VonMarvin Köhnkenschließen
Ein Mann nimmt seine vierjährige Tochter als Geisel. In seinem Wagen fährt er auf das Rollfeld des Flughafens Hamburg und will die Ausreise erzwingen.
Hamburg – Der Betrieb am Hamburg Airport endet am Samstagabend jäh, als ein 35 Jahre alter Mann mit seinem Audi auf das Flughafen-Rollfeld rast. Auf dem Weg dahin durchbricht er mehrere Schranken, schießt in die Luft und wirft brennende Flaschen aus seinem Auto. Die Polizei löst Amok-Alarm aus und ist kurz darauf mit einem Großaufgebot vor Ort. Das große Problem: Der Mann hat seine eigene Tochter als Geisel genommen.
Der Geiselnehmer lebt laut Informationen der Polizei in Buxtehude, seine Frau und die gemeinsame Tochter in Stade. Beide Städte liegen im Landkreis Stade, nur wenige Kilometer von Hamburg entfernt. Der Flughafen sollte offenbar zum Tor in die Heimat des Mannes werden: Der Mann verlangt die Ausreise in die Türkei – für sich und seine vier Jahre alte Tochter auf dem Rücksitz seines Wagens.
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Trotz der Geiselnahme sehen die Airport-Betreiber keine Versäumnisse bei der Sicherung vor derartigen Vorfällen. „Die Sicherung des Geländes entspricht allen gesetzlichen Vorgaben und übertrifft diese größtenteils“, sagte eine Sprecherin des Hamburg Airport. Dennoch könne bei der Größe des Flughafens – sie entspreche fast 800 Fußballfeldern – nicht ausgeschlossen werden, „dass ein hochkrimineller, unbefugter Zutritt zum Sicherheitsbereich mit brachialer Gewalt erfolgen kann“.
Geiselnahme am Flughafen Hamburg offenbar wegen Streit um Sorgerecht
Der Geiselnahme von Hamburg war ganz offenbar ein Streit zwischen dem Mann und seiner Frau um das Sorgerecht der Tochter vorausgegangen. Die Ehefrau hatte sich vor Beginn der Großlage auf dem Hamburg in Hamburg wegen einer möglichen Kindesentziehung bei der Landespolizei gemeldet, sagte ein Sprecher der Bundespolizei. Der Mann verfüge wohl über eine scharfe Schusswaffe und womöglich auch über weitere Sprengsätze. „Unsere oberste Priorität ist der Schutz des Kindes“, teilte die Polizei mit.
SEK-Scharfschützen, Panzerfahrzeuge und der Moment der Festnahme: Bilder zur Geisellage am Flughafen Hamburg




Die Nacht hindurch und auch noch am Sonntag blieb die Polizei mit dem vermutlich 35-Jährigen in Kontakt. Auf Türkisch verhandelt eine Kontaktgruppe mit dem Vater. „Wir setzen hier auf eine Verhandlungslösung“, sagte eine Polizeisprecherin der Deutschen-Presse-Agentur (dpa). Dass sich die Gespräche so lange hinzogen, bewertete sie positiv: „Das ist ein absolut gutes Zeichen“, betonte sie. „Er ist uns zugewandt. Er will mit uns sprechen und das bewerten wir erst einmal als sehr positiv.“
Update 11:00 Uhr
— Polizei Hamburg (@PolizeiHamburg) November 5, 2023
Unsere Verhandlungsgruppe steht weiterhin in Kontakt mit dem Tatverdächtigen. Aktuell müssen wir davon ausgehen, dass er im Besitz einer scharfen Schusswaffe ist und evtl. auch von Sprengsätzen unbekannter Art.
Unsere oberste Priorität ist der Schutz des Kindes.…
Allerdings gab es auch nach mehr als zwölf Stunden am Flughafen keinen Durchbruch. „Wir sprechen, wir sprechen, wir sprechen – und versuchen eine friedliche Lösung zu finden, mit der alle gut leben können“, sagte Levgrün am Sonntagvormittag. Das Mädchen sei allem Anschein nach körperlich unversehrt. Die Polizei habe Blickkontakt mit dem Kind, seine Stimme sei in Telefonaten mit dem Vater zu hören. „Wie es aber seelisch aussieht, darüber mag ich jetzt gar nicht spekulieren.“
Mutter des Kindes am Flughafen Hamburg eingetroffen – offenbar keine Verletzten
Levgrün sagte am Morgen, die Mutter sei mittlerweile in Hamburg in der Nähe des Flughafens. Man gehe davon aus, dass der Vater der Mutter das Kind „weggenommen“ und möglicherweise unter Gewalteinwirkung ins Auto gesetzt habe, bevor er nach Hamburg und dort auf das Rollfeld des Flughafens fuhr. Für Tausende Menschen war das vorerst das Ende ihrer Reisen vom und zum Flughafen Hamburg.
Die Polizei Hamburg hatte kurz vor Mitternacht keine Erkenntnisse, dass jemand verletzt worden ist. Die Polizei sah zu dem Zeitpunkt auch keine akute Gefährdung von Dritten mehr. Das Flugzeug der Turkish Airlines, unter dem der Mann aus Buxtehude sein Auto abgestellt hatte, wurde geräumt, sagte ein Polizeisprecher der dpa. Es gebe keine Gefährdung Unbeteiligter mehr.
Der Flughafen Hamburg bleibt allerdings auch am Sonntag bis auf Weiteres komplett gesperrt. Insgesamt waren für Sonntag 286 Flüge – 139 Abflüge und 147 Ankünfte – mit rund 34.500 Passagieren geplant. Nach Stand von 11 Uhr sind bereits 126 Flüge – davon 70 Abflüge und 56 Ankünfte – gestrichen worden. Unter anderem fielen Flüge von Stuttgart nach Hamburg aus, Flüge von Frankfurt kommend wurden ebenfalls annulliert. Fünf Ankünfte in Hamburg wurden zu anderen Flughäfen umgeleitet. „Es wird den gesamten Tag über zu weiteren Streichungen und Verzögerungen kommen“, heißt es auf der Website des Hamburg Airports.
Rubriklistenbild: © Bodo Marks/dpa


