Bahnverkehr

„Bus finished“

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Der Ersatzverkehr startete südlich des Frankfurter Hauptbahnhofs.
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Ein zunächst entspannter Samstagnachmittag im Ersatzverkehr der Deutschen Bahn für die gesperrten Gleise der Riedbahn.

Wer von Frankfurt aus in die Nähe von Mannheim muss, überlegt sich eine Tour mit dem Ersatzbus gründlich. Gut zwei Stunden stehen im Fahrplan - doppelt so lange, wie der Regionalexpress brauchen würde. Für den Weg zur Arbeit und zurück ergibt das vier Stunden; das erscheint wenig praktikabel.

Eine Alternative ist denkbar: Mit umgeleiteten ICE zunächst nach Mannheim, dann mit dem Ersatzbus wieder ein Stück zurück nördlich. Doch an der Reisezeit ändert das wenig: Der Schnellzug wird auf der Umleitungsstrecke entlang der Bergstraße seinem Namen nicht gerecht, und in Mannheim sind zunächst 20 Minuten mit der Straßenbahn einzuplanen – denn die Ersatzbusse starten erst in einem nördlichen Vorort. Danach quälen sie sich durch die viel befahrene Bundesstraße 44. Kurzum: Fürs Pendeln führt am Auto kaum etwas vorbei.

An einem entspannten Samstag Mitte Januar soll es – schon interessehalber – dann aber doch mal ein Ersatzbus sein. Die Haltestelle am Südausgang des Frankfurter Hauptbahnhofs ist gut zu finden. Etwa ein Dutzend Reisende warten auf den „Bus RE70“, der wenige Minuten nach seiner geplanten Startzeit um 16.47 Uhr die Türen öffnet.

Etwa ein Dutzend Fahrgäste verlieren sich im langen Gelenkbus.

Angesichts zahlreicher Ersatzlinien fragen die meisten Fahrgäste, ob der Bus tatsächlich an ihrem Ziel hält: „Groß-Rohrheim?“, ruft ein Mann beim Einsteigen. Der Fahrer, der kaum deutsch spricht, überfliegt eine Digitalanzeige und ruft erfreut: „Ja, Groß-Gerau.“

Der Bus rollt entlang des Mains zur Autobahn. Es handelt sich um eines der in Lila gehaltenen Fahrzeuge, die die Deutsche Bahn selbst für den Ersatzverkehr beschafft hat. Draußen wird es langsam dunkel, drinnen schafft die Lila-Beleuchtung zunehmend so etwas wie Disco-Atmosphäre.

Blick in den Bahn-eigenen Ersatzbus mit Disco-Atmosphäre.

Die eigens eingebaute Kofferablage benötigt niemand; das WLAN funktioniert. Allerdings ist es ziemlich kalt. Nach einem gestikulierenden Austausch drückt der Fahrer verschiedene Tasten, bis eine 17 erscheint, die er dann auf über 20 ändert. Den mit einem Ausrufezeichen versehenen Hinweis auf dem Display „Reifendruck zu gering“ ignoriert er.

Am Frankfurter Kreuz auf der A5 erreicht der Bus Tempo 90. Der Wind pfeift zum lauten Brummen des Motors. Die Handy-App misst 80 Dezibel – in etwa die Geräuschkulisse, die Laubbläser oder Rasenmäher schaffen. Sound- und Lichtverhältnisse versetzten einige Fahrgäste in einen Dämmerschlaf.

Und so merkt kaum jemand, dass es vor dem Darmstädter Kreuz wegen einer Baustelle auf der Straße unübersichtlich wird. Hektisch wechselt der Bus die Fahrspuren – und lässt Griesheim rechts liegen. Stattdessen geht es ungewollt weiter südlich, vorbei an der Raststätte Pfungstadt, dann an der gleichnamigen Abfahrt raus – und schließlich von dort wieder zurück auf die Autobahn in die andere Richtung.

Gut gedacht, aber kaum genutzt: die Gepäckablagen im Ersatzbus.

Dass Ersatzbusse nicht den vorgesehenen Weg nehmen, kam durchaus öfter vor, wie Reisende berichteten. In Heppenheim an der Bergstraße hatte das erhebliche Konsequenzen: Dort blieb ein Fahrzeug in einem Tunnel stecken, der für den Bus zu tief war.

Hellwach sind die Gäste unserer Fahrt plötzlich, als wir im zweiten Anlauf über die Bundesstraße 26 Griesheim ansteuern. Denn die automatische Ansage, vielleicht vom zusätzlichen Fahrweg verwirrt, ruft statt der nächsten Station Goddelau fälschlich die übernächste Stockstadt aus. Der Fahrer kann sich den Trubel nicht erklären; die Reisenden beruhigen sich gegenseitig.

An einer Haltebucht stoppt der Ersatzbus plötzlich unerwartet. Der Fahrer steigt aus, läuft um den Bus, prüft etwas, telefoniert. Dann ruft er den Reisenden im gebrochenen Englisch zu „Bus finished“. Es zeigt sich: Das Fahrzeug ist defekt, die Reisenden sollen einige hundert Meter weiter an der Straßenbahn-Endhaltestelle in Griesheim ihr Glück versuchen.

Die Frauen und Männer machen sich auf den Weg. Bald danach rollt auf der Straße der nächste RE70-Bus vorbei. Einige Gestrandete wenden und rennen ihm hinterher. Tatsächlich stoppt der Folgebus am Pannenfahrzeug – um wieder loszufahren, kurz bevor die Meute außer Atem ankommt. Ein zweites Mal macht sie sich auf zur Straßenbahn. Viele fluchen dort, weil die Verbindungen ihnen kaum weiterhelfen.

An unserem - zunächst - entspannten Samstagabend nehmen wir noch die Straßenbahn nach Darmstadt, den Regionalexpress nach Weinheim, die OEG-Straßenbahn nach Viernheim und den Linienbus nach Lampertheim. So kommen wir auf eine Reisezeit vom drei Stunden und 15 Minuten. Und nehmen als Erkenntnis mit, wie schnell und leistungsstark vergleichsweise der Schienenverkehr sein kann, selbst wenn er hier und da mal ein paar Minuten später ist als geplant.

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