VonNiklas Hechtschließen
Der hessische DGB richtet eine Kampfansage an die Bundesregierung, die den Acht-Stunden-Tag abschaffen will. Doch die Meinungen in Hessen sind verschieden.
Wiesbaden – Der hessische Gewerkschaftsbund lehnt die Abschaffung des Acht-Stunden-Tages vehement ab. Der Vorsitzende des DGB-Bezirks Hessen-Thüringen, Michael Rudolph, teilte IPPEN.MEDIA auf Anfrage mit: „Der Acht-Stunden-Tag ist ein Schutzrecht, das sich die Beschäftigten hart erkämpft haben – und wir werden es nicht wieder hergeben.“
DGB-Chef Hessen: „Absehbar, dass Beschäftige zum längeren Arbeiten gedrängt werden“
Der Übergang von der täglichen zu einer wöchentlichen Höchstarbeitszeit, wie ihn die neue Bundesregierung im Koalitionsvertrag vereinbart hat, führe zu überlangen Arbeitszeiten von bis zu 13 Stunden, so Rudolph. Es sei durchsichtig, dass die Verlängerung der täglichen Arbeitszeit als Flexibilität im Sinne der Beschäftigten dargestellt werde. „Absehbar ist, dass gerade Beschäftigte, die diesen Schutz besonders brauchen, dann zum längeren Arbeiten gedrängt werden.“
Was für viele heute attraktiv erscheine, könne schon bald zu ungeahnten Mehrbelastungen führen, wenn aus dem vermeintlichen Angebot eine Pflicht werde, sagte der hessische DGB-Chef. Das Arbeitszeitgesetz biete bereits heute genügend Ausnahmeregelungen, die den Betrieben die notwendige Flexibilität ermöglichten, betonte Rudolph.
DGB und Linke in Hessen gegen Abschaffung des Acht-Stunden-Tages
Bereits in den vergangenen Wochen hatten führende Gewerkschafter wie DGB-Chefin Yasmin Fahimi und der Ver.di-Vorsitzende Frank Werneke die geplante Änderung des Arbeitszeitgesetzes scharf kritisiert. Die IG Metall Mannheim lud Bundeskanzler Friedrich Merz als Reaktion auf den Vorschlag zu einem Besuch im Betrieb ein.
„Ich empfehle dem Bundeskanzler Friedrich Merz, sich mal in drei Schichten ans Band bei John Deere oder beim Benz (Mercedes-Benz, Anm. d. Red.) stellen oder in den Büros die Arbeit mit fehlendem Personal auszuüben“, erklärte der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Mannheim, Thomas Hahl. „Das sind Knochenjobs! Außerdem sind die regelmäßigen Schichtwechsel eine starke Belastung für die Beschäftigten.“
Auch Links-Partei ist vehement gegen die Abschaffung des Acht-Stunden-Tags
Unterstützung in Hessen erhält Gewerkschaftschef Rudolph von der Linkspartei. Die Landesvorsitzende und Bundestagsabgeordnete Desiree Becker sagte auf Anfrage, in Deutschland werde nicht zu wenig gearbeitet, „das ist einfach so nicht richtig, wie Friedrich Merz das behauptet.“ Beschäftigten drohte mit der Abschaffung des Acht-Stunden-Tages „viel zu lange Arbeitstage, noch mehr Stress und höhere Belastung.“
Statt „unsozialer Debatten“ hätten diejenigen, „die das Land am Laufen halten“, einen höheren Lohn verdient, so Becker. Ähnlich wie Rudolph hält die hessische Linken-Chefin den Übergang zu einer reinen Wochenarbeitszeit für einen Abbau von Arbeitnehmerrechten „unter dem Deckmantel der Flexibilisierung“.
Künftig vier Zehn-Stunden-Tage in Deutschland?
Im Koalitionsvertrag von Union und SPD heißt es, Beschäftigte und Unternehmen wünschten sich mehr Flexibilität: „Deshalb wollen wir im Einklang mit der europäischen Arbeitszeitrichtlinie die Möglichkeit einer wöchentlichen anstatt einer täglichen Höchstarbeitszeit schaffen – auch und gerade im Sinne einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf.“
Tatsächlich spiegelt eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov für die Deutsche Presse-Agentur diesen Eindruck der Koalition. 38 Prozent der Befragten befürworten die Pläne der Bundesregierung, eine wöchentliche statt einer täglichen Höchstarbeitszeit einzuführen. Jeder fünfte (20 Prozent) lehnt dagegen den Vorstoß ab, 37 Prozent sehen das neutral.
Die Einführung einer Wochenarbeitszeit könnte zum Beispiel bedeuten, dass man statt fünf Acht-Stunden-Tage pro Woche vier Zehn-Stunden-Tage arbeitet. Statt der täglichen Höchstarbeitszeit, die es in der heutigen Form in Deutschland seit 1918 gibt, würde dann eine wöchentliche Höchstarbeitszeit gelten. Wobei die Frage im Raum steht, ob die Produktivität durch einen Zehn-Stunden-Tag tatsächlich steigen würde. Klar ist, dass die Viertagewoche von vielen Arbeitgebern eher skeptisch gesehen wird.
Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln legte zuletzt eine Untersuchung zu einer flächendeckenden Vier-Tage-Woche in Deutschland vor, in der gerade mal 20 Prozent der befragten Unternehmen angaben, dass eine solche Verdichtung der Arbeitszeit überhaupt möglich wäre. Zudem denken die meisten Unternehmen, dass sie durch dieses Modell am Ende mehr Personalkosten hätten, weil sie doch mehr Mitarbeiter einstellen müssten, um Aufträge am fünften Tag abzuarbeiten.
Hessen-CDU begrüßt Pläne für Wochenarbeitszeit
Der hessische CDU-Generalsekretär Leopold Born sieht im Übergang zur Wochenarbeitszeit dennoch eine Chance. Beschäftigte und Unternehmen wünschten sich mehr Flexibilität und verdienen mehr Selbstbestimmung, erklärte er auf Anfrage. „Arbeitnehmer und Arbeitgeber wissen selbst am besten, wie sie die Wochenarbeitszeit sinnvoll aufteilen.“
Der Plan sei insbesondere im Sinne der Beschäftigten, denen so eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglicht werde. „Ob das Pflegen von Angehörigen, das Wahrnehmen von Arztterminen oder die Kinderbetreuung“, zählte Born auf, all das werde einfacher.
Hohe Standards im Arbeitsschutz und die geltenden Ruhezeitregelungen würden „selbstverständlich beibehalten“, so der CDU-Generalsekretär, der „wieder eine positive Leistungskultur“ in Deutschland fordert. „Dafür muss ein Leistungs-Boost durch unsere Gesellschaft ziehen.“
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Das hessische Arbeits- und Sozialministerium unter Leitung von Ministerin Heike Hofmann (SPD) betonte gegenüber IPPEN.MEDIA, dass eine stärkere Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes im Sinne von mehr Vereinbarkeit von Familie und Beruf die Schutzrechte der Arbeitnehmer nicht schwächen dürfe. Vor einer möglichen Änderung des Arbeitszeitgesetzes werde zudem ein Dialog mit den Sozialpartnern geführt. Deren Kompetenz sei zur Ermittlung von Rahmenbedingungen für flexible Arbeitszeiten „unverzichtbar“.
Eine Einigung mit den Arbeitnehmervertretern scheint derzeit in weiter Ferne zu liegen.
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