VonMagnus Reitingerschließen
Schon bei ihrem ersten Besuch vor über 20 Jahren war sie von Weilheim begeistert. Jetzt ist die Architektin Katrin Fischer Weilheims neue Stadtbaumeisterin - und hat einige Ideen für die Stadt.
Weilheim – Seit gut vier Jahren arbeitet Katrin Fischer als Architektin im Weilheimer Stadtbauamt. Als stellvertretende Sachgebietsleiterin Hochbau hat sie unter anderem die geplante Sanierung und Neugestaltung des Stadtmuseums sowie den Neubau der Kitas „Weltentdecker“ und „Sonnenäcker“ betreut, am Konzept „Barrierefreie Gemeinde“ und der „Weilheimer Charta für nachhaltigen Wohnungsbau“ mitgewirkt. Nun hat sie der Stadtrat zur neuen Stadtbaumeisterin und Leiterin des Stadtbauamtes bestellt – in Nachfolge von Andrea Roppelt-Sommer, die in ein Architekturbüro wechselte. Fischer, die im sächsischen Hoyerswerda aufgewachsen ist und seit über 20 Jahren als Architektin in Oberbayern arbeitet, konnte sich laut Bürgermeister Markus Loth „gegenüber einem qualitativ hochwertigen Bewerberfeld durchsetzen“. Was ihr an Weilheim besonders gefällt, wo sie Änderungsbedarf sieht und warum das neue Amt ein Traumjob für sie ist, das erklärt die 50-Jährige im Interview.
Erinnern Sie sich noch an Ihre allererste Begegnung mit Weilheim?
Ja, das ist über 20 Jahre her. Mein Mann und ich waren damals gerade von Frankfurt nach München gezogen, und ein Arbeitskollege dort hat erzählt, dass Weilheim so schön wäre. Auf dem Rückweg von einer Bergwanderung sind wir dann in Weilheim ausgestiegen und haben uns die Innenstadt angeschaut.
Und, wie war damals Ihr erster Eindruck von dieser Stadt?
Sehr positiv! Sonst hätten wir uns auch bestimmt nicht von München nach Weilheim orientiert.
Mit dem Blick von heute: Hatten Sie Recht?
Ja, der positive Eindruck hat sich voll bestätigt. Wir könnten uns beide nicht mehr vorstellen, woanders zu leben. Man hat alles hier, von der Kultur bis zum Einkaufen, man hat kurze Wege und die Naturräume ganz nah. Auch in die Berge ist es nicht weit. Und für die Kinder gibt es hier jede Schulform.
Wie würden Sie Weilheim charakterisieren?
Es ist eine ganz kompakte Stadt, die sich konzentrisch nach außen, fast kreisförmig, entwickelt hat. Deshalb die kurzen Wege. Weilheim ist auch flach, was vieles einfacher macht. Mit der Ammer und der Au haben wir ein Naturerlebnis in der Stadt, wie es selten ist. Und dann haben wir auch noch einen Badesee. Eigentlich ist alles da, was man für sein kleines Leben braucht. Dazu die wunderschöne Innenstadt, in der sich Alt und Jung wohlfühlen. Weilheim ist schon eine sehr attraktive Stadt – und noch nicht so touristisch erschlossen, dadurch ist es ein kleines Juwel. Das merkt man immer wieder, wenn Besuch von außen kommt: Alle – auch Stadtplaner – sind positiv überrascht, weil Weilheim einfach nicht so bekannt ist.
Was sind derzeit die größten Probleme Weilheims?
Die sehe ich schon in der Innenstadt mit dem nachlassenden Einkaufsangebot. Es sollten im Zentrum nicht in dem Ausmaß Beerdigungsinstitute oder Maklerbüros vorkommen, wie wir es jetzt haben. Wir brauchen nicht die großen Ketten, wir müssen für besonderen Handel, auch für kleine Läden attraktiv werden. Das Potenzial dafür haben wir. Besonders am Herzen liegt mir auch der Klimaschutz. In der so genannten „steinernen Stadt“ spürt man heftig die Hitze. Da ist es wichtig, etwa für Senioren gute, begrünte Strecken zu schaffen, wo man auch an heißen Tagen gern in die Innenstadt geht. Vernetzte, grüne Wege in die Stadt und durch die Stadt sind wichtig. Auch über den Verkehr muss man sicher noch mal diskutieren und schauen, inwieweit eine Reduktion in der Altstadt möglich ist, um etwa Flächen für Außengastronomie und Spielraum für Kinder zu schaffen. Das Stadtmuseum ist eines der Dinge, die mir sehr im Magen liegen. Wir brauchen das Museum unbedingt, das kann wirklich ein großer Anziehungspunkt in der Innenstadt werden. Es ist aber nun mal keine Pflichtaufgabe, das macht uns jetzt bei der Finanzierung zu schaffen. Dabei ist Kultur immer etwas, das am schnellsten positive Veränderungen hervorruft.
Was können Sie als Stadtbaumeisterin für die Entwicklung Weilheims tun?
Auf alle Fälle die Punkte, die mir wichtig sind, mit Vehemenz an die Stadtratsmitglieder herantragen. Und auch aufzeigen, was passiert, wenn wir nichts tun. Wir in der Verwaltung müssen immer an die Zukunft denken – nicht nur für 10 oder 15 Jahre, sondern auch Weichen stellen für die nächsten 50, 100 Jahre. Da versuche ich auch Beraterin für den Stadtrat zu sein. Ich werde jetzt nicht das Stadtbild verändern, aber mit städtebaulichen Entwicklungsplänen und Wettbewerben können wir doch steuern und die Zukunft Weilheims gestalten.
Die Entwicklung des Gewerbegebietes Achalaich sehe ich persönlich kritisch.
Gibt es eine städtebauliche Entscheidung aus der Vergangenheit, die Sie gern rückgängig machen würden?
Das ist schwer, ich will da niemandem in die Suppe spucken. Aber ganz persönlich sehe ich bestimmte Dinge kritisch, zum Beispiel die Entwicklung des Gewerbegebietes Achalaich. Ich weiß natürlich auch, dass Gewerbeflächen für die Entwicklung und Finanzen einer Stadt wichtig sind. Wir sollten dabei aber mehr auf Grünflächen und eine bessere ÖPNV- und Rad-Anbindung achten. Wichtig wäre auch ein Leerstandskataster für Weilheim. Das ist natürlich schwierig, weil es da immer um Privateigentümer geht, und die haben nicht immer Interesse an so etwas. Dafür braucht man dann auch Personal im Rathaus. Insgesamt gilt: Wir werden die Veränderung Weilheims nicht aufhalten können, das ist ein dynamischer Prozess. Wir liegen auch am Speckgürtel Münchens, die Leute drücken rein. Wir können das als Kommune nicht deckeln, aber den Prozess doch steuern.
Was kann ein „normaler Weilheimer“ für die positive Entwicklung dieser Stadt tun?
Daran teilnehmen, wenn wir mit den Bürgern gemeinsam etwas entwickeln. Wir brauchen die Bürger, wir brauchen dabei auch unbedingt die Jugend – für die planen wir ja eigentlich die Zukunft unserer Stadt.
Und was kann jemand beitragen, der hier zum Beispiel ein Haus oder ein Grundstück erbt?
Auf alle Fälle alles beachten, was dem Klimaschutz gut tut. Verdichtung ja, aber bitte so, dass möglichst wenig versiegelte Fläche entsteht. Und wenn, dann mit Ausgleich, wenigstens mit Gründächern. Wir brauchen Bäume und Pflanzen, wir brauchen auch Sickerflächen, denn Starkregenereignisse nehmen zu. Und dann sollte jeder überlegen: Wie viel Wohnraum brauche ich denn wirklich? Man sollte auch schon Optionen einplanen, dass man sich irgendwann wieder verkleinern kann. Bei Privatleuten geht das ganz gut, Investoren denken da immer anders. Aber auch da gibt es gute Möglichkeiten, etwa mit Genossenschaften oder Baugemeinschaften. An solchen fehlt es in Weilheim, und die Stadt selbst hat keinen Spielraum, weil sie keine eigenen Flächen hat.
In den vergangenen Monaten war immer wieder von Personalknappheit im Stadtbauamt die Rede. Wo liegt das Problem?
Es ist schwierig, Leute auf dem Markt zu bekommen. Man muss die Stellen auch erst mal schaffen, aber wir haben Stellen ausgeschrieben, insbesondere fürs Tiefbauamt – und in der ersten Runde kam nicht mal eine Bewerbung. Der Markt ist einfach gesättigt, es gibt kaum Leute, die wechseln. Aber wir bekommen im Herbst zwei neue Ingenieure, und meine vorherige Stelle wird auch wieder besetzt. Es wird also Entlastung geben. Ob das reicht, muss man sehen. Die Aufgaben werden einfach immer mehr, es ist auch immer mehr Fläche zu betreuen. Alleine mit dem Hochwasserschutz Angerbach könnte man zum Beispiel eine Kraft beschäftigen.
Was waren Ihre prägendsten Stationen, ehe Sie vor vier Jahren im Weilheimer Rathaus begonnen haben?
Prägend war meine Ausbildung in Dresden. Ich habe erst Baufacharbeiter, also Maurer, gelernt, was mit dem Abitur gekoppelt war. Das fiel bei mir dann richtig in die Wendezeit. Danach bin ich nach Frankfurt/Main gegangen und habe Augenoptikerin gelernt. Dort habe ich dann auch Architektur studiert – und meinen heutigen Mann kennengelernt. Nach eineinhalb Jahren in einem Münchner Architekturbüro, wo ich erstmals auch Projektverantwortung hatte, folgten dann 14 Jahre im Landratsamt Starnberg, in der Baugenehmigungsbehörde. Das hat zu einem großen Wissensschatz geführt, den ich heute brauche.
Sind Sie jetzt in Ihrem Traumjob angekommen?
Ich glaube schon. Ich habe mich ja sehr bewusst für die Architektur entschieden, habe ein Faible für den Denkmalschutz, für alte Gebäude. Und Stadtentwicklung hat mich immer schon interessiert, weil es auf die Zukunft gerichtet ist und die Verbindung mit Ökologie so wichtig ist. Wir versuchen auch privat möglichst ökologisch zu leben – dass es nicht so weitergehen kann wie früher, ist doch klar. Ich will da schon etwas bewirken, und hier sitze ich an einer Stelle, wo man zumindest in kleinen Schritten etwas bewirken kann, wovon hoffentlich auch andere profitieren.
Und was tun Sie, wenn Sie nicht gerade im oder fürs Rathaus arbeiten?
Spazieren gehen, zum Beispiel im Hardt, mit meinem Mann und unserem Hund. Wenn ich Zeit habe, gehe ich auch gern Wandern in den Bergen. Und an erster Stelle steht die Familie – nicht nur meine eigene kleine Familie mit unserer 15-jährigen Tochter, sondern auch die Herkunftsfamilie, die sehr verstreut ist. Da ist es wichtig, dass man sich immer wieder trifft.
