Keltenfestung

Am Dünsberg im Kreis Gießen: Auf den Spuren einer Stadt, die vor 2.000 Jahren verschwand

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Am Dünsberg bei Biebertal lag einst eine Bergfestung der Kelten, die flächenmäßig den Buckingham Palace in den Schatten stellt. Vor 2.000 Jahren verschwand sie - aber nicht spurlos.

Gießen - Bei Kelten denkt man an monumentale Grabhügel. Einige haben sich bis heute als Erhebung in der Landschaft erhalten, andere sind zu - selbst von Experten - nur schwer erkennbaren Dellen im Gelände geworden. In einer Zeit, als der Radlader noch nicht erfunden war, war es ein großer Aufwand, ein Hügelgrab anzulegen. Daher wurde diese Ehre nur besonderen Menschen zuteil, etwa Stammesfürsten. „Ein Hügelgrab war nur etwas für die Prominenz“, sagt Arnold Czarski vom Keltenkeller Biebertal (Kreis Gießen). Der „normale“ Kelte wurde nach dem Tod verbrannt.

Arnold Czarski im Keltenkeller in Biebertal. Er erzählt, wie vor 2.000 Jahren keltisches Leben am Dünsberg in Biebertal (Kreis Gießen) existierte und verschwinden konnte.

Bestattungskultur der Kelten: Am Dünsberg in Biebertal finden sich Knochenreste

Das Museum wurde vor über 15 Jahren im Keller des Biebertaler Rathauses eingerichtet. Es bietet in vier Ausstellungsräumen einen Überblick über die Funde aus der Keltenzeit am Dünsberg. Über viele Jahrhunderte lag dort eine für damalige Zeiten gewaltige Stadt mit etwa 5.000 Einwohnern.

Zum Leben in einer Stadt gehört auch der Tod und eine Bestattungskultur. Die Holzfeuer erreichten keine so hohe Temperatur, wie dies ein modernes Krematorium schafft. Das führte dazu, dass danach Knochenreste der Verstorbenen in der Asche lagen. Die Familie des Toten sammelte diese in einem Gefäß ein, um sie zu bestatten. Dabei wurde allerdings kein Wert auf Vollständigkeit des Skeletts gelegt. Es reichte aus, wenn ein paar Knochen in der Urne lagen. „Wenn die Angehörigen fleißig waren, finden wir heute viele Knochen“, sagt Czarski.

Denn durch das Verbrennen wurden die Knochen hart wie Stein. In einer Urne konnten sie die Jahrhunderte überdauern. Immer wieder tauchen solche Gefäße im Gebiet um den Dünsberg auf. Eine der ausgestellten Urnen fand beispielsweise ein Lasterfahrer im Erdaushub des Launsbacher Sees. Aber auch im Wald selbst sind noch einige verborgen. Damals wurden sie nur mit einem Tuch bedeckt dicht unter der Oberfläche bestattet.

Der ganz normale Kelte hatte allerdings doch etwas vom Hügelgrab. Denn die Angehörigen begruben ihn in der Nähe des prominenten Grabhügels. „Er wurde so unter den Schutz dieser Person gestellt“, erklärt Czarski.

In den Urnen bewahrten die Kelten Knochen ihrer Toten auf. Einige davon finden sich noch heute am Dünsberg bei Biebertal im Kreis Gießen.

Einst bedeutende Stadt der Kelten mit Handel und Handwerk am Dünsberg bei Biebertal

Für die Archäologen geben die Knochenfunde viele Hinweise darauf, wie einst das Leben am Dünsberg ausgesehen hat. So wurden beispielsweise die sterblichen Überreste einer 70-jährigen Frau gefunden, ein für diese Zeit geradezu biblisches Alter und einen gewissen Lebensstandard in der Stadt.

Die Bergfestung am Dünsberg hatte gewaltige Ausmaße. »Die Bauplätze hätten für 10.000 Menschen gereicht«, sagt Czarski. In Spitzenzeiten dürften allerdings nur 5.000 Menschen gleichzeitig hier gewohnt haben. Die Besiedlungsspuren reichen bis in das achte Jahrhundert v. Chr. zurück, jedoch erlebte die keltische Siedlung erst ab dem vierten Jahrhundert v. Chr. eine Blütezeit.

Um 130 v. Chr. wurde schließlich die unterste Stadtmauer errichtet. Sie bildete den dritten Ringwall und schloss damit 90 Hektar Land ein. Zum Vergleich: Das ist deutlich größer als der Buckingham Palace, der Kreml würde hier fast viermal Platz finden.

Es handelte sich um eine bedeutende Stadt mit Handel und Handwerken. Die vielen Funde, von Schmuck über Werkzeuge und Waffen bis hin zu Krügen, Brunnen und Mauern, bezeugen dies. Die Eisenerzvorkommen, aber auch die strategisch günstige Lage machten den Dünsberg für die Kelten so attraktiv.

Keltische Mode: Unter anderem Kleidungsstücke im Keltenkeller Biebertal (Kreis Gießen) geben einen Eindruck, wie das Leben vor etwa 2.000 Jahren am Dünsberg ausgesehen haben könnte.

Untergang vor 2.000 Jahren: Spuren von Schlachten mit den Römern am Dünsberg bei Biebertal

Ab 50 v. Chr. begann jedoch der Niedergang der Stadt. „Es war die letzte große Bergfestung der Kelten“, sagt Czarski. Es gibt Spuren davon, dass die Römer die Stadt beschossen haben, schriftliche Überlieferungen zu einem Angriff sind bislang nicht gefunden wordent. Letztlich gaben die Kelten ihre Festung auf.

Auch wenn sie nicht mehr bewohnt war, wurde die keltische Stadt nie ganz vergessen. Immer wieder gab es Forschungen, aber auch Raubgrabungen am Dünsberg. Seit 1999 führte die Römisch-Germanische Kommission gezielte Grabungen in dem Areal aus. Der Dünsbergverein wurde gegründet, mit dem Ziel, dass die Funde nicht in entfernte Museen wandern, sondern vor Ort ausgestellt werden können. 2007 eröffnete das Museum Keltenkeller. Dort werden heute viele Funde vom Dünsberg ausgestellt, kann man Faksimile dort geprägter Münzen und Schmuckes erwerben.

Der Keltenkeller ist immer am ersten und dritten Sonntag im Monat von 14 bis 16 Uhr sowie nach Vereinbarung geöffnet. Anfragen an Arnold Czarski unter 0 64 09/23 38. (Patrick Dehnhardt)

Der Heimatverein Rodheim-Bieber präsentiert bis Ende Dezember „Kuriose und famose Kinder- und Jugendbücher 1900 bis 1980“.

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