen: „Wichtig ist, dass ein Signal ausgeht an den Landrat – und die Frage, wann wir wieder mit der Halle rechnen können. Die Bürger brauchen eine Perspektive, wie es da weiter geht.“
Heilinglechner sah das zwar grundsätzlich auch so – machte aber klar, dass er die Situation nicht ändern könne – und auch der Landrat nicht: „Wenn der Bund und die EU das Asylverfahren nicht ändern, dann werden wir der Lage nicht mehr Herr.“ Es würden dringend Unterkünfte benötigt – und solange sich keine Alternative auftue, sei damit zu rechnen, dass die Sporthalle belegt bleibe. „Mir wäre nichts lieber, als morgen die Halle wieder für den Sport freizugeben“, so der Bürgermeister.
Seit über eineinhalb Jahren ist die Sporthalle eine Flüchtlingsunterkunft
Seit mehr als eineinhalb Jahren kann der BCF die Mehrzweckhalle nicht mehr für den Sportbetrieb seiner Abteilungen nutzen. Kurz vor dem Ende der Outdoor-Saison drängen auch die Sportler in die Turnhallen, die sonst unter freiem Himmel aktiv sind. „Ich kann die Probleme des BCF absolut verstehen“, sagt Alfred Barth, Vorsitzender des TSV Wolfratshausen. „Seit Jahren verliert der BCF Mitglieder wegen der Situation und es ändert sich nichts – man lässt ihn einfach ausbluten.“ Eine Alternative zur Sporthalle sei seit Beginn der Belegung im Mai 2022 im Gespräch, „aber das zieht sich ewig hin“. Barth sagt den sportlichen Konkurrenten seine Solidarität zu. „Es hätte ja auch uns oder einen anderen Verein treffen können.“
„Querulanten vom rechten Rand“ sollen wegbleiben.
Was dem TSV-Vorsitzenden wichtig ist: „Es geht nicht um einen Protest gegen die Flüchtlinge. Es geht darum, dass wir wollen, dass die Politik etwas für die Sportvereine macht und für die Menschen in der Turnhalle eine würdigere Unterbringung organisiert.“ BCF-Geschäftsstellenleiterin Karin Hellwig unterstreicht in einer E-Mail an unsere Redaktion: „Wir wollen, dass die Flüchtlinge in menschenwürdigeren Unterkünften untergebracht sind und nicht in einer dafür nicht geeigneten Halle.“ Hellwig führt Container-Unterkünfte als Beispiel an. „Eventuelle Querulanten vom rechten Rand sollen bloß wegbleiben und uns nicht instrumentalisieren“, sagt sie mit Blick auf die Demonstration am Freitagnachmittag.
Landrat Niedermaier steht im Zentrum der Kritik - und äußert sich jetzt zur Situation
Ziel der Kritik sind die Stadt Wolfratshausen und das Landratsamt. So erklärte BCF-Boss Fleischer Ende vergangener Woche, es müssten Alternativen geschaffen werden, um die Halle in Farchet wieder für den Sport nutzen zu können. Am Montagnachmittag reagierte Landrat Josef Niedermaier auf die Vorwürfe. „Dass der BCF von der Belegungssituation betroffen und stark eingeschränkt ist, ist mir und auch allen Beteiligten im Landratsamt bewusst“, räumt er ein. „Das tut mir persönlich in der Seele weh, erst recht, da ich als Sportler nur zu gut nachvollziehen kann, wie wichtig die Sportstätten für den Vereinsbetrieb sind.“ Aber: „Die Situation lässt es nicht anders zu.“ Der Landkreis habe derzeit etwas mehr als 3000 Geflüchtete aufgenommen – ab dem Jahreswechsel werde die Zahl wohl wieder „rasant steigen“.
Alle zwei Wochen 50 neue Geflüchtete: Landrat rechnet mit „rasantem“ Anstieg der Zahlen
Derzeit weist die Regierung von Oberbayern dem Kreis keine Geflüchteten zu – aufgrund der schweren Schäden, die das Hagelunwetter im Landkreissüden anrichtete. Ab Januar gilt diese Übereinkunft nicht mehr. „Dem Landkreis werden dann wie vor dem Hagelunwetter mindestens alle zwei Wochen 50 Personen zugewiesen, wahrscheinlich wegen der neuen Eskalation im Nahen Osten sogar noch mehr“, prognostiziert Niedermaier. Sein Rechenbeispiel: Bliebe die Situation wie vor dem Unwetter Ende August, würde der Landkreis alle 14 Tage zwölf große Wohnungen benötigen. „Das war schon das ganze Jahr über nicht leistbar.“
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Die Mehrzweckhalle in Farchet sei „die Einrichtung, von der aus wir die Menschen weiterverteilen“, erläutert Niedermaier. Bereits realisierte Unterkünfte würden für Entlastung sorgen, auch hinsichtlich der Belegung von Sporthallen. „Doch leider gibt es in der Regel großen Widerstand im Umgriff, sobald publik wird, dass ein Objekt eine Asylbewerberunterkunft werden können. Die Erfahrungen haben uns immer wieder gelehrt, dass größere Unterkünfte nicht akzeptiert werden. Stattdessen wird alles unternommen, um diese abzuwenden.“ Nicht selten, so Niedermaier, „schlägt dem Landratsamt Ablehnung entgegen, statt wirklicher Lösungsansätze“.
Düstere Prognose: Landrat glaub nicht, dass die Halle bald frei wird
Der Landkreis suche „händeringend“ nach Unterkünften beziehungsweise Grundstücken, die potenziell erschlossen und für Geflüchtete genutzt werden können. „Dazu finden Gespräche mit Bürgermeistern, Investoren und auch dem Freistaat statt.“ Der Kreis könne es sich nicht leisten, auf Objekte, die zeitnah als Unterkunft hergerichtet werden können, zu verzichten. „Hierzu gehören nun einmal bestimmte landkreiseigene Turnhallen.“ Die Halle im Wolfratshauser Ortsteil Farchet „war und ist geeignet“, konstatiert Niedermaier. Beispielsweise lagen noch alle Unterlagen und Pläne aus dem Jahr 2015 vor – damals wurde die Turnhalle bereits als Notunterkunft benötigt.
„Unser Credo ist, so wenige Turnhallen wie möglich zu belegen. Doch angesichts der Situation müssen wir froh sein, wenn nicht mehr als bis dato belegt werden“, sagt Niedermaier. Neben Farchet ist auch die Geretsrieder Mittelschulturnhalle eine Unterkunft. In Bad Tölz waren Geflüchtete in der Sporthalle des Gabriel-von-Seidl-Gymnasiums untergebracht.
Die Hallensituation könne sich sehr schnell ändern. Aber nicht so, wie es sich der BCF wünscht – ganz im Gegenteil. Laut Niedermaier sei nicht damit zu rechnen, dass weniger Sportflächen belegt würden – sondern eher mehr. Niedermaier: „An der Nutzung der Mehrzweckhalle in Wolfratshausen werden wir mit Blick auf die Prognosen, auch wenn es sehr weh tut, festhalten müssen.“

