VonJohannes Rützelschließen
In Kassel gibt es mehr Insolvenzen. Auch das Fiat-Autohaus Cöster ist betroffen: das Unternehmen ist zahlungsunfähig und wird abgewickelt.
Kassel – Das Autohaus Cöster ist insolvent und wird in den kommenden Monaten aufgelöst. Seit 90 Jahren hat das Unternehmen in Kassel italienische Autos verkauft, gewartet und Ersatzteile vertrieben. Geführt wurde es in dritter Generation von Otto Joachim Cöster.
Am 4. April wurde vor dem Amtsgericht Kassel ein Insolvenzverfahren beantragt. Am 1. Juli wurde das Verfahren eröffnet und am 6. Masseunzulänglichkeit angezeigt. Das heißt, es gibt nicht genug Barvermögen, um alle Schulden zu bezahlen. Laut der Wirtschaftsauskunftei North Data hat das Autohaus Cöster Verbindlichkeiten von 9,22 Mio. Euro angehäuft.
Die Insolvenzverwalterin Jutta Rüdlin erklärt auf HNA-Anfrage, dass dem Unternehmen Ende Mai 2021 zum 31. Mai 2023 der Händlervertrag von Stellantis gekündigt wurde. Für den Aufbau eines Lagers für die Ersatzteile aller Marken der Stellantis-Gruppe (unter anderem Opel, Citroën, Peugeot) wären umfangreiche Investitionen erforderlich gewesen. Letztlich sei dies für das Autohaus nicht finanzierbar gewesen, so Jutta Rüdlin. Die Rückzahlung coronabedingter Kfw-Kredite hätte die Liquidität des Unternehmens belastet, und Verhandlungen über einen Verkauf seien gescheitert.
Chronik des Autohauses Cöster in Kassel
- 1. Oktober 1932: Otto Cöster übernimmt die Werksvertretungen für Fiat, NSU-Fiat und Simca und baut in der Oberen Karlsstraße 17 einen Automobilvertrieb auf.
- 22. Oktober 1943: Firmengründer Otto Cöster kommt bei der Bombardierung Kassels ums Leben.
- 1948: Rudolf Cöster, der Sohn des Firmengründers, steigt ins Geschäft des Autohauses ein.
- 1965: Bei Cöster gibt es nun auch Autos von Alfa Romeo.
- 3. März 1969: Das Autohaus Cöster zieht in die Holländische Straße 100 um. Ein Windsimulator und ein Leistungsprüfstand gehörten zur Ausstattung.
- 1972: Otto Joachim Cöster steigt nach einer Banklehre ins Unternehmen ein.
- 21. Mai 1987: Das Autohaus wird um eine neue Ausstellungshalle erweitert. Fast 1000 Besucher kommen zur Eröffnungsparty mit Modenschau und Live-Band.
- 20. Januar 2001: Das Autohaus Cöster eröffnet parallel zur Markteinführung des Alfa Romeo 147 eine neue Ausstellungshalle.
- 4. April 2023: Das Autohaus Cöster beantragt beim Amtsgericht Kassel die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens.
Mitarbeiter des Autohaus Cöster sind enttäuscht
Sehr traurig sei das alles, sagt Graziano Argentino. 30 Jahre hat er für das Autohaus Cöster gearbeitet. Wie es mit dem Unternehmen zu Ende ging, das habe ihn enttäuscht. Faroq Rasooli hat vor 26 Jahren als Betriebselektriker angefangen und sich hochgearbeitet bis zum Abteilungsleiter. Jetzt sind die Männer und weitere Angestellte damit beschäftigt, das Eigentum von Fiat von dem des Autohauses zu trennen.
Sigrid Vogeley ist seit sechs Wochen Vorsitzende des Betriebsrats und hat in einer schwierigen Zeit Verantwortung für ihre Kollegen übernommen. Dass plötzlich Schluss war, das sei überraschend gekommen, sagt sie am Telefon. Auch die Insolvenzverwalterin habe nach Investoren gesucht. Geklappt hat es nicht. Die letzten 52 Mitarbeiter haben am 1. Juli die Kündigung erhalten. Mit Dennis Poß von der IG Metall versucht sie nun, einen Sozialplan und Interessensausgleich für die Mitarbeiter auszuhandeln.
Der Gewerkschafter berichtet, dass er 20 Mitarbeitern neue Stellen bei Unternehmen in der Region besorgt hat: bei Glinicke, Emil Frey oder Rudolph Logistik. „Wenn am 31. Oktober der letzte Mitarbeiter geht und den Lichtschalter drückt, dann ist Schluss“, sagt Dennis Poß.
Otto Joachim Cöster war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. (Johannes Rützel)
Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels stand, dass das Insolvenzverfahren geschlossen ist. Das ist nicht der Fall, das Insolvenzverfahren ist weiterhin eröffnet.
Mehr zum Thema: Es gibt mehr Insolvenzen in Kassel und Nordhessen.


