Einen ungewöhnlichen Wohnort hat Rony Haynes. Der ehemalige Waldramer ist auf einem fast 100 Jahre alten Segelschiff zuhause, das im Mittelmeer kreuzt.
Waldram/Vibo – Flughafen München, auf dem Weg nach Kalabrien. Das Handy klingelt, Rony Haynes ist dran: „Kannst Du mir eine bayerische Fahne mitbringen? Der Sturm hat die alte zerfetzt“, sagt der 39-jährige Kapitän des historischen Segelschiffes „Florette“. Er braucht dringend Ersatz und erwartet uns bereits. Nach einem kurzen Flug treffen wir uns am Hafen von Vibo in Italien. Dort liegt die „Florette“ vor Anker, wenn sie nicht gerade ihre Tour um die Liparischen Inseln vor der Nordküste Siziliens macht.
Segelschiff wurde 1921 gebaut
Der 40 Meter lange Zweimaster wurde 1921 gebaut und ist seit 1978 im Besitz der Familie Haynes. Das Segelschiff bietet in elf Kabinen Platz für 25 neugierige und abenteuerlustige Gäste, mit denen der Kapitän das Tyrrhenische Meer zwischen den Inseln Sardinien, Korsika und Sizilien durchsegelt. Mit den beiden hohen Masten und der Takelage wirkt sie fast wie ein kleines Piratenschiff. Rony Haynes Töchter Amber (10) und Jaden (12) haben deshalb auch eine Totenkopffahne an den vorderen Mast gebunden. 25 Meter über dem Deck aber hängen vom Großmast die Reste einer bayerischen Fahne.
Der Kapitän sitzt am Bug und erzählt: „Meine Mutter Christl ist Waldramerin, und mein Papa ist aus England. Die beiden fuhren schon zusammen auf der ,Florette‘, als ich zur Welt kam.“ Sechs Tage nach der Geburt in München kam Christl Haynes mit ihrem Baby wieder an Bord der „Florette“. Ihr Sohn Rony Haynes lebte auf dem Segelschiff, bis er sechs Jahre alt war.
Die Schulzeit verbrachte er in Waldram bei der Oma. „Ich kam mir am Anfang vor wie ein Indianer, den man in die Stadt schickt“, erinnert sich der Seemann. „Ich bin mein Leben lang barfuß gelaufen, die Kleidung war minimalst gehalten auf dem Schiff, das war eine große Umstellung für mich.“ Doch er hat sich schnell in Bayern eingelebt, war im Schützenverein Stoarösl aktiv und spielte zehn Jahre bei der DJK Waldram Fußball.
Nach der Schule und der Ausbildung zum Heizungs- und Sanitärinstallateur in Gelting zog es ihn wieder aufs Meer. Er übernahm von seinem Vater Ron das Kommando auf der „Florette“. Heute leben an Bord neben Rony Haynes, seiner kanadischen Frau Nicole und den beiden Töchtern noch drei weitere Crewmitglieder. Und nicht zu vergessen der Bordhund Bo.
Bevor wir den Anker lichten und hinüber zum Vulkan Stromboli segeln, klettert der Kapitän auf den Mast und hisst die frisch importierte Fahne aus Bayern. Zusammen mit den anderen Gästen absolvieren wir Sicherheitstraining und Knotenschule. Dann heißt es: Segel setzen. Alle müssen anpacken, damit die „Florette“ unter vollen Segeln fahren kann. „Wir sind etwas Besonderes, die Leute wissen, worauf sie sich einlassen“, sagt Rony Haynes.
Unter Deck ist es eng und schlicht. Gäste und Crewmitglieder müssen sich einschränken. „Der Raum, in dem meine Tochter schläft, den sie ihre Kabine nennen kann, wäre für jeden normalen Deutschen gerade recht als Kleiderschrank“, meint der ehemalige Waldramer schmunzelnd. „Aber mal ehrlich, man braucht wenig.“
Entsalzungsanlage spart Plastikflaschen
Kapitän und Crew bemühen sich, das Schiff umweltfreundlich und plastikfrei über das Meer zu segeln. Eine Meerwasserentsalzungsanlage sorgt für frisches Trinkwasser und spart mehrere zehntausend Plastikflaschen pro Jahr. Luxus, das bedeutet auf der „Florette“, mit dem Wind und dem Meer zu leben, Zeit zu haben. „Die meisten Leute, die zu uns kommen, sagen, dass sie in zwei Tagen schon so einen Erholungsfaktor haben, wie anderswo nach einer Woche.“
Die Kinder Jaden und Amber haben sich in die Takelage verzogen und es sich 15 Meter über Deck bequem gemacht. Unterrichtet werden sie von einer Privatlehrerin. Bord- und Familiensprache ist Englisch, mit den Gästen sprechen die Kinder Deutsch. Bayerisch verstehen die beiden natürlich auch, dafür sorgen die Sommerferien bei der Oma in Waldram.
Auch interessant: Stefan Nimmesgern: Mit Spenderherz auf Himalaja-Gipfel
Nicole Haynes arbeitete bei der kanadischen Navy als Offizierin und Bergungstaucherin. Auf dem Schiff ist sie Mädchen für alles: Essen kochen, Segel setzen, Crew führen, Gäste betreuen und vor allem: Mama sein. Auf dem engen Raum des Schiffes hat die Mittvierzigerin trotz aller Einschränkungen nicht nur einen erfüllten Arbeitsplatz, sondern auch ein glückliches Familienleben erschaffen.
Auch interessant: Loriot war Stammgast: Traditionsgaststätte Limm muss nach 100 Jahren schließen
Rony Haynes kommt an Deck – bereit für einen Sprung ins tiefblaue Meer vor dem Stromboli. „Von Bayern musst du erst mal weggehen, dass du wirklich zu schätzen weißt, was du an dem Land hast.“
Andreas Pehl*
*Der Lenggrieser Andreas Pehl hat Rony Haynes für unsere Zeitung besucht.
Infos im Internet: www.svflorette.com
Lesen Sie auch: Wiedersehen auf dem Einödhof: Wie es sich früher in der Abgeschiedenheit lebte

