VonMarcus Lotzschließen
Mehrere Zeuginnen und Zeugen im Aschenberg-Prozess wollen in der Tatnacht etwas von den Schüssen auf das Opfer mitbekommen haben. Was einen erfahrenen Ermittler stutzig werden ließ: Am Morgen lag die Leiche offenbar auch mehr als eine Stunde nach Sonnenaufgang noch unbeachtet mitten im Wohngebiet.
Fulda - Der Aschenberg in Fulda scheint ein eher spezieller Stadtbezirk zu sein. Das lässt sich aus den Aussagen der Beteiligten am Aschenberg-Prozess immer wieder heraushören. Verteidiger Christian Celsen sprach bereits zu Prozessbeginn von einem „sehr schwierigen und vom Alkohol geprägten Milieu“. Als in der Nacht vom 11. auf den 12. April 2023 mehrere Zeuginnen und Zeugen gegen 4 Uhr laute Knallgeräusche hörten, maßen mehrere von ihnen dem keine größere Bedeutung bei.
Aschenberg-Prozess in Fulda: Verwunderung über späten Leichenfund
Feuerwerkskörper, die auch jenseits des Jahreswechsels gezündet werden, so heißt es in den Aussagen immer wieder, seien am Aschenberg keineswegs ungewöhnlich. Stutzig wurde so mancher Zeuge trotzdem: „Die Schläge klangen gedämpfter als bei einem Böller. Und sie kamen kurz hintereinander. Das hat mich gewundert“, sagte etwa ein 27-Jähriger, der auf die Geräusche aufmerksam geworden war, als er gerade ins Bett gehen wollte.
Bei Anzahl und Rhythmus der gehörten Geräusche gibt es Gemeinsamkeiten bei den Schilderungen, jedoch auch Unterschiede: mal waren es vier, mal fünf an der Zahl. Einig sind sich alle Anwohnerinnen und Anwohner darin, dass zwischen den schnell aufeinander folgenden Geräuschen eine Pause gelegen habe. Einer will erst zwei und nach der Pause drei Schüsse gehört haben, ein anderer erst zwei und dann noch mal zwei Knallgeräusche.
Die Polizei fand später fünf Hülsen am Tatort – drei in unmittelbarer Nähe der Leiche, zwei weitere in einem Gebüsch. Außerdem wurden fünf 7,65 Millimeter Browning-Kugeln gefunden – vier steckten noch in dem Leichnam. Die Tatwaffe wurde nicht gefunden. Die Spuren an den Projektilen verriet dem Sachverständigen der Polizei dennoch: „Die fünf Hülsen wurden mit derselben Waffe abgefeuert. Das Gleiche trifft auf die fünf Geschosse zu. Dass lediglich diese eine Waffe bei der Tat verwendet wurde, ist daher sehr wahrscheinlich.“
Ein weiterer Gutachter der Polizei geht auf die Lage der Hülsen ein, von der keine weiter als 2,20 Meter vom Opfer entfernt aufgefunden wurde. „Vorausgesetzt, dass die Hülsen von niemandem bewegt wurden, spricht das für Schüsse aus einer Entfernung von unter zwei Metern.“
Sonst wird bei jeder Kleinigkeit die Polizei gerufen – und da liegt ein Toter rum und keiner sieht was.
Neben dem Hinweis auf etwaige Schüsse gab es noch weitere Beobachtungen aus der Anwohnerschaft: Ein Anwohner berichtet, er habe etwa zehn Minuten nach den Schüssen eine Person dabei beobachtet, wie sie mit einer Taschenlampe etwa eine halbe Stunde lang etwas in den Büschen in der Nähe des Tatorts gesucht habe. Eine Anwohnerin behauptet, irgendwann nach Mitternacht einen lauten Streit aus dem Bereich des Tatorts gehört zu haben, von dem sie nur einige russische Schimpfwörter habe verstehen können.
Obwohl also diverse Personen mitten in der Nacht auffällige Dinge gehört oder gesehen hatten, ging der Hinweis auf eine leblos am Boden liegende Person erst am nächsten Morgen um kurz vor 8 Uhr bei der Polizei ein – sichtbar zwischen zwei Hochhäusern mit dutzenden Wohnungen. Verteidiger Celsen kommt das komisch vor.
An einen der Ermittler, der laut eigenen Angaben bereits seit 40 Jahren solche Fälle bearbeitet, richtete der Anwalt daher die Frage: „Ich habe mal recherchiert: An diesem Morgen ging die Sonne etwa um 6.30 Uhr auf. Dann müsste die Leiche dort ja eineinhalb Stunden gelegen haben, bevor die Polizei gerufen wurde?“ Der Polizeibeamte nickte: „Genau das habe ich mich auch gefragt. Das fand ich schon sehr sonderbar. Sonst wird bei jeder Kleinigkeit die Polizei gerufen – und da liegt ein Toter rum und keiner sieht was.“
