VonPatrick Staarschließen
Die neue Wohnanlage an der Tölzer Osterleite bietet sozial benachteiligten Menschen wie Miroslav Forca ein Zuhause. Hier erzählt er seine Geschichte.
Bad Tölz – Miroslav Forca ist außer sich vor Freude. Die Stadt Bad Tölz hat ihn als einen der Mieter ausgewählt, die in die neue Wohnanlage an der Osterleite einziehen dürfen. Mit 34 Jahren hat Forca nun endlich die Möglichkeit, bei seinen Eltern auszuziehen. Weit über 100 Tölzer nutzten am Samstag die Gelegenheit, das Gebäude mit den bezahlbaren Mietwohnungen zu besichtigen.
Während die Menschentrauben in die leeren Musterwohnungen lugten, werkelten bei Forca schon die Handwerker und schraubten an seiner Einbauküche herum. Er will keinen Tag verlieren und kann es gar nicht erwarten, dass er in sein neues Zuhause einziehen darf.
Dass er bis zu seinem 34. Lebensjahr bei seinen Eltern wohnt, hatte Forca nicht geplant. Aber nach Plan verlief für ihn in den vergangenen Jahren nur wenig. Im Alter von acht Jahren war der gebürtige Bosnier nach Bad Tölz gekommen. Er war Testfahrer bei Opel und verdiente sein Geld als Autoverkäufer. Was ihn seit jeher begeisterte, war Kickboxen. Forca trainierte mit Leidenschaft und Hingabe sechsmal pro Woche. Sein großes Ziel war die Teilnahme an der Weltmeisterschaft. Doch 2009 änderte sich von einem Moment auf den nächsten sein Leben. Er fuhr auf der Umgehungsstraße vom Training nach Hause, als in seinem Kopf ein Äderchen platzte. Forca verlor die Kontrolle über sein Auto. Er kann sich nicht erinnern, was danach passierte. Wohl aber an die Leidenszeit, die folgte.
Die Ärzte diagnostizierten bei dem damals 25-Jährigen einen Schlaganfall. Wenig später folgte ein zweiter. Ein halbes Jahr lang musste Forca mit Kanülen im Hals zurechtkommen. Eineinhalb Jahre dauerte die Reha. Die Probleme hat er nun weitgehend im Griff, geblieben sind die Schwierigkeiten beim Sprechen. Der 34-Jährige kann sich verständlich machen, an einen Wiedereinstieg als Autoverkäufer ist aber nicht zu denken.
Forca ist mittlerweile Rentner und er arbeitet als Mini-Jobber. Über zwei Jahre suchte er in Tölz nach einer bezahlbaren Mietwohnung – vergeblich. Doch dann traf das heiß ersehnte Schreiben der Stadt bei ihm ein, dass er an der Osterleite einziehen darf. Seine Reaktion? Forca grinst nur breit und macht mit seinen Händen eine Bewegung, als wolle er die ganze Welt umarmen: „Ich bin so froh, dass ich eine Ein-Zimmer-Wohnung gefunden habe.“ Für eine Person seien 44 Quadratmeter „total ausreichend. Und auf dem Balkon kann ich sogar noch einen Kaffee trinken.“
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Der öffentliche Baustellenrundgang lockte auch Dutzende Neugierige an, die einfach mal sehen wollten, was da an der Osterleite entsteht. So wie Agnes Harbeck, die ein paar hundert Meter weiter in einer „ganz ruhigen Gegend“ in der Karwendelsiedlung wohnt. Ihr Eindruck von der Wohnanlage: „So weit ist alles okay.“ Die Wohnungen entsprächen dem heutigen Standard. Die verwendeten Materialien seien gut und die Bäder pflegeleicht. „Ich denke, die Leute können zufrieden sein, in solchen Wohnungen zu leben.“ Besonders gefalle ihr, dass jede Wohnung einen eigenen Eingang habe. Gewöhnungsbedürftig sei der Lärm durch den Verkehr auf der Osterleite: „Aber so ist es eben, wenn jeder ein Auto haben will.“
Insgesamt gibt es in der Wohnanlage drei Wohnungen mit einem Zimmer, neun Wohnungen mit zwei Zimmern und weitere sechs Drei-Zimmer-Wohnungen mit einer Größe von 40 bis 64 Quadratmetern. Der Mietpreis liegt nach sozialen Aspekten gestaffelt zwischen 5,70 und 8,70 Euro pro Quadratmeter. Alle seien mit Baubeginn vergeben gewesen, berichtet Anke Drinkuth, die bei der Stadt für die Vergabe zuständig ist. Menschen, die teilweise schon seit zehn Jahren auf der Warteliste stehen, bekämen nun endlich eine passende Wohnung, darunter viele Rentner und Alleinerziehende. Am Mittwoch erfolgt die Schlüsselübergabe. Drinkuth ist froh darüber, da die vergangenen Wochen sehr arbeitsreich gewesen seien – beispielsweise weil die ganzen Mietverträge ausgearbeitet werden mussten.
Bürgermeister Janker hofft auf Bewegung im Wohnungsmarkt
Bürgermeister Josef Janker hofft, dass nun Bewegung in den Wohnungsmarkt kommt. Es gebe viele Mieter die seit 35 Jahren in einer Wohnung leben, die mittlerweile nicht mehr zu ihnen passt – etwa weil die Kinder ausgezogen sind oder weil der Partner gestorben ist: „Sie können jetzt in eine kleinere Wohnung ziehen – und zugleich werden größere Wohnungen für Familien mit Kindern frei.“
3,9 Millionen Euro kostete das Projekt, von der Regierung von Oberbayern gab’s einen Zuschuss von 1,57 Millionen Euro: „Uns wurde gesagt: ,Macht’s weiter, wir fördern das.“ Und so seien weitere preisgünstige Wohnungen an der Königsdorfer Straße, in der Kohlstadt und Arzbacher Straße im Entstehen.

