VonMagnus Reitingerschließen
Ein ebenso würdevolles wie packendes Gedenken an die Widerstandskämpfer der „Weißen Rose“ erlebten über 250 Besucher im Weilheimer Stadttheater. Pianist Jürgen Geiger und die Theatergruppe „Die Wolken“ pflegten dabei nicht nur Erinnerung. Sie öffneten Räume zum Weiterdenken.
Weilheim – „Das wird Wellen schlagen!“ Wie große Ausrufezeichen stehen am Ende diese vier Worte im Theaterdunkel. Worte aus dem letzten Gespräch der 21-jährigen Sophie Scholl mit ihren Eltern, wenige Tage vor ihrer Ermordung durch die Nationalsozialisten.
Sechs Mitglieder der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ wurden im Frühjahr 1943 in München hingerichtet. Doch die Ideen, den Mut und die Hoffnungen dieser sechs Menschen und ihrer Unterstützer konnten die Machthaber damit nicht aus der Welt schaffen. 80 Jahre nach dem Tod von Hans und Sophie Scholl, Christoph Probst, Alexander Schmorell, Willi Graf und Kurt Huber gab es am vergangenen Samstag ein bewegendes Gedenkkonzert im Weilheimer Stadttheater. Der hiesige Kirchenmusiker Jürgen Geiger und die junge Münchner Theatergruppe „Die Wolken“ verwoben Texte aus Briefen und Flugblättern der Widerstandskämpfer mit ausdrucksstarkem Spiel und eindrücklicher Klaviermusik. Und wurden dafür im voll besetzten Theater erst mit betroffen-andächtigem Lauschen belohnt – und am Ende mit langem Applaus und „Bravo“-Rufen.
Schon mehrmals im Lichthof der Münchner Uni aufgeführt
Zu Beginn dieses Gedenkkonzerts, das in den vergangenen Jahren mehrmals im Lichthof der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität stattfand, wirkt vor allem die Musik. Jürgen Geiger spielt am Flügel alle drei Sätze von Beethovens dramatischer „Sturmsonate“, hochvirtuos und voller Gefühl. Nur im Hintergrund formiert sich über lange Minuten in stummem Kommen und Gehen eine Menschenkette. Kein Wort, kein Blickkontakt, nur Starren. Ein Meer der Anpassung, das der kleinen Insel des Widerstands keine Chance lässt.
Die Zweifel der jungen Widerstandskämpfer - und ihre unglaubliche Stärke
Bald wird es raumgreifender, das szenische Spiel (Regie: Thomas Ritter). Die zwölf Darsteller, Studierende zumeist, agieren rund ums Klavier, mal schreitend, mal tanzend, mal flüsternd, mal schreiend. Sie denken sich nicht nur, sie fühlen sich hinein in die Widerstandskämpfer, die fast gleich jung waren wie sie, zeigen deren Zweifel und Sehnen und Hadern – und die unglaubliche Stärke. „Ich bin ganz stark und ruhig“, schreibt der 24-jährige Hans Scholl, die Hinrichtung vor Augen, im letzten Brief an seine Eltern: „Ich danke Euch, dass Ihr mir ein so reiches Leben geschenkt habt.“
Verbindungen der „Weißen Rose“ nach Weilheim
Auch Verbindungen der Gruppe nach Weilheim – zum Gmünder Hof und zur katholischen Jugend der Stadtpfarrkirche – kommen zur Sprache. Und um Sätze aus den sechs Flugblättern der „Weißen Rose“ zu zitieren, gehen die jungen Schauspieler mitten ins Publikum, sehen ihren Zuschauern einzeln ins Gesicht. „Es ist jeder in der Lage, etwas beizutragen“, heißt es danach von der Bühne: „Entscheidet euch, bevor es zu spät ist!“ Spätestens, als daraufhin hunderte Flugblätter vom Theaterbalkon auf die Besucher segeln, stellt sich Gänsehaut ein.
Persönliche Fragen an Hans und Sophie Scholl
Doch so direkt die Ansprache ist, so groß ist zugleich der Raum, den diese Inszenierung eröffnet. Zu Klängen von Rachmaninoff, Liszt, Chopin und aus Jürgen Geigers eigener Feder bleibt Gelegenheit zum Nachspüren und Weiterdenken. Und gänzlich in die Stille sprechen die jungen Darsteller ihre eigenen Fragen an die Geschwister Scholl und deren Kreis – ganz kleine und ganz große Fragen: Sophie, zu welcher Musik gehst du eigentlich am liebsten tanzen? Hans, woher weiß man, wem man vertrauen kann? Hattest du Angst, Christoph? Was hättet ihr vor eurem Tod gerne noch erlebt...?
So zeigte dieses Gedenkkonzert auf packende und anrührende Art: Auch 80 Jahre nach der Ermordung ihrer Protagonisten ist die „Weiße Rose“ noch nicht auserzählt. Und es liegt an uns, ihr Vermächtnis ins Heute zu übertragen.
