Medien und Jugend

Statt Fake-News und Populismus: App gegen Desinformation erstmals an Berufsschule in Darmstadt getestet

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Die App „Buzzard“ im Einsatz an einer Schule in Darmstadt.
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Die journalistische App „Buzzard“ vermittelt Schülerinnen und Schülern den Umgang mit Nachrichten. Jetzt könnte die App auch an anderen Schulen in Darmstadt verwendet werden.

Wenn Stefan Semmel früher seine Schülerinnen und Schüler fragte, ob sie ihm etwas zum aktuellen Tagesgeschehen erzählen könnten, „dann herrschte meistens gähnende Leere“. Und wenn jemand etwas gewusst habe, sei es oft Sensationsjournalismus gewesen, sagt der Politiklehrer der Friedrich-List-Schule in Darmstadt. Unter Jugendlichen dominiere die Meinung, Politik sei langweilig und man könne sowieso nichts ändern. „Schüler:innen informieren sich wenig bis gar nicht oder werden überschwemmt aus sozialen Medien wie Tiktok, Instagram, Youtube oder Whatsapp“, sagt Politiklehrerin Britta Becker. Laut Schulleiter Norbert Leist nehmen sie „Nachrichten nur als Stream wahr. Sie haben nicht gelernt, dass hinter unterschiedlichen Nachrichten etwa auf Facebook auch unterschiedliche Medien stehen“.

In einem einjährigen Pilotprojekt, das nun zu Ende ging, sollten die Schüler:innen mehr Medienkompetenz erwerben und erkennen, dass es sich lohnt, wenn man sich für das politische Tagesgeschehen interessiert. Zum Einsatz kam die Nachrichten-App „Buzzard“, die das gleichnamige Berliner Medienunternehmen seit 2019 betreibt und die seit 2020 in Schulen eingesetzt wird.

Medienbildung in Darmstadt: Aus der Blase rauskommen

Ziel der App ist es, Polarisierung, Desinformation und Populismus entgegenzuwirken und aus der eigenen, vorgefilterten Meinungsblase herauszukommen. In Zeiten von Extremismus, künstlicher Intelligenz und Desinformation sei das besonders wichtig, sagt Josephine Macfoy. Sie koordiniert bei „Buzzard“ Schulprojekte.

Verwendet wird die App laut Buzzard bereits an mehr als 1100 allgemeinbildenden Schulen in Deutschland. In Darmstadt wurde sie nun erstmals an einer Berufsschule getestet. 70 Lehrkräfte verwendeten sie im Unterricht mit zirka 1850 Berufsschüler:innen aus dem kaufmännischen Bereich.

Buzzard bündelt Medienstimmen des gesamten Meinungsspektrums in einer App und ordnet diese journalistisch ein. Konkret werden jeweils die drei wichtigsten Themen des Tages mit kurzen Einleitungstexten dargestellt. Zu jedem Beitrag gibt es eine Zusammenfassung der verschiedenen Stimmen im Diskurs – „von links bis konservativ“, erklärt Josephine Macfoy. Außerdem gibt es zu allen Themen Anmerkungen der Redaktion mit Quellenhinweisen.

Politik ist im Medienworkshop an der Friedrich-List-Schule zum Diskussionsthema geworden.

Semmel schätzt, dass sich durch die App jetzt 60 bis 70 Prozent der Schüler:innen in seinen beiden Klassen mehr informierten. Das Feedback der jungen Leute sei überwiegend großartig. Sie hätten erkannt, „dass man auch cool sein kann, wenn man informiert ist“, sagt Becker. „Heute schon gebuzzard?“, sei jetzt eine gängige Frage an der Schule.

Rada (19), sagt zum Beispiel: „Ich gucke täglich rein, damit ich über die Topthemen Bescheid weiß“. Vorher habe sie wenig mitbekommen, höchstens mal die Tagesschau bei den Eltern. Die 36 Jahre alte Emine fand es toll, „einen Überblick zu bekommen“. Und Jonas (22), der sich vorher schon gut informiert fühlte, sagt, er habe durch die App den Umfang seines Nachrichtenkonsums erweitert.

Für die Lehrkräfte bedeute die App zudem eine Zeitersparnis in der Unterrichtsvorbereitung, sagt Semmel. Denn täglich die Nachrichtenlage vorzubereiten, sei sehr aufwendig und könne nicht in dem erforderlichen Umfang geleistet werden. Schulleiter Leist sieht einen großen Vorteil darin, dass die Nachrichten übers Handy vermittelt werden – und das nutzten die Schüler:innen ja ohnehin – „sie müssen also ihre Routine nicht ändern, werden aber trotzdem innerhalb kurzer Zeit seriös informiert“.

Medienbildung in Darmstadt: Grünes Licht aus Schulamt

Um die Aufbereitung der Informationen kümmert sich ein Redaktionsteam aus Medienmacher:innen und Pädagog:innen, begleitet von einem Beirat aus renommierten Journalist:innen, darunter die frühere Digital-Chefredakteurin der Süddeutschen Zeitung, Julia Bönisch, und der ehemalige stellvertretende Chefredakteur der „Bild am Sonntag“, Christian Lindner.

Die Kosten des Modellprojekts von 16 000 Euro wurden weitegehend von der Entega Stiftung und der Sparkasse Darmstadt übernommen. Leist will die App auch nach Ende des Projekts weiter nutzen und dafür Landesmittel beantragen.

Aus dem städtischen Schulamt kam bereits grünes Licht für die Nutzung an weiteren Schulen. Man werde alle Schulen über die App informieren, sagt Marco Mazza, der Leiter des städtischen Medienzentrums. Für die Nutzung müssten die Schulen nur einen Antrag stellen.

Da Buzzard werbefrei und unabhängig arbeitet, ist laut Mitbegründer und Geschäftsführer Felix Friedrich eine solide Finanzierung für einen weiteren Ausbau des Projekts wichtig. Bisher gebe es Kooperationen in Nordrhein-Westfalen mit der Landeszentrale für politische Bildung. Auch mit dem bayerischen Digital- und dem Kultusministerium liefen Gespräche. In Sachsen-Anhalt war Buzzard laut Macfoy Kooperationspartner des Politiklehrertags 2022 und werde auch in diesem Jahr zum Tag der politischen Bildung beitragen. Die Stadt Lübeck (Schleswig-Holstein) habe Buzzard für alle Schulen angeschafft. 

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Transparenzhinweis: Der Text wurde am 6. Juni 2023 inhaltlich überarbeitet.

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