Hersfeld-Rotenburg

EU-Entscheidung steht bevor: CDU-Politiker fordern Absenkung des Wolfs-Schutzstatus

  • schließen

Die Debatte um den Schutzstatus des Wolfs spitzt sich zu. Die Entscheidung könnte weitreichende Folgen für die heimische Tierwelt haben.

Hersfeld-Rotenburg - Mit einem gemeinsamen Brief haben sich mehr als 20 Jagd-, Agrar- und Umweltpolitiker der Unionsfraktionen aus den Ländern, darunter auch die heimische Landtagsabgeordnete Lena Arnoldt, dem Bund und dem Europäischen Parlament an Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) gewandt.

Hintergrund des Schreibens ist die in wenigen Wochen bevorstehende Entscheidung des Rates der Europäischen Union über eine Anpassung des Schutzstatus des Wolfs im Rahmen der Berner Konvention, die es dann auch erleichtern würde, den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen.

Bereits im vergangenen Dezember wurde von der Europäischen Kommission basierend auf einer eingehenden Analyse die Absenkung des Schutzstatus in der Berner Konvention von „streng geschützt“ auf „geschützt“ empfohlen. „Den EU-Mitgliedstaaten würden sich hierdurch größere Spielräume für ein aktives Management kritischer Wolfspopulationen eröffnen“, heißt es in einer Pressemitteilung von Lena Arnoldt.

Zustimmung einer qualifizierten Mehrheit der Mitgliedstaaten im Rat nötig

Für die Umsetzung des Kommissionsvorschlags bedarf es nun der Zustimmung einer qualifizierten Mehrheit der Mitgliedstaaten im Rat. Das Bundeslandwirtschaftsministerium hatte eine entsprechende Entscheidung im EU-Agrarministerrat bereits abgelehnt.

Die Zahl der Wölfe steigt in Hessen nachweislich seit Jahren an – auch die Anzahl an Rissen.

Eine Absenkung des Schutzstatus würde neben den CDU-Politikern auch Schäfer Burkhard Ernst aus Großalmerode, Sprecher des Hessischen Verbands für Schafzucht und -haltung, befürworten: „Das wird von uns Schafhalterverbänden schon lange gefordert. Der ‘Wolfsdruck’ ist regional sehr unterschiedlich, daher Bedarf es auch regional angepasste Maßnahmen. Die Herabsenkung des Schutzstatus würde hier alle Beteiligten handlungsfähiger machen, um eine Koexistenz aus Wölfen und Weidetieren überhaupt möglich zu machen.“

Der Nabu hält eine Absenkung des Schutzstatus und eine Aufnahme des Wolfs in das Jagdrecht, wie es die Hessische Landesregierung planen würde, hingegen für eine „kontraproduktive Scheinlösung, die niemandem hilft“, sagt Dieter Gothe vom Nabu-Kreisverband Hersfeld-Rotenburg. Damit würde den Tierhaltern eine Sicherheit vorgetäuscht werden, die es nicht gebe. „Wenn dadurch dann Herdenschutzmaßnahmen unterlassen werden, wird es durch neu zuwandernde Wölfe immer wieder Nutztierrisse geben“, sagt Dieter Gothe.

Der rechtliche Status des Wolfs müsse endlich an die Realität angepasst werden

Die Unionspolitiker, darunter die heimische Landtagsabgeordnete Lena Arnoldt, machen die Bedeutung der Herabsenkung des Schutzstatus für ein praxistaugliches Wolfsmanagement in Deutschland deutlich: So würde die Bundesrepublik mit schätzungsweise rund 3000 Tieren bereits heute die höchste Wolfsdichte weltweit besitzen, heißt es in der Pressemitteilung von Lena Arnoldt.

Vor allem Landwirtschaft und Weidetierhalter seien Leidtragende der unkontrollierten Ausbreitung. So habe sich auch die jährliche Zahl der Nutztierrisse durch den Wolf trotz massiver Investitionen in Herdenschutzmaßnahmen seit 2018 auf rund 4300 Risse im Jahr 2022 mehr als verdoppelt. Von der Bundesregierung erwarten die Unterzeichner deshalb die im Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung zugesicherte Schaffung der Voraussetzungen für ein regional differenziertes Wolfsbestandsmanagement.

Der rechtliche Status des Wolfs müsse endlich an die Realität angepasst werden. „Dafür eröffnet sich jetzt mit der Herabsenkung des Schutzstatus der Berner Konvention ein wichtiges Handlungsfenster. Dazu gehört neben der Änderung der Berner Konvention auch, dass Lemke endlich den günstigen Erhaltungszustand für das gesamte Bundesgebiet nach Brüssel meldet“, heißt es in der Pressemitteilung.

„Wolf ist in Deutschland vor allem für unsere Weidetierhalter verheerend“

Als Initiatorin des Schreibens erklärt die jagdpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion im Landtag von Baden-Württemberg und Vorsitzende der Gruppe der jagdpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Fraktionen der Länder, im Bund und in der EU, Sarah Schweizer: „Mit mehr als 20 000 Exemplaren in Europa ist der Wolf weder selten noch vom Aussterben bedroht. Die exponentielle Ausbreitung des Wolfs in Deutschland ist vor allem für unsere Weidetierhalter verheerend. Wir müssen uns fragen: Wie viel Biodiversität bringt der Wolf - und wie viel kostet er. Es kann doch nicht sein, dass eine Bestandsregulierung in der EU ausgerechnet am Land mit der höchsten Wolfsdichte scheitert. Die grüne Bundesumweltministerin Steffi Lemke muss endlich ihre ideologisch motivierte Blockadehaltung aufgeben.“

Auch Landtagsabgeordnete Lena Arnoldt betont die besondere Rolle der Entscheidung auf der europäischen Ebene: „Wir sind in Hessen bereits in den entsprechenden Gesprächen und Prozessen, um den Wolf in das Jagdrecht aufzunehmen. Es ist jedoch entscheidend, dass der Schutzstatus des Wolfs auch auf der europäischen Ebene der aktuellen Populationsentwicklung angepasst wird, damit die nationalen und regionalen Regelungen im Einklang stehen mit der EU-Politik.“

Ähnlich wie Arnoldt sieht es auch der Deutsche Bauernverband: „Die Bundesregierung darf nicht länger europäisches Recht zulasten der Weidetierhalter strenger umsetzen und damit mehrmals täglich Risse von Nutz- und Wildtieren durch Wölfe zulassen. Ein vorbeugender Herdenschutz durch eine Regulierung des Wolfsbestandes ist EU-rechtlich möglich und geboten, um die Weidetierhaltung und die gesellschaftliche Akzeptanz des Wolfes zu sichern“, erklärt der DBV-Generalsekretär Bernhard Krüsken.

Das sagt Dieter Gothe vom Nabu Hersfeld-Rotenburg:

„Der einzige nachhaltige Schutz vor Rissen, wie auch vom Bundesamt für Naturschutz empfohlen, sind prioritär ausreichend hohe und unter Strom stehende Zäune und gegebenenfalls Herdenschutzhunde.

Der Abschuss von Wölfen wäre in zweierlei Hinsicht kontraproduktiv: Erstens würde er die Initiative der Weidetierhalter ausbremsen, ihre Tiere zu schützen, obwohl ja Fördermittel dafür zur Verfügung stehen. Zweitens könnte durch den Abschuss einzelner erfahrener Wölfe die Sozialstruktur von Wolfsfamilien so gestört werden, dass die verbleibenden Tiere nicht mehr so erfolgreich im Jagen von Wildtieren sind. Dann wären sie gezwungen, häufiger an Nutztiere zu gehen. Mit dem Abschuss einzelner Wölfe wird Weidetierhaltern daher mehr geschadet als genutzt.

Dass Herdenschutz erfolgreich ist, zeigt unter anderem Sachsen-Anhalt: Dort konnte auf diese Weise die Zahl der gerissenen Schafe von 290 im Jahr 2020 auf 178 im Jahr 2023 abgesenkt werden. Der Vorstoß zur Änderung der Berner Konvention und von Bundesgesetzen ist daher unnötig.“ (Von Carolin Eberth)

Mehr zum Thema:

Immer mehr Wölfe in Hessen: 227 Mal wurden die Raubtiere 2023 in Hessen vom HLNUG offiziell nachgewiesen, ein Drittel der Fälle stammt aus den Landkreisen Hersfeld-Rotenburg, Werra-Meißner und Schwalm-Eder.

Rubriklistenbild: © Carolin Eberth

Kommentare