VonChristopher Hessschließen
In der Region bleiben am Montag die meisten Arztpraxen und Apotheken geschlossen. Allgemein- und Fachärzte sowie Apotheker des Gesundheitsnetzes Osthessen beteiligen sich an einem bundesweiten Protesttag. Sie fordern ein Umdenken in der Gesundheitspolitik.
Fulda - „Die Politik setzt die Versorgung der Patienten aufs Spiel“, sagt Ralph-Michael Hönscher, Vorstandsvorsitzender des Gesundheitsnetzwerks Osthessen. Alle Praxen – ob Allgemein- oder Fachärzte und auch Apotheken – legen aus Protest am Montag, 2. Oktober, ihre Arbeit nieder. „Wir müssen die Patienten wachrütteln“, sagt er weiter. Die Zukunft der ärztlichen Versorgung sei mehr denn je gefährdet, es brauche dringend Lösungen seitens der Gesundheitspolitik und des Ministers Karl Lauterbach (SPD).
Fulda: Ärzte und Apotheker streiken - „Versorgung akut gefährdet“
Hönscher geht ins Detail: „30 Prozent der Ärzte gehen in den kommenden Jahren in Rente, viele Stellen können nicht nachbesetzt werden, weil der Job nicht mehr attraktiv ist.“ Denn die Kosten für die Ärzte steigen durch Inflation, steigende Mieten und Energiepreise, sagt Hönscher. Auch die Personalkosten stiegen, einen Inflationsausgleich gebe es hingegen nicht. „Es rechnet sich für viele wirtschaftlich einfach nicht mehr.“ Wenn sich nichts ändere, „können wir künftig nur noch Dienst nach Vorschrift machen.“ Der Fachärztemangel treffe längst auch niedergelassene Ärzte.
Konkret fordert die ambulante Versorgung eine tragfähige Finanzierung, die auch in der ambulanten Gesundheitsversorgung Inflation und Kostensteigerung berücksichtigt. Zudem sollen die Budgets abgeschafft werden, „damit Praxen für alle Leistungen bezahlt werden, die sie tagtäglich einbringen.“
30 Prozent der Ärzte gehen in den kommenden Jahren in Rente, viele Stellen können nicht nachbesetzt werden, weil der Job nicht mehr attraktiv ist.
Zudem solle die angekündigte Ambulantisierung umgesetzt werden – mit gleichen Spielregeln für Krankenhäuser und Praxen. Mit „sinnvoller Digitalisierung“ sollen bestehende Versorgungsprobleme gelöst werden. Gefordert wird eine nutzerfreundliche und funktionstüchtige Technik sowie die entsprechende Finanzierung.
Außerdem solle die datengeschützte Patientensteuerung in ärztlichen und psychotherapeutischen Händen bleiben. Es brauche mehr Weiterbildung in den Praxen und gleichzeitig weniger Bürokratie. Als weitere Forderung ist die Abschaffung der „unsinnigen“ Wirtschaftlichkeitsprüfungen formuliert.
Und wenn ich am Montag krank bin?
Was machen Bürger, wenn sie trotz geschlossener Arztpraxen und Apotheken am Montag krank sind und eine Untersuchung, einen Krankenschein oder ein Rezept für ein Medikament benötigen? Die Kassenärztliche Vereinigung weist auf den Ärztlichen Bereitschaftsdienst hin, durch den die medizinische Versorgung an diesem Tag sichergestellt sei. In der Region übernimmt das Klinikum Fulda den Bereitschaftsdienst. Dieser ist ohne vorherige telefonische Anmeldung zu besuchen. Alternativ kann rund um die Uhr unter der Telefonnummer 116117 kostenlos medizinisches Fachpersonal erreicht werden, das berät und hilft. Die Bereitstellung von Medikamenten ist am Montag durch die Notdienste gesichert. Der Apotheker-Verband empfiehlt, die Medikamente vorausschauend an anderen Tagen zu besorgen. Die Notversorgung ist aber gewährleistet.
Notdienste:
Künzell: Biligrim Apotheke, In den Gründen 2a
Ebersburg: Apotheke Schmalnau, Bahnhofsstraße 6
Hosenfeld: Vogelsberg Apotheke, Lindenstraße 1
Flieden: Alte Apotheke, Schlüchterner Straße 2
Eiterfeld: Adler Apotheke, Bahnhofsstraße 11
Tann: Tannen Apotheke, Marktstraße 6
Der Virchowbund, der Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands e.V., der zum Protest aufgerufen hatte, fordert in einer Pressemitteilung die Wiedereinführung der Neupatientenregelung, eine Krankenhausreform, sowie mindestens 5000 Medizinstudienplätze mehr pro Jahr.
Ihren Unmut bringen beim Protesttag auch hiesige Apotheker zum Ausdruck. Genauso wie Ärzte lassen sie ihre Geschäfte am Montag geschlossen, um auf die prekäre Lage hinzuweisen. Einer, der sich dem Protest anschließt, ist Marcel Marbaise, Inhaber der Apotheke Marbaise in Gersfeld und in den Kaiserwiesen in Fulda. „Wir haben immer mehr Arbeit, weniger Geld und gleichzeitig mehr Kosten“, sagt er.
Seit zehn Jahren seien die Honorare von sechs Euro pro Medikament nicht erhöht worden – trotz steigender Kosten aufgrund der Inflation, steigender Energiepreise und Personalkosten. Erhöht wurden dagegen die Kassenabschläge. Diese wurden von 1,77 Euro auf 2 Euro pro Packung auf Rezept erhöht. Das belaste Apotheken mit rund 20.000 Euro zusätzlich im Jahr.
Archiv-Video: Mehr als 200 Teilnehmer bei Ärzte-Demo in Fulda
„Uns steht das Wasser bis zum Hals“, sagt der Apotheker. Ohne ein Anstieg des Honorars werde das Apotheker-Sterben weitergehen – auch in der Region. Er verweist auf jüngste Schließungen von Apotheken in Uttrichshausen sowie in Fulda (Bonifatiusapotheke, Schlossapotheke).
Der Hessische Apotheker-Verband benennt die zentralen Forderungen an die Politik: Der HAV fordert einen Abbau der Bürokratie und ein Ende der Strafzahlungen an die Krankenkassen: Wegen der Lieferengpässe bräuchten die Apotheken mehr Flexibilität bei ihrer Arbeit, um die Patienten schnellstmöglichst versorgen zu können.
Zudem fordert der Apothekerverband „eine angemessene finanzielle Anerkennung für die Mehrarbeit“ aufgrund von Arzneimittel-Lieferengpässen und eine Anhebung der Honorare.
