VonChristopher Hessschließen
Aus Protest gegen die Gesundheitspolitik der Bundesregierung bleiben die meisten Arztpraxen in der Region Fulda vom 23. Dezember bis zum 2. Januar geschlossen. Die ärztliche Versorgung sei massiv gefährdet, mahnen die Ärzte. Es brauche dringend ein Umdenken der Politik.
Fulda - „Es ist fünf nach zwölf“, sagt Ralph-Michael Hönscher, Vorsitzender des Gesundheitsnetzes Osthessen. Bereits zum dritten Mal in diesem Jahr protestieren die Ärzte gegen die Gesundheitspolitik der Bundesregierung. Verschiedene Berufsverbände aus ganz Deutschland hatten zu den Praxenschließungen an den Brückentagen zwischen Weihnachten und Silvester aufgerufen, auch die Kassenärztliche Vereinigung unterstützt den erneuten Protest. „Aus Fulda und dem Landkreis beteiligen sich fast alle Praxen, einige bieten eine Notfallbetreuung an“, sagt Hönscher.
Ärzte-Protest: Viele Praxen bleiben zwischen den Jahren geschlossen
Die Ärzte wollen mit der Schließung ihrer Praxen ein Zeichen setzen. „Die ärztliche Versorgung ist massiv gefährdet“, warnt Hönscher. Wenn die Politik nicht schnellstmöglich handle, drohten schwere Versorgungsdefizite für Patienten. „Wir machen das nicht, um die Leute zu ärgern, sondern um zu zeigen, wie es ist, wenn irgendwann kein Arzt mehr da ist“, sagt der Vorsitzende des Gesundheitsnetzes.
Es liegt einiges im Argen, sagt Hönscher: „Die Digitalisierung in unseren Praxen verläuft schleppend, die Ärzte haben immer weniger Zeit für ihre Patienten, weil sie mit Papierkram beschäftigt sind, die Kosten für Energie- und Hygienekosten steigen weiterhin, gleichzeitig sinken unsere Honorare.“ Irgendwann sei es einfach nicht mehr wirtschaftlich, eine eigene Praxis zu betreiben.
Was tun bei Krankheit?
Neben den Praxen, die trotz des bundesweiten Protests geöffnet haben, garantiert der Ärztliche Bereitschaftsdienst (ÄBD) am Klinikum Fulda die ärztliche Versorgung – auch an den Feiertagen. Die Öffnungszeiten des Bereitschaftsdienstes sind im Internet einsehbar. Der ÄBD kann ohne telefonische Anmeldung besucht werden. Alternativ berät und hilft rund um die Uhr unter der Telefonnummer 116 117 kostenlos medizinisches Fachpersonal. Geschlossene Praxen verweisen zudem auf ihrer Internetseite auf andere Praxen, die in dringenden Fällen die Vertretung übernehmen.
Im Zuge des Protests der niedergelassenen Ärzte rechnet das Herz-Jesu-Krankenhaus in Fulda mit einer hohen Auslastung. „Die andauernd hohe Auslastung der Notaufnahme wird über die Feiertage und zwischen den Jahren voraussichtlich steigen“, erklärt Pressesprecherin Viktoria Schmitt.
Mit einer Entspannung der Lage sei nicht zu rechnen – unter anderem wegen einer Vielzahl an akuten Atemwegsinfektionen und Corona-Fällen sowie wegen des Streiks in der hausärztlichen Versorgung.
Patienten müssten unter Umständen mit längeren Wartezeiten rechnen. „Wir weisen vorsorglich daraufhin, dass die Notaufnahme für akute medizinische Notfälle da ist, die einer sofortigen Behandlung bedürfen.“ Zudem rechnet das Krankenhaus wegen übermäßigem Alkoholkonsum oder Verletzungen durch Feuerwerkskörper mit einer höheren Frequenz in der Silvesternacht.
Die überhandnehmende Bürokratie und die hohen Kosten sorgten auch dafür, dass das Berufsbild immer unattraktiver werde – und sich die Nachfolge vielerorts immer schwieriger gestalte. „Viele Ärzte gehen in den Ruhestand und finden keinen jungen Nachfolger, weil der sich drei Mal überlegt, ob er das Ganze auf sich nehmen möchte“, stellt Hönscher fest. Wegen der zunehmenden Bürokratie steige der Arbeitsaufwand. „Ein Arzt hat heute eine 60- bis 70-Stunden-Woche.“
Gleichzeitig habe ein Mediziner immer weniger Zeit für einen Patienten. Nicht nur das: In Fulda herrsche bei fast allen Hausärzten inzwischen ein Aufnahmestopp. „Wir sind einfach an unserer Belastungsgrenze.“ Von der Politik fordern die Ärzte daher dringend Entlastung. „Wir wollen Ärzte sein und keine Bürokraten“, sagt der Hausarzt.
Archiv-Video: Mehr als 200 Teilnehmer bei Ärzte-Demo in Fulda
Ein weiteres Problem: Zum 1. Januar 2024 müssen die Praxen das sogenannte E-Rezept, also ein elektronisches Rezept, das die papierbasierten Verschreibungen von Arznei- und Heilmitteln ersetzen soll, einführen. „In vielen Praxen ist die Umsetzung aber schwierig, weil es an der Digitalisierung mangelt.“ Da sei vor allem die Politik gefragt, die Digitalisierung voranzutreiben. „Die Leute an der Basis müssen abgeholt werden“, fordert Hönscher.
Hinzu komme, dass es teilweise jetzt schon Probleme gebe, dass die Patienten die verschriebenen Medikamente überhaupt bekommen. „Wir haben einen enormen Lieferengpass“, sagt der Vorsitzende des Gesundheitsnetzes.
Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KVH) unterstützt den Protest der Ärzte, betont aber gleichzeitig, dass die ärztliche Grundversorgung sichergestellt sei. „Herr Lauterbach spielt schon lange auf Zeit. Auf die vielen Ankündigungen müssen endlich Taten folgen. Vor dem Hintergrund des Finanzchaos der Bundesregierung und sich abzeichnender Geldverteilungskämpfe in Berlin, ist da allerdings wieder einmal nicht viel zu erwarten“, sagt Armin Beck, Vorstandsvorsitzender der KVH.
