VonVolker Ufertingerschließen
Das war noch nie da: In einer Gemeinde kandieren gleich vier Frauen - ohne männliche Konkurrenz. Was sind die Gründe? Eine kleine Spurensuche.
Icking – Im vergangenen Jahr wurde 100 Jahre Freistaat Bayern gefeiert – und damit 100 Jahre Frauenwahlrecht. Karin Weiß, Gleichstellungsbeauftragte im Landratsamt, nahm das zum Anlass, die Frauen zu mehr politischem Engagement aufzufordern. Insofern ist es nur logisch, dass sie sich über die aktuelle Entwicklung in Icking freut, wo gleich vier Frauen das höchste Amt in der Gemeinde anstreben. „Das ist großartig“, sagt sie. „Ich habe schon das Gefühl, dass unter den Frauen eine gewisse Aufbruchstimmung herrscht“, erklärt sie. Icking sei da nur ein besonders markantes Beispiel.
Wie es zu diesem Sonderfall gekommen ist – darüber kann sie nur spekulieren. Eine wichtige Rolle könnte nach ihrer Einschätzung die Tatsache spielen, dass die Isartalgemeinde viele Jahre eine Bürgermeisterin hatte, nämlich Margit Menrad, die jetzt nicht mehr antritt. „Es braucht einfach Vorbilder, die zeigen: Es geht“, erklärt sie. Ähnliches könne man auch beobachten, wenn junge Frauen Männerberufe ergreifen – und umgekehrt. „Daran sehen alle anderen, dass die alten Rollenbilder ausgedient haben.“
Die Nähe zu München könnte eine Rolle spielen
Und noch etwas spielt für sie hinein: Die Nähe Ickings zu München, also zu einer Millionenstadt, wo das alte Rollenverständnis kaum von Belang ist. Ihre Erfahrung: „Je ländlicher es wird, desto langsamer ändern sich die Strukturen.“ Was aber nicht heißt, dass es im Süden gar keine Bürgermeisterkandidatinnen gibt. Man denke nur an Christine Rinner, die für die Lenggrieser CSU ins Rennen geht.
Peter Schweiger, Zweiter Bürgermeister der Gemeinde Icking, findet es schon bemerkenswert, wie sehr die Frauen in der Isartalgemeinde derzeit in die Politik drängen. „Früher war das Rathaus eine absolute Männerdomäne, Frau Menrad war die erste Bürgermeisterin überhaupt“, erzählt er. Auf der anderen Seite zeige sich in Icking nur, dass sich die Gesellschaft wandelt und Gleichberechtigung allmählich selbstverständlich wird. „Und das ist auch gut so“, findet er.
„Ich will auf keinen Fall eine Quotenfrau sein“
Schweigers Gruppierung, die Parteifreie Wählergemeinschaft (PWG) hat selbst eine Frau aufgestellt, nämlich Cornelia Zechmeister, Leiterin des Bauamts. „Öfter mal was Neues“, sagt sie mit einem Augenzwinkern, angesprochen auf die vier Kandidatinnen ohne männliche Konkurrenz. Die Pullacherin stellt sich weniger die Frage, warum so viele Frauen kandidieren, als vielmehr, warum sich kein Mann als Bewerber gefunden hat. „Ich weiß es ja nicht, aber offenbar ist das Amt des Bürgermeisters für Männern nicht mehr so attraktiv.“ Fest steht für sie eines: „Ich will auf keinen Fall eine Quotenfrau sein.“ Sie möchte für ihr Wissen und Können geschätzt werden – und für nichts anderes.
Verena Reithmann, Kandidatin der Unabhängigen Bürgerliste Icking (UBI) hält die aktuelle Konstellation für Zufall. „So eine Kandidatur muss ja auch in die Biografie des jeweiligen Bewerbers passen, beruflich und privat“, sagt sie. Dass das momentan bei vier Frauen gleichzeitig der Fall ist, habe keine tiefere Bedeutung. Überhaupt sei die Mann-Frau-Debatte in ihrer Gruppierung, der ja auch die derzeitige Bürgermeisterin angehört, von untergeordneter Bedeutung. „Als wir Margit Menrad damals aufgestellt haben, ging es nur um die Frage: Trauen wir es ihr zu oder nicht?“ Das allein sei entscheidend gewesen.
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An Zufall glaubt Laura Beckerath-Leismüller (Grüne) nicht. Sie selbst sei zur Politik gekommen, weil derzeit viele Dinge auf der Agenda stehen, die das Zusammenleben betreffen, Stichwort Schulen, Stichwort Kindergärten. „Und da fühlen sich Frauen eben zuständig.“ Keine der Kandidatinnen sei ein Heimchen am Herd gewesen, sondern habe sich in einem Beruf durchgesetzt. „Da ist der Schritt in die Politik dann nicht mehr so weit.“ Und bei den Grünen gehöre Parität sowieso zur Gepflogenheit. „Auf unserer Liste stehen mehr Frauen als Männer.“
Beatrice Wagner, Kandidatin der SPD, sagt spontan: „Ja, vier Kandidatinnen, das ist schon verrückt.“ Eine Erklärung findet sie auf die Schnelle nicht. Aus ihrer Erfahrung als Paar- und Sexualtherapeutin weiß sie aber, dass die Geschlechter verschieden ticken. „Männer denken schon eher an ihre Karriere, Frauen engagieren sich für das, was ihnen am Herzen liegt.“
Podiumsdiskussion
Die vier Ickinger Bürgermeisterkandidatinnen Verena Reithmann (UBI), Beatrice Wagner (SPD), Laura Beckerath-Leismüller (Grüne) und Cornelia Zechmeister (PWG) treffen bei der Podiumsdiskussion des Isar-Loisachboten/Geretsrieder Merkur aufeinander. Diese findet am Dienstag, 4. Februar, um 19.30 Uhr im Vereineheim Dorfen statt (Einlass 19 Uhr). Alle Bürger sind eingeladen. Redaktionsleiter Carl-Christian Eick moderiert die Veranstaltung.
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