Landtagswahl

AfD-Hochburg in Kassel: Deshalb wählten bei der Landtagswahl so viele Menschen Rechts

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In Kassel wählten mehr als 33 Prozent die AfD bei der Landtagswahl. In der rechten Hochburg taten dies viele aus Unmut und Zorn.

Kassel – In keinem anderen Kasseler Stadtteil haben am Sonntag (8. Oktober) so viele Menschen AfD gewählt wie in Waldau. 33,7 Prozent holte die rechte Partei hier, bei den Zweitstimmen waren es sogar 34,1 Prozent. Eine Spurensuche in Waldau, wo 6450 Menschen leben.

Ralf Berthold ist einer der wenigen Menschen, die an diesem Mittag über die Landtagswahl reden wollen. Die meisten Menschen am Rewe-Markt in der Görlitzer Straße winken ab, als sie hören, worum es geht. Oder sie sagen, dass sie kein Deutsch sprechen. Berthold dagegen redet Klartext. Er habe immer die Grünen gewählt, denn seinen beiden Kindern solle eine gute Welt hinterlassen werden. Nun sagt er: „Ich gehöre zu den 33 Prozent.“

Mann aus Kassel überrascht, dass nicht noch mehr AfD bei Landtagswahl wählten

Keine AfD-Plakate im Stadtteil mit den höchsten AfD-Werten: Zwei Tage nach der Landtagswahl hingen in Waldau nur noch Plakate von SPD, CDU und Linken.

Der 60-Jährige war Landschaftsgärtner, seit sechs Jahren ist er Frührentner, die Bandscheibe macht ihm zu schaffen – und die Ampel in Berlin: „So eine schlechte Bundesregierung hatten wir noch nie.“ Auch mit der CDU in Wiesbaden ist er unzufrieden. Darum ist er überrascht, dass nicht noch mehr Menschen AfD gewählt haben.

In seinem Bekanntenkreis hätten dies 80 Prozent getan, die einen aus Protest, die anderen aus Überzeugung. Berthold hofft, dass die etablierten Parteien nach diesem „Denkzettel“ aufwachen. Deutschland habe die modernsten Atomkraftwerke abgeschaltet, die Migrationspolitik sei nicht mehr tragbar.

Wenn man den ehemaligen Grünen-Wähler fragt, ob er keine Sorge um die Demokratie habe, weil die AfD völkisch-nationalistisch ist, sagt er: „Wenn die AfD so schlimm wäre, hätte man sie längst verboten. Sie ist eine stinknormale Partei.“ Den Deutschen hänge „der ganze Mist von vor 80 Jahren an“, findet er: „Wie viel Rechtsextremismus geht denn von unseren Migranten aus?“ Glaubt man Berthold, denkt die Mehrheit in Waldau so wie er.

Hoher AfD-Stapel beim Auszählen der Landtagswahl in Kassel

Dirk Seeger war am Sonntagabend nicht völlig überrascht. Die Erkenntnis, dass es in Waldau viele AfD-Wähler gibt, sei nicht neu, sagt der SPD-Ortsvorsteher. Seeger war Wahlhelfer im Bezirk 1821. Bei der Auszählung wunderte er sich dann aber doch, wie hoch der AfD-Stapel wurde. „Ich war froh, wenn wenigstens mal CDU angekreuzt war“, sagt der Sozialdemokrat.

Der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund und osteuropäischen Wurzeln ist in Waldau hoch. Vor allem gibt es viele russische Aussiedler, wie Seeger sagt, „aber denen möchte ich das Wahlergebnis nicht in die Schuhe schieben“.

Zuletzt habe ihm ein Mann in „radebrechendem Deutsch“ gesagt, dass ihm „die Asylanten“ seine Rente wegnehmen würden. Seeger fragte ihn, seit wann er denn in die Rentenkasse eingezahlt habe, erhielt aber keine Antwort.

Zorn und Unmut sorgten für AfD-Hochburg in Kassel bei der Landtagswahl

Für den Ortsvorsteher ist Waldau ein „bunter und vielfältiger Stadtteil“. Trotz zahlreicher großer Bauten mit günstigen Mietwohnungen gibt es viel Grün, die Karlsaue und Arbeitsplätze sind direkt vor der Tür.

„Hier hat man alles, was man zum Leben braucht“, sagt Seeger, der nun darauf hofft, dass die Politik in Berlin und Wiesbaden versucht, die Menschen besser zu erreichen: „Nicht jeder AfD-Wähler ist ein überzeugter Nazi. Viele haben Sorgen und Ängste und fühlen sich nicht mitgenommen.“

Diese Analyse deckt sich mit der des Kasseler Politologen Wolfgang Schroeder, der im HNA-Interview gerade sagte: „Wer die AfD nur als rechtsextreme Partei versteht, hat sie nicht verstanden. Sie ist auch eine Partei des bürgerlichen Zorns und des Unmuts.“ Dieser Unmut ist in Waldau besonders hoch.

AfD-Hochburg bei Landtagswahl in Kassel auch durch Neid und Missgunst

Regina Grunwald-Schleiff lebt in Harleshausen, aber sie kennt Waldau sehr gut. 42 Jahre war sie Lehrerin an der Offenen Schule Waldau. Unter SPD-Oberbürgermeister Hans Eichel wurde die Gesamtschule ganz bewusst im Osten angesiedelt. „Die Schule sollte Bildung in soziale Brennpunkte bringen, damit manche Stadtteile nicht abgehängt werden“, sagt Grunwald-Schleiff. Heute schicken auch Eltern aus dem Vorderen Westen ihre Kinder auf die vielfach ausgezeichnete Schule, die bald einen modernen Neubau bekommen wird.

Auch für Grunwald-Schleiff kommt das Ergebnis vom Sonntag nicht überraschend: „Hier gibt es viele, die sich zurückgelassen fühlen, die unzufrieden und weniger am Gemeinwesen interessiert sind. Das führt zu Neid und Missgunst.“

Sie hat ebenfalls kein Patentrezept, wie sich das Problem lösen lässt. Der Kasseler Stadtplaner Christian Kopetzki forderte bereits im vorigen Jahr in einem HNA-Interview Initiativen der Stadt, damit östliche Stadtteile wie Waldau und Forstfeld nicht abdriften.

AfD-Wähler der Landtagswahl in Kassel seien durch Gespräch schwer zu erreichen

Ortsvorsteher Seeger verweist auf zahlreiche Gesprächsangebote sowie den Kennenlernladen mit seinen Bildungsangeboten und Möglichkeiten zur Teilhabe. Allerdings werde er nur wenig angenommen.

Wie schwierig es ist, manche zu erreichen, macht eine Frau deutlich, die am Dienstagmittag gerade mit einem schwarz-rot-goldenen Beutel Getränke und die „Bild“-Zeitung einkauft. Sie habe ihr ganzes Leben lang SPD gewählt, aber diesen Sonntag keine Zeit gehabt, sagt die Rentnerin, ohne stehen zu bleiben. Dass so viele für die AfD gestimmt haben, findet sie „schon okay“. (Matthias Lohr)

Rubriklistenbild: © Matthias Lohr

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