VonMatthias Lohrschließen
Bei einem Geheimtreffen diskutierten AfD-Politiker über Vertreibungen von Migranten. Auch deshalb wird Samstag in Kassel demonstriert. Hier erzählen vier Migranten, warum sie Angst vor der AfD haben.
Kassel – In Deutschland gehen immer mehr Menschen gegen die AfD auf die Straße. Am heutigen Samstag (14 Uhr) findet auch auf dem Kasseler Friedrichsplatz eine Demo gegen Rechts statt. Angemeldet hat die Veranstaltung ein „spontanes parteiunabhängiges Bündnis“, wie die 17-köpfige Gruppe schreibt. Unter dem Motto „Kassel steht zusammen“ wird bei der Kundgebung vor dem Staatstheater auch Oberbürgermeister Sven Schoeller (Grüne) reden. Ab 15 Uhr gibt es einen Aufzug rund um die Innenstadt. Angemeldet wurde die Demo mit 1000 Teilnehmern. Trotz Kälte dürften es aber deutlich mehr werden.
In Hamburg waren es am Freitag laut Veranstalterangaben 80.000. Wir haben vier Kasseler Migranten gefragt, warum es wichtig ist, auf die Straße zu gehen, nachdem AfD-Politiker bei einem Geheimtreffen mit Neonazis über die massenhafte Abschiebung von Menschen mit ausländischen Wurzeln diskutierten.
Demo in Kassel gegen Rechts am Samstag
Gülce Fitzek (41, ausgebildete Schauspielerin und selbstständige Hebamme): „Als ich von dem Geheimtreffen in Potsdam hörte, habe ich sofort Angst bekommen. Bislang fühlte ich mich in Deutschland sicher und zuhause – ebenso wie meine beiden Kinder. Ich bin vor 23 Jahren aus der Türkei in dieses Land gekommen und seit 18 Jahren Deutsche. Ich möchte nicht das Gefühl haben, dass ich hier nicht gewollt bin. Ohne uns Migranten würde Deutschland ganz schön alt aussehen.
Der Aufstieg der AfD bereitet mir schon seit Längerem Sorgen. Es ist naiv, die AfD-Wähler nur als Protestwähler abzutun. Die AfD ist nicht harmlos, sondern extrem gefährlich. Bedenklich finde ich vor allem, dass die Menschen sich nicht mehr schämen, die AfD zu wählen. Sie sagen es mittlerweile klar und offen. Das gab es früher auch bei anderen rechten Parteien nicht.
Die Demo gegen die AfD ist wichtig. Wir müssen jetzt laut auf die Straße gehen und zeigen, dass wir mehr sind. Die bundesweiten Kundgebungen mit Zehntausenden Teilnehmern machen Hoffnung. Ein Verbot der AfD sehe ich kritisch. Dann würde etwas Neues entstehen. Die Partei muss mit demokratischen Mitteln gestoppt werden. Ich kann nicht zur Kundgebung auf den Friedrichsplatz kommen, weil ich in Nürnberg bin. Aber dort wird am Samstag auch demonstriert. Dort bin ich dabei.“
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Kassel: „Die Demo setzt ein wichtiges Zeichen“
Chuks Lewis Samuel-Ehiwario (50, Stationsleiter im DRK-Seniorenzentrum Jungfernkopf, stellvertretender Vorsitzender des Ausländerbeirats): „Ich bin 1993 aus Nigeria nach Deutschland gekommen und kann mich noch gut an die 1990er-Jahre erinnern, als Flüchtlingsheime brannten. Seither hat sich vieles positiv entwickelt. Das Land ist vielfältiger geworden, aber es muss attraktiv bleiben. Deutschland braucht Fachkräfte aus der ganzen Welt. Ohne die funktioniert es nicht.
Die AfD macht jedoch seit Jahren Stimmung gegen Ausländer. Daher war ich nicht wirklich überrascht von dem Geheimtreffen in Potsdam. Die Enthüllungen zeigen, wie gefährlich die Partei ist. Die AfD ist clever und nutzt die Ängste der Menschen, weil es Probleme gibt. Es ist fast schon wie zu Beginn der 1930er-Jahre. Darum gilt: Wenn man jetzt nicht aktiv wird, kann man vielleicht bald nichts mehr ändern.
Eine Partei, die so gegen Ausländer hetzt wie die AfD, sollte verboten werden. Schon beim Terror des NSU haben wir gesehen, wo das alles hinführen kann. Die Demo setzt ein wichtiges Zeichen. Wir demonstrieren für eine offene Gesellschaft und setzen ein Zeichen für Vielfalt und Solidarität. Man soll ohne Angst in Deutschland leben können.“
„Wir dürfen uns das Zusammenleben nicht von der AfD kaputtmachen lassen“
Nesrin Cakir (59, selbstständige Friseurin): „Ich lebe seit dem vierten Lebensjahr in Deutschland, habe seit 35 Jahren einen deutschen Pass und hier noch nie persönlich Ausländerfeindlichkeit erlebt. Nur einmal sagte eine Kundin in meinem Friseursalon zu mir: ,Für eine Türkin haben Sie es aber weit gebracht.’ Erst mein Mann musste mich darauf aufmerksam machen, dass dies versteckter Rassismus ist. Jeder, der in Deutschland arbeitet, sollte es weit bringen können. Laut der AfD gehöre ich in die Gruppe derjenigen, die das Land verlassen sollen, wenn es zu Deportationen kommt, über die beim Geheimtreffen in Potsdam geredet wurde. Dass die AfD ausländerfeindlich ist, ist lange bekannt. Die Partei radikalisiert die Menschen und ist zu vielem fähig.
Trotzdem war ich schockiert über die Nachricht von dem Geheimtreffen. Dass man in diesem Land mit seiner Geschichte wieder das Wort Deportationen verwendet, macht mich fassungslos. Und hinterher stellen sich führende AfD-Politiker hin und behaupten, das Treffen sei Privatsache gewesen.
Wir müssen uns Gedanken machen, ob das, was die AfD betreibt, noch legitim ist. Eigentlich lautet mein Motto: Leben und leben lassen. Aber wenn Menschen wie ich bedroht werden und uns das Recht abgesprochen wird, in unserem Land zu leben, bin ich für ein Parteiverbot. Es ist wichtig, dass die Gesellschaft nun Zivilcourage zeigt. Möglichst viele Menschen sollten auf die Straße gehen. Wir dürfen uns das Zusammenleben nicht von der AfD kaputtmachen lassen.“
Demo in Kassel: „Ich werde am Samstag demonstrieren“
Zaki Al-Maboren (64, Künstler): „Ich werde am Samstag demonstrieren. Es ist sehr wichtig, dass möglichst viele Menschen mitmachen und ein Zeichen setzen. Würde man die AfD verbieten, verschwindet das Problem nicht. Die Menschen, die die AfD stark gemacht haben, gibt es ja weiterhin. Wir müssen die Partei mit demokratischen Mitteln bekämpfen. Die AfD muss sehen, dass die große Mehrheit der Bevölkerung gegen sie ist und ihre Pläne nicht umsetzen will.
Als ich von dem Treffen in Potsdam hörte, konnte ich es nicht glauben. Ich hätte niemals damit gerechnet, dass man in Deutschland mit seiner Geschichte noch einmal auf die Idee kommt, Menschen massenhaft zu vertreiben. Ohne extreme Gewalt ist das nicht durchzusetzen. Wer Deutschland liebt, kommt nicht auf so eine Idee.
Ich bin Ende der 1980er-Jahre aus dem Sudan nach Deutschland gekommen und habe längst einen deutschen Pass. Auch ich wäre von den Plänen betroffen, aber es geht nicht nur um mich. Ich sehe das Erstarken der AfD in einem größeren Kontext. Die Politik und die Ampelkoalition in Berlin haben die AfD erst stark gemacht. Wir haben sehr viele Probleme und große Konflikte im Land. Man muss die Menschen wieder an den Entscheidungen beteiligen.
Ich verfolge auch die Nachrichten im Ausland. Das Erstarken der AfD beschädigt das Bild, das man in der Welt von Deutschland hat.“ (Aufgezeichnet von Matthias Lohr)
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