VonThomas Kuzajschließen
Bremen – Am Dienstagnachmittag hat er begonnen, der Abbruch des Essighauses an der Langenstraße – mitten im „Balge-Quartier“ des Investors Dr. Christian Jacobs. Da darf man allerdings nicht einfach „draufhauen“ und „abreißen“, in so einer Umgebung muss der Bagger deutlich vorsichtiger „knabbern“ – Abbruch eben, fast filigran, Stück für Stück, ein bisschen wie beim Lego.
Manches wird sogar von Hand abgetragen. Schließlich gibt es hier viele Nachbarn, die Baustelle ist von etlichen Gebäuden umgeben, unter ihnen die historische Stadtwaage. Das Essighaus wird abgebrochen, damit an gleicher Stelle ein neues Essighaus gebaut werden kann. Ein Spektakel, das Zuschauer anlockt, eine Sehenswürdigkeit. Die Abbrucharbeiten, mit denen vier Fachleute beschäftigt sind, werden voraussichtlich bis Ende des Jahres dauern, sagt ein Sprecher.
Anschließend bekommen unter anderem die Archäologen Gelegenheit, das Areal abzusuchen – es liegt an einer historisch interessanten Stelle. Gut möglich also, dass da so mancher Gruß aus der bremischen Vergangenheit ans Licht der Gegenwart kommt. Die Arbeiten für den Neubau sollen dann in der ersten Jahreshälfte 2023 beginnen. Und der Abbruchschutt? Wird nahezu komplett wiederverwertet im Straßen- und Betonbau, heißt es.
Das merkantile Herz Bremens
Das Essighaus, ursprünglich ein prachtvolles Giebelhaus im Stil der Weserrenaissance, geht auf das Jahr 1618 zurück. Die Kaufmannsfamilie Esich ließ es an einem Ort errichten, an dem das merkantile Herz Bremens schlug – in Nachbarschaft des damaligen Hafens an der Schlachte und des 1838 zugeschütteten Weser-Nebenarms Balge (ein Name, der in der geschichtsverbundenen neuen Bezeichnung des Quartiers nun wieder frisch auflebt).
Um 1830 war eine Essigfabrik in das Gebäude gezogen. Später kaufte die Weinhandelsfirma Reidemeister & Ulrichs das Gebäude. Nun zog ein Lokal ein, das weit über Bremen hinaus gerühmt und gelobt wurde. Im Zweiten Weltkrieg ist das alte Essighaus zerstört worden. Nach einem Luftangriff im Dezember 1943 brannte es aus, die Mauern stürzten bei einem Luftangriff im Oktober 1944 ein. 1956, das sogenannte Wirtschaftswunder war schon tüchtig in Schwung, wurde das Essighaus neu aufgebaut. Dabei hat man die historischen Utluchten (sprich: Fassadenvorsprünge mit Fenstern) mit aus dem Trümmerschutt geborgenen Teilen rekonstruiert.
Erlebnisgastronomie mit Logenblick
Am rechten Teil des Gebäudes wurde um 1960 noch der Renaissancegiebel der „Sonnenapotheke“ angebracht. Die Apotheke war ursprünglich im einstigen Stadthaus Sögestraße 18–20 zu finden gewesen und ebenfalls im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Vor dem Abbruch des Essighauses hat das Steinmetz-Team eines Fachunternehmens die historischen Teile abgenommen. Utluchten und „Sonnengiebel“ werden bei der Denkmalpflege eingelagert und sollen ins neue Essighaus integriert werden. Der Giebel wird dabei ein paar Meter um die Ecke wandern, die Utluchten kommen wieder auf die linke Gebäudeseite.
Neben dem bereits neu gebauten Johann-Jacobs-Haus (Obernstraße) und dem dahinter liegenden Jacobs-Hof bilden die Stadtwaage, der Neubau des Essighauses und das Kontorhaus am Markt (mit dem von Bremen geplanten „Stadtmusikantenhaus“) das „Balge-Quartier“, das Innenstadt und Weser besser verbinden soll. Das 100-Millionen-Euro-Projekt wird voraussichtlich Ende 2024 fertig werden. Auf insgesamt etwa 19.000 Quadratmetern sind Flächen für Einzelhandel, Arbeit, Bildung und Kultur geplant. Schwerpunkt: Gastronomie.
Apropos. . . wer am Dienstag zum Kaffeetrinken ins Johann-Jacobs-Haus gekommen war, wurde mit einem Logenblick auf die Abbrucharbeiten belohnt. Das ist mal Erlebnisgastronomie!

