VonJohannes Rützelschließen
In der ersten Hälfte 2023 gingen in Kassel mehr Unternehmen pleite als in der ersten Hälfte 2022. Die Entwicklung bereitet nicht allen Sorgen.
Kassel – 43 Unternehmen aus Kassel haben im ersten Halbjahr 2023 ein Insolvenzverfahren vor dem Amtsgericht beantragt. Im Vorjahreszeitraum waren es 32: ein Anstieg von rund 34 Prozent. Das geht aus einer Veröffentlichung der Wirtschaftsauskunftei Creditreform hervor.
Sebastian Schlegel, Geschäftsführer von Creditreform, führt als Gründe dafür zu hohe Energie- und Materialpreise und schlechtes Konsumklima an. Inflation und die Zinswende würden die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen weiter anspannen. „Die Zahl der Zahlungsausfälle könnte sich in den kommenden Monaten sogar noch beschleunigen“, sagt Sebastian Schlegel. Weil die preisbereinigten Umsätze 2023 wohl stagnieren, werde jede weitere Erhöhung des Leitzinses die Schuldentragfähigkeit von Unternehmen weiter reduzieren.
Die IHK Kassel Marburg nennt als Gründe außerdem schwächelnde Auslandsnachfrage sowie Fachkräftemangel. „Einige Unternehmen geraten angesichts dieser multiplen Herausforderungen in wirtschaftliche Schieflage“, sagt IHK-Teamleiter Oliver Stöhr.
Insolvenzen waren wegen staatlicher Eingriffe zuvor deutlich weniger
Dass die Insolvenzen jetzt so stark ansteigen, liege laut einer Sprecherin von Creditreform auch am Wegfallen staatlicher Unterstützungsmaßnahmen während der Covid-Pandemie. Die extrem geringe Zahl an Insolvenzen in den Jahren 2021 und 2022 sei allein auf die staatlichen Unterstützungen und die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht zurückzuführen. Dadurch sei das Insolvenzgeschehen von den wirtschaftlichen Gegebenheiten entkoppelt worden.
Die Auswirkungen dieser staatlichen Maßnahmen bestätigt auch eine Sprecherin der Kasseler Sparkasse. Laut Sparkasse sei der Anstieg der Insolvenzen noch als leicht zu bewerten, die Zahlen gäben noch keinen Anlass zur Sorge. Im langfristigen Vergleich seien die Insolvenzzahlen aus 2023 als niedrig zu bewerten, heißt es weiter.
Auch in Nordhessen gibt es mehr Insolvenzen
Der Trend zu mehr Insolvenzen ist auch in ganz Nordhessen zu beobachten, allerdings nicht so stark. Im ersten Halbjahr 2022 gingen 102 Firmen pleite. Ein Jahr später waren es 117. Das sei der höchste Halbjahreswert seit 2020 und der größte prozentuale Anstieg seit 2017 in Nordhessen, teilt Creditreform weiter mit.
Gegen den Trend bewegt sich das Insolvenzgeschehen im Landkreis Kassel: 36 Unternehmensinsolvenzen in der ersten Hälfte 2023 stehen 44 im Vorjahreszeitraum gegenüber. (Johannes Rützel)
Insolvenzverfahren vor dem Amtsgericht
Unternehmen, die überschuldet oder zahlungsunfähig sind oder bei denen eine Zahlunsunfähigkeit droht, müssen beim Amtsgericht innerhalb von drei Wochen ein Insolvenzverfahren beantragen. Ein Insolvenzverwalter entscheidet dann, ob das Unternehmen saniert oder liquidiert wird. Möglich ist auch ein Verkauf des Unternehmens, die Aufstellung eines Insolvenzplans oder eine Firmeninsolvenz in Eigenverantwortung mit Sanierungskonzept. (Johannes Rützel)
Auch das Autohaus Cöster in Kassel ist pleite - nach 90 Jahren in Kassel.
