Betriebsrat kämpferisch

So rechtfertigt Goodyear die Werk-Schließung in Fulda - welche Rolle E-Autos dabei spielen

+
Goodyear rechtfertigt die Werk-Schließung in Fulda mit der Inflation und Billig-Importen. Auch E-Autos spielen dabei eine Rolle.
  • schließen

1050 Menschen verlieren 2025 ihren Job. Die „Gummi“ in Fulda wird im 125. Jahr ihres Bestehens Ende 2025 dichtmachen. Auch am Freitag hielt die Schockstarre nach der Nachricht noch an. Der Betriebsrat gibt sich dennoch kämpferisch. 

Fulda - Am Vortag war bekannt geworden, dass Goodyear plant, das Werk in Fulda 2025 zu schließen. Das gab das Unternehmen am Donnerstag (16. November) bekannt. Viele der 1050 Mitarbeiter zeigten sich traurig und enttäuscht. Einige wütend. Aus der Politik kamen klare Worte.

Seitdem die Nachricht draußen ist, dass das Werk in Fulda vor dem Aus steht, stottert die Produktion. Viele Beschäftigte sehen sich nicht mehr in der Lage, die Maschinen zu bedienen oder an den Schreibtisch zurückzukehren. Zahlreiche Mitarbeitende haben ihre Arbeit niedergelegt, berichtet Klaus Korger, stellvertretender Vorsitzender des Betriebsrats.

Goodyear rechtfertigt Werk-Schließung in Fulda - E-Autos spielen Rolle dabei

Zwar betont ein Goodyear-Sprecher, dass der Betrieb aufrecht erhalten werde. Doch laut Korger kam die Produktion erst in der Spätschicht am Freitag „so langsam“ wieder in Gang. Der Schaden sei riesig.  Seine Kollegen hätten sehr emotional reagiert, sagt der Betriebsrat. „Existenzen sind hier zusammengebrochen, da flossen auch Tränen.“

Wie viele Arbeitnehmer sich in den kommenden Tagen möglicherweise krankschreiben lassen, bleibe abzuwarten. Korger, der seit 40 Jahren in der „Gummi“ arbeitet, ist jetzt fast rund um die Uhr im Betrieb. Auch am Wochenende wird er da sein, um aufkommende Fragen zu beantworten: „Und um die Kollegen zu beruhigen, ihnen Ängste zu nehmen und Optionen aufzuzeigen.“

Sie hätten den Arsch in der Hose haben und gleich sagen sollen, dass es keine Perspektive mehr gibt.

Klaus Korger, stellvertretender Vorsitzender Betriebsrat

Seine Hoffnungen seien groß, dass es „faire Verhandlungen auf Augenhöhe“ gebe. Zumindest bessere als in den vergangenen Monaten, als nach der Ankündigung, die halbe Belegschaft zu entlassen, die Gespräche abgebrochen worden waren. Ein erstes, positives Signal:Goodyear hat sein Verhandlungsteam ausgetauscht.

„Wir starten jetzt neu, und wir werden alles Mögliche tun, um die Folgen der Entlassungen abzumildern“, sagt Korger.  Wütend ist er aber immer noch. Er glaubt, dass Goodyear „von vornherein nicht gewollt hat, dass es hier weitergeht. Sie hätten den Arsch in der Hose haben und gleich sagen sollen, dass es keine Perspektive mehr gibt“, schimpft Korger. 

Auch die Fuldaer Stadtpolitik beschäftigt sich jetzt mit den „Gummi“-Werken.

Tatsächlich hieß es noch im Sommer, das Fuldaer Werk bleibe erhalten – auch wenn jeder zweite Arbeitnehmer gehen muss. Jetzt fühlen sich viele der Beschäftigten betrogen und belogen. Ihre Frage: Was hat sich im vergangenen halben Jahr verändert? Der Unternehmenssprecher erklärt gegenüber unserer Zeitung, dass sich die Marktaussichten zuletzt „rapide verschlechtert“ hätten.

Für sämtliche Segmente der Reifen-Industrie gingen die Prognosen von einer sinkenden Nachfrage aus. Im Bereich EMEA, der Europa, den Nahen Osten und Asien einschließt, sei Goodyear mit „ungenutzten Produktionskapazitäten“ konfrontiert. Die Situation habe sich durch die Inflation und vor allem durch mehr Billig-Importe aus Asien weiter verschärft.

Der Konzern will, um konkurrenzfähig zu bleiben, in den nächsten fünf Jahren die Kosten pro Reifen um circa drei US-Dollar senken. Dass die Branche tatsächlich angeschlagen ist, zeigt ein anderer Reifenhersteller: Auch Michelin will in Deutschland Werke schließen.

Goodyear spricht von Verschärfung der Situation durch Inflation und Billig-Importe

Trotzdem: Was veranlasst Goodyear, ausgerechnet Fulda dicht zu machen – hier, wo zuletzt betont wurde, wie kostengünstig produziert wird und wie hervorragend ausgebildet die Fachkräfte sind? Der Sprecher sagt: Der entscheidende Faktor sei nicht die Leistung des Werks gewesen.

Des Engagements der Mitarbeiter in Fulda sei man sich bewusst. Es gehe darum, „ein Gleichgewicht zwischen unseren Kapazitäten, Möglichkeiten und Kosten herzustellen und so die Marktanforderungen zu erfüllen“. Was Goodyear so schwammig formuliert, erklärt Klaus Korger.

Zwar seien nach 2019, als bereits Hunderte Beschäftigte entlassen worden waren, hohe Investitionen am Standort getätigt worden. Andere Werke seien aber möglicherweise besser aufgestellt. In Fulda gebe es viele relativ alte Maschinen, die nicht in ausreichender Menge solche Reifen produzieren können, die heutzutage für E-Fahrzeuge benötigt werden. 

Kommentare