Todesstoß für „Gummi“

Goodyear will Werk schließen - einige Beschäftigte kommen nach Hiobsbotschaft nicht zur Arbeit

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Goodyear will die Reifenproduktion im Fuldaer Werk bis zum Ende des dritten Quartals 2025 komplett einstellen.
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    Anja Hildmann
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Goodyear plant, das Werk in Fulda zu schließen. Das gab das Unternehmen am Donnerstag bekannt. Betroffen von der Schließung wären 1050 Mitarbeiter. Viele zeigen sich traurig und enttäuscht. Einige wütend. Aus der Politik kommen klare Worte.

  • Goodyear will Werk in Fulda schließen: Mehr als 1000 Mitarbeiter verlieren Job
  • Trauer und Wut bei den Beschäftigten - einige legen Arbeit nieder
  • Stadt und Landkreis sichern Betroffenen Unterstützung zu

Update vom 19. November, 18.21 Uhr: Viele Unternehmen in der Region haben unterdessen Geschäftsbeziehungen zu Goodyear und sind über die geplante Schließung betrübt. Einer dieser Betriebe ist die Herbert Maschinen- und Anlagenbau GmbH & Co. KG in Hünfeld. Das Unternehmen reicht den „Gummi“-Arbeitern aus Fulda die Hand.

+++ 13.36 Uhr: Aus der Politik kommen klare Worte zum geplanten Gummiwerk-Aus in Fulda - unter anderem von Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir. „Diese vorweihnachtliche Hiobs-Botschaft trifft über 1000 Beschäftigte und ihre Familien völlig überraschend“, sagte er und sprach von einem „schweren Verlust für die Stadt Fulda und die ganze Region“.

Goodyear will Werk in Fulda schließen - Politiker mit klaren Worten

Update vom 18. November, 9.30 Uhr: Goodyear rechtfertigt die Werk-Schließung in Fulda damit, dass für sämtliche Segmente der Reifen-Industrie die Prognosen von einer sinkenden Nachfrage ausgehen. Im Bereich EMEA, der Europa, den Nahen Osten und Asien einschließt, sei Goodyear mit „ungenutzten Produktionskapazitäten“ konfrontiert.

Die Situation habe sich durch die Inflation und vor allem durch mehr Billig-Importe aus Asien weiter verschärft. Der Konzern will, um konkurrenzfähig zu bleiben, in den nächsten fünf Jahren die Kosten pro Reifen um circa drei US-Dollar senken. In Fulda gebe es zudem viele relativ alte Maschinen, die nicht in ausreichender Menge solche Reifen für E-Autos produzieren können.

Dass sie dann am Ende auch noch den guten Klang des Markennamens Fulda-Reifen weiterverwenden wollen, während sie das Traditionsunternehmen in Fulda kalt erledigen, hat schon einen massiv bitteren Beigeschmack.

Michael Brand, CDU-Wahlkreisabgeordneter

Update vom 17. November, 10.29 Uhr: Am Tag nach dem Bekanntwerden der Schließungspläne für den Goodyear-Standort in Fulda gibt es in dem Werk offenbar große Probleme. Einige Beschäftigte sind wohl nicht zur Arbeit erschienen. „Hier läuft zurzeit nix mehr. Die Produktion steht seit gestern fast überall im Werk“, berichtet ein Büro-Mitarbeiter am Freitagmorgen gegenüber unserer Zeitung. Bereits nach einer Betriebsversammlung am Donnerstag hatten einige Beschäftigte ihre Arbeit niedergelegt (siehe Update von gestern, 16.45 Uhr).

+++ 17.29 Uhr: Nun gibt es auch die ersten politischen Reaktionen auf die angekündigte Schließung. In einer gemeinsamen Stellungnahme sprechen Landrat Bernd Woide und Oberbürgermeister Heiko Wingenfeld von einem „Schock für diesen Traditionsstandort der Reifenproduktion in Deutschland“.

Gummiwerke in Fulda schließen - Mitarbeiter berichten von „Wut im Bauch“

Man könne sich vorstellen, wie sehr die Beschäftigten und ihre Familien von dieser Nachricht getroffen werden. „Sie sind kalt erwischt worden nach Monaten der Hoffnung, dass das Werk in Fulda trotz der Ankündigung eines massiven Stellenabbaus wenigstens eine kleine Chance auf eine Zukunft haben würde“.

Trotz aller Sorgen seien die CDU-Politiker zuversichtlich gewesen, dass „unsere intensiven Gespräche der vergangenen Monate mit Geschäftsleitung und Betriebsrat sowie die breite Unterstützung bei den Kundgebungen Früchte tragen könnten und würden“. Die Nachricht komme deshalb auch für sie unerwartet, „weil sich zu keinem Zeitpunkt ein solch dramatisches Szenario wie eine komplette Schließung des Standorts abgezeichnet hat“.

Es sind keine Eier geflogen, aber die Leute waren angefasst.

Ein Goodyear-Mitarbeiter aus Fulda

„Wir hoffen, dass die Beschäftigten und deren Angehörige wirkungsvolle Hilfe erfahren werden, und dass möglichst viele der loyalen, fleißigen und teils hochqualifizierten Belegschaft in der Region Fulda eine adäquate neue Beschäftigung finden werden. Wir werden den Betroffenen aktiv unsere Unterstützung anbieten“, heißt es abschließend.

CDU-Kollege Michael Brand wirft Goodyear unterdessen „eine bewusste Täuschung der Beschäftigten und der Region“ vor. „Offensichtlich sind die Opfer der Beschäftigten und die Solidarität der Region dem Management von Goodyear einen feuchten Dreck wert, und offensichtlich geht es nicht um die Suche nach Standorterhaltung, sondern nach Standortvernichtung.“

„Goodyear sollte sich die warmen Worte und die modularen, kalten Sätze einfach sparen. Dass sie dann am Ende auch noch den guten Klang des Markennamens Fulda-Reifen weiterverwenden wollen, während sie das Traditionsunternehmen in Fulda kalt erledigen, hat schon einen massiv bitteren Beigeschmack“, findet der Wahlkreisabgeordnete.

Update vom 16. November, 16.45 Uhr: Nach Angaben von Mitarbeitern vor Ort an den Gummiwerken dauerte die Betriebsversammlung mit der Geschäftsführung und der Betriebsratsvorsitzender Ines Sauer, in der die Schließung mitgeteilt wurde, etwa 35 Minuten. Die Aktionäre sollen am Vortag benachrichtigt worden seien.

Ein Mitarbeiter, der seit 30 Jahre bei Goodyear arbeitet, berichtet, die Mitarbeiter haben „Wut im Bauch“. „Fulda ist eines der besten Werke und produziert kostengünstig.“ Aber es sei absehbar gewesen. Schon vergangener Woche hätten die Mitarbeiter ein schlechtes Gefühl gehabt.

Gummiwerke-Schließung in Fulda auch Kommentarthema auf Social Media

Offenbar legten manche Beschäftigten nach der Betriebsversammlung die Arbeit nieder, weil sie unfähig seien weiterzuarbeiten. „Es sind keine Eier geflogen, aber die Leute waren angefasst“, berichtet ein anderer Mitarbeiter, während ein weiterer meint: „Man fühlt sich schlecht. Man fühlt sich betrogen. Es gab ja schon zwei Entlassungswellen.“

Ein Abteilungsleiter, der seit Jahrzehnten im Werk arbeitet, sagt: „Die Leute sind gefrustet. Die Art und Weise, wie es verkündet wurde, war nicht schön. Man hat es geahnt. Ich befürchte, dass jetzt die guten jungen Fachkräfte abwandern, da sie nicht so viel Abfindung erwarten.“

Er erzählt, dass aber sehr viele Mitarbeiter seit Jahrzehnten im Werk tätig sind. Erst vergangene Woche habe eine Jubilarehrung mit 200 Leuten inklusive Angehörige stattgefunden. „In zwei Jahren, wenn dicht gemacht wird, ist 125-jähriges Bestehen.“

Ein Mitvierziger berichtet, dass er seit einem Jahr Bewerbungen schreibt, aber in Fulda keine Stelle bekommt. „Das bleibt nicht das einzige Unternehmen in Fulda, das schließt“, befürchtet er. „Mit Deutschland geht es bergab. Die Poliik ist jetzt eigentlich gefragt. Aber die macht ja nix.“

Klaus Korger, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender, sagt: Die Schließung sei „erwartbar“ gewesen. Zwischen den Zeilen habe man das schon hören können. „Wenigstens ist die Katze jetzt aus dem Sack“, erklärt er.

Auch auf Social Media berührt das Thema Gummiwerke-Schließung viele. Auf Facebook kommentiert User „Peach Yvonne“: „Das war doch irgendwie die ganze Zeit schon klar. Kaum ein ausländischer Investor hat bei Übernahme ein Interesse an der Erhaltung deutscher Standorte. Dafür gibt es leider lukrativere Alternativen, aber unsere Politik sieht einfach zu.“

Da wird mein Nachbar kurz vor der Rente tatsächlich noch arbeitslos.. 30 Jahre Gummi.

Facebook-User „richardklinkert“

Und „Vanco Izov“ schreibt: „Ob sich Fulda von diesem Andrang an Arbeitslosen jemals erholen wird, ist fraglich. Wenn man bedenkt, dass bei 1000 Familien der Hauptverdiener ausfällt. Ich denke, es werden sich Stadtteile zu einem Ghetto wie in Offenbach entwickeln.“

„Lisa Lippert“ kommentiert: „Ist natürlich super, dass man das hier durch die Nachrichten erfährt und nicht vom Arbeitgeber selbst. Echt spitze!“ Auf Instagram schreibt „richardklinkert“: „Da wird mein Nachbar kurz vor der Rente tatsächlich noch arbeitslos.. 30 Jahre Gummi.“

Und „babu__1109“ meint: „Das war doch schon lange klar! Mir tun die Arbeiter leid.“ „andreas.granabetter“ sieht es ähnlich: „Das war leider absehbar. Ich bin sehr gespannt, was dann mit dem riesigen Areal passieren wird.“

Goodyear plant, das Werk in Fulda zu schließen.

Erstmeldung vom 16. November, 14.49 Uhr: Fulda - Goodyear plant, die Reifenproduktion in zwei seiner Werke in Deutschland einzustellen. Das teilte das Unternehmen am Donnerstag in einer Presseinformation mit. Dies würde die Schließung des Werks in Fulda bis zum Ende des dritten Quartals 2025 und eine schrittweise Einstellung der Reifenproduktion in Fürstenwalde bis Ende 2027 bedeuten.

„Der Mischbetrieb in Fürstenwalde ist von diesem Vorhaben nicht betroffen und wird weiterhin Mischungen an unsere Werke in ganz Europa liefern“, heißt es weiter. „Dies ist eine schwierige, aber notwendige Entscheidung, um Überkapazitäten zu reduzieren und unsere Produktionsstruktur mit der Nachfrage in Einklang zu bringen. Dieser Schritt würde es uns ermöglichen, unsere Kostenstruktur in EMEA zu verbessern und unsere Wettbewerbsfähigkeit und Profitabilität langfristig zu sichern.“

Als einen der Gründe für die Entscheidung nennt ein Unternehmenssprecher auf Nachfrage unserer Zeitung die anhaltend schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen. Die Marktaussichten würden sich signifikant und rapide verschlechtern und auch der Zuwachs an Billig-Importen aus Asien habe eine sinkende Nachfrage zur Folge. So komme es zu ungenutzten Produktionskapazitäten.

Goodyear plant Werk in Fulda zu schließen - 1050 Stellen betroffen

Das Vorhaben sei Gegenstand der Konsultation mit den zuständigen Arbeitnehmergremien. „Abhängig von dem Ergebnis des Konsultationsprozesses, gehen wir davon aus, dass die vorgeschlagene Restrukturierung zu einem Abbau von etwa 1750 Arbeitsplätzen an den beiden genannten Standorten führen wird“, heißt es. Im Fuldaer Werk seien 1050 Stellen betroffen - inklusive der Stellen, deren Streichung bereits angekündigt wurde. Die Mitarbeiter seien bereits informiert worden.

„Wir sind uns unserer Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeitern und ihren Familien bewusst und sind entschlossen, faire Lösungen zu finden und alle Betroffenen zu unterstützen“, betont das Unternehmen. Die Ankündigung habe keine Auswirkungen auf die Marke Fulda, welche „wir als wichtigen Teil unseres Mehrmarken-Produktportfolios fortführen wollen“. Fulda-Reifen werden in verschiedenen Werken in EMEA hergestellt und sie werden weiterhin für Kunden in Deutschland und anderen Märkten verfügbar sein.

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