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Das britische Boulevardblatt „Sun“ warnt Fußballfans vor der EM vor dem Frankfurter Bahnhofsviertel. Die Stadt beschwichtigt.
Frankfurt – „Der gefährlichste Slum Deutschlands“ mit 5000 schlurfenden Junkies und 300 Dealern. „Zombieland“. Schießereien auf offener Straße. Schlägereien. Aggressivität. Raubüberfälle. Mit diesen Worten warnt die britische Boulevardzeitung „Sun“ in einem jüngst erschienenen Artikel Fußballfans vor einem Aufenthalt im Frankfurter Bahnhofsviertel – gespickt mit zahlreichen drastischen Fotos von Drogenabhängigen aus dem Quartier. „Die Gegend ist so schlimm, dass Straßenkehrer Polizeischutz erhalten, zwei Schulen um einen eigenen Sicherheitsdienst gebeten haben und US-Firmen ihre Mitarbeiter angewiesen haben, selbst für kurze Fahrten Taxis zu nehmen“, schreibt die Zeitung.
Im Waldstadion werden bei der am 14. Juni beginnenden Europameisterschaft fünf Spiele ausgetragen – unter anderem die Partie zwischen England und Dänemark am 20. Juni. So weit, so gut. Für Empörung hat ein Fan-Ratgeber des Fußballverbands Uefa gesorgt, in dem Anhängern der in Frankfurt spielenden Mannschaften empfohlen wird, aufgrund der zentralen Lage ein Hotel im Bahnhofsviertel zu buchen. „Von hier aus kannst du einfach und bequem auf andere wichtige Verkehrsknotenpunkte zugreifen“, steht darin zu lesen. „Das macht das Bahnhofsviertel besonders attraktiv, wenn du Ausflüge in die Stadt oder ihre Umgebung planst.“
„Zombieland“ in Frankfurt? Uefa-Fan-Ratgeber empfiehlt Bahnhofsviertel – „besonders attraktiv“
Die „Sun“ hingegen rät den Fans der „Three Lions“ davon ab, „in einer Gegend zu übernachten, die von gewalttätigen Drogenabhängigen, den sogenannten Zombies, heimgesucht wird“. Nach Angaben des Blattes soll es dort täglich zu vier gewalttätigen Übergriffen kommen. In dem Bericht kommt auch Frankfurts Müllsheriff Peter Postleb zu Wort. Der frühere Leiter der Stabsstelle Sauberes Frankfurt berichtet, Zuhälter und Dealer seien „wahllos“ und griffen sogar „am helllichten Tag neben vollen Cafés“ an. „Die Situationen können schnell eskalieren. Als Passant gerät man leider schnell in Konflikt mit der Szene, die sehr aggressiv geworden ist. Man wird belästigt und geschubst.“
Das Elend führt Postleb auf die Corona-Pandemie zurück. Während Geschäfte und Bars schließen mussten, sei es mit dem Bahnhofsviertel bergab gegangen, weil „dadurch mehr Platz für Drogenabhängige und Dealer geschaffen wurde“. Postleb weist aber auch darauf hin, dass der Polizei das Problem bewusst sei. Sie habe in jüngster Zeit große Razzien vorgenommen. „Ich habe keinen Zweifel, dass sie die Maßnahmen vor dem Turnier verstärken werden.“
Stadt Frankfurt will vor EM „Befriedung und Ordnung“ des Bahnhofsviertels
Von der Stadt wollte sich am Mittwoch nur die für Ordnung und Sicherheit zuständige Stadträtin Annette Rinn (FDP) zu der Berichterstattung äußern. Sie teilte auf Anfrage mit, der Stadtregierung sei die Situation rund um den Hauptbahnhof selbstverständlich bewusst. Besonders im Hinblick auf die Spiele in Frankfurt habe der Magistrat vermehrte Anstrengungen zur „Befriedung und Ordnung der Situation“ unternommen. So sei die Zahl der Streifen von Landes- und Stadtpolizei nahezu verdoppelt, eine Waffenverbotszone in den Nachtstunden eingerichtet und die Zahl der aufsuchenden Sozialarbeiter:innen erhöht worden, ebenso die Zahl der Betreuungsplätze für die drogenkranken Menschen. Außerdem seien mehrere Videoschutzanlagen an den Brennpunkten instand gesetzt und zwei Anlagen neu in Betrieb genommen worden.
Während der EM sollen darüber hinaus temporäre Toilettenanlagen aufgebaut und weitere mobile Videokameras in Betrieb genommen werden. „Wir werden alles dafür tun, dass sich unsere Gäste wohlfühlen und ihren Besuch ohne Belästigungen erleben werden“, sagte Rinn. Auch die vielen zu erwartenden englischen Fans seien sehr willkommen. Sie könnten sich auf die Tage in Frankfurt freuen, „die sie hoffentlich ungestört erleben können. Natürlich erwarten wir von unseren Gästen ebenfalls ein gebührliches und friedliches Verhalten, damit wir gemeinsam ein schönes, friedliches Fußballfest erleben können.“ (Julia Lorenz)
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