Weilheim

Braucht Weilheim zu viel Holz für sein Fernwärme-Projekt? Initiativgruppe warnt vor „Burnout unseres Waldes“

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Hackschnitzel wie hier im Murnauer Kemmelpark werden von der Initiativgruppe infrage gestellt.
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Ein Bürgerentscheid zum geplanten Heizkraftwerk Kranlöchl in Weilheim wird wahrscheinlicher. Die Initiatoren wollen der Stadt dieser Tage die nötigen Unterschriften übergeben. Unterdessen stellt eine neue Initiativgruppe die Nachhaltigkeit der Hackschnitzelversorgung in Frage – und warnt vor dem „Burnout unseres Waldes“.

Weilheim – Gut 1400 Unterschriften Weilheimer Wahlberechtigter sind erforderlich, damit aus dem Bürgerbegehren zum Heizkraftwerk Kranlöchl ein Bürgerentscheid werden kann. Knapp 1600 hat das „Aktionsbündnis Grüngürtel Weilheim“ bis dato gesammelt, wie die Initiatoren auf Anfrage unserer Zeitung erklärten. Diese Unterschriften sollen in den nächsten Tagen dem Rathaus übergeben werden. Wird der Bürgerentscheid zugelassen, muss er binnen drei Monaten durchgeführt werden. Das Aktionsbündnis schlägt vor, diesen dann „kostensparend“ mit der Landtagswahl am 8. Oktober zu kombinieren.

Auch die Kritiker befürworten den Aufbau eines Fernwärmenetzes

Wie berichtet, befürworten die Initiatoren des Bürgerbegehrens „ausdrücklich eine Wärmeversorgung mit erneuerbaren Energien“, mithin auch ein Fernwärmenetz für Weilheim, wie es sich derzeit in Aufbau befindet. Doch das Heizkraftwerk, das den Nordosten Weilheims versorgen wird, solle nicht – wie geplant – auf dem ehemaligen Gärtnerei-Areal am Kranlöchl gebaut werden, sondern direkt am Narbonner Ring. Weil es dort besser „an bestehende Straßen und das Stadtgebiet angebunden“ wäre, so das Aktionsbündnis, und nicht das Naherholungsgebiet um den Dietlhofer See beeinträchtigt werde.

Neue Initiative: Konzeption für Weilheim muss „nochmals überdacht werden“

Unterdessen hat sich in Weilheim eine „Initiativgruppe ökologisch nachhaltige Fernwärmeversorgung“ gegründet, die angesichts der aktuellen Pläne die Nachhaltigkeit der Hackschnitzelversorgung in Frage stellt. „Eine Berechnung der nachwachsenden Holzmenge zeigt klar, dass die Waldfläche Weilheims bei weitem nicht ausreicht, um die Stadt in dieser Menge mit regenerativer Wärme zu versorgen“, schreibt die Gruppe in einem detaillierten, insgesamt 16-seitigen Positionspapier, das an Weilheims Stadtratsmitglieder und weitere Lokalpolitiker geschickt wurde.

Bekannte Namen in neuer Initiativgruppe

Der Initiativgruppe gehören Natur- und Forstwissenschaftler an, die teilweise auch beim „Aktionsbündnis Grüngürtel Weilheim“ aktiv sind: der Biologe (und Vorsitzende der Bund Naturschutz-Kreisgruppe) Helmut Hermann, die Chemikerin Karin Knöthig, der Statistiker Stefan Schwaller, der Physiker Thomas Vijverberg sowie Meinhard Süß, der ehemalige Leiter des Forstamts Oberammergau. Auch sie begrüßen ausdrücklich „die Errichtung eines Fernwärmenetzes für Weilheim sowie die Nutzung von Hackschnitzeln“. Doch angesichts der erforderlichen Mengen an Hackschnitzeln müsse „die Konzeption der Wärmeversorgung Weilheims nochmals überdacht werden“.

Weilheim bräuchte „zehnmal mehr Hackschnitzel als der Stadt zusteht“

Auch Holzlieferungen aus benachbarten Orten und Landkreisen könnten das Problem nicht lösen, betont die Initiativgruppe. Nach den Plänen der Stadtwerke beanspruche die Weilheimer Fernwärmeversorgung „30 Prozent der in sechs oberbayrischen Landkreisen verfügbaren Hackschnitzel, obwohl hier nur drei Prozent der Bevölkerung leben“. Das sei „zehnmal mehr als Weilheim zusteht, allein für die ersten drei von fünf geplanten Anlagen“. Da auch in anderen Gemeinden Hackschnitzel-Heizanlagen geplant seien, drohe auf Dauer „eine Übernutzung unserer Wälder sowie der Import von Holz aus illegalem Raubbau im Ausland“. Neben gravierenden Umweltfolgen seien auch deutliche Preissteigerungen zu erwarten. „Wir planen derzeit den ‚Burnout‘ unseres Waldes“, so Sprecher Helmut Hermann.

Fünf konkrete Forderungen der Initiativgruppe

Vor diesem Hintergrund hat die Initiative fünf konkrete Forderungen: Es gelte „die Beschaffungsstrategie für Holzhackschnitzel bezüglich Mengen und Herkunft in der gesamten Lieferkette“ offenzulegen. Die Energiegewinnung aus Holzhackschnitzeln müsse „auf ein realistisch regional und nachhaltig verfügbares Maß“ reduziert werden. Priorität müsse haben, den Energieverbrauch in kommunalen Liegenschaften zu senken. Nötig sei überdies ein Konzept zur Gebäudedämmung – inclusive Beratung, Förderung und Anreizen. Schließlich gelte es die Realisierbarkeit von Niedertemperaturnetzen mit Großwärmepumpen zu prüfen.

Generell fordert die Initiativgruppe „eine ehrliche Bilanzierung und einen bewussten Umgang mit Ressourcen“ ein. Ihr Resümee: „Heizen mit Holz für alle ist ein ‚Holzweg‘. Wir brauchen mehr Energieeffizienz!“

Das Positionspapier findet sich in voller Länge unter www.gruenguertel-weilheim.de/informationen/holzhackschnitzel-potentiale-und-grenzen.

Stadtwerke-Chef: „Es ist mehr als genug Restholz da“

Die Frage, wo man denn das ganze Holz für die künftige Weilheimer Fernwärme herbekommen wolle, hat Stadtwerke-Geschäftsführer Peter Müller schon häufig gehört. Zunächst einmal war er froh, dass die EU im Frühjahr beschlossen hat, Holz auch weiterhin zu den erneuerbaren Energien zu zählen. „Das war zwar absehbar, aber es stand noch die Frage im Raum, bis zu welcher Größe das gilt“, sagt Müller. Schließlich wurde die Obergrenze von 20 auf 7,5 Megawatt herabgesetzt. Da sei man mit den Plänen für die Weilheimer Fernwärmeversorgung im grünen Bereich, denn für Hackschnitzel seien nur sechs MW vorgesehen. „Ob das dauerhaft gilt, ist noch unklar, aber für uns passt es zum Start“, so Müller.

Loslegen will er mit 30 000 Schüttraummetern (srm) Hackschnitzel pro Jahr – diese Menge hat er sich bereits langfristig vertraglich mit der Gutsverwaltung Gossenhofen sichern lassen, mit der Option auf mehr. „Es ist mehr als genug Restholz für unsere Fernwärme-Energiezentralen da“, betont der Stadtwerke-Chef. In Weilheim und dem Umland seien es 300 000 srm, und selbst im Endausbau brauche Weilheim für die geplanten drei Heizkraftwerke maximal 90 000. Klaus Deibel, Chef der Waldbesitzervereinigung Weilheim, sagt, man könne auch auf einen steigenden Restholz-Bedarf flexibel reagieren. Der Holzeinschlag in Bayern habe laut Bundeswaldinventur deutlich unterhalb des Zuwachses gelegen.

Aus anderen Ländern, wie ebenfalls bereits gemutmaßt wurde, soll definitiv kein Holz kommen, so Müller. Und er betont, es werde auch nur Restholz verwendet, für das sich keine andere Nutzung findet: „Kein einziger Baum wird nur für die Weilheimer Fernwärme gefällt werden.“

Auch für die anfallende Asche haben die Stadtwerke bereits eine Lösung gefunden, nämlich den Kompostplatz in Pähl. Dorthin werde die Hermann Albrecht Hoch- und Tiefbau GmbH die Reste der Hackschnitzel-Verbrennung transportieren.

Schließlich, so Müller, heißt es auch nicht, dass die Fernwärme in Weilheim ewig vor allem mit Hackschnitzeln produziert werden muss. „Holz ist nur ein Bestandteil, wir werden auch Biomethan, oberflächennahe Geothermie per Wärmepumpe, Klär- und Pyrolysegas einsetzen.“ Falls sich in der Zukunft eine sinnvolle und finanzierbare Alternative zu den Hackschnitzeln ergeben würde, könnte man relativ problemlos wechseln: „Das Gebäude bleibt bestehen, das Innenleben ändert sich, kein Problem.“

Boris Forstner

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